Friday 10. July 2020
#141 - September 2011

 

Islam in Europa und Islamophobie

Treffen des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE)

 

Vom 31. Mai bis 2. Juni 2011 fand in Turin das Treffen des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) für die Beziehungen mit den Muslimen in Europa statt. Rund 30 Vertreter aus etwa 20 Ländern Europas sowie aus Tunesien und der Türkei nahmen am Treffen teil und wurden von Erzbischof Cesare Nosiglia und Fr. Dr. Andrea Pacini, dem Sekretär der Kommission für den interreligiösen Dialog der Regionen Piedmont und Aostatal, begrüßt.

 

Auf der Tagesordnung standen Themen wie die Aufstände in den arabischen Ländern und die dortigen Beziehungen zwischen Christen und Muslimen. In diesem Zusammenhang brachte der Erzbischof von Tunis, Mgr. Maroun Lahham, die Hoffnung zum Ausdruck, dass es für die arabischen Christen im Zuge des arabischen Frühlings Religionsfreiheit und echte gleichberechtigte Bürgerschaft geben werde. Zwei weitere wichtige Themen im Zusammenhang mit der Integration muslimischer Gemeinschaften in die europäische Gesellschaft waren der europäische Islam aus Sicht der Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Europa sowie die wachsende Islamophobie in christlichen Gemeinschaften und in der Gesellschaft allgemein.

 

Vor dem Hintergrund der sechs Wochen später in Oslo und auf der Insel Utoya vom Norweger Anders Breivik im Namen des Kampfes gegen die sogenannte „Islamisierung“ seines Landes und Europas allgemein verübten tödlichen Anschläge als Reaktion auf die vermeintliche Nachlässigkeit der Politik mit Blick auf Multikulturalismus und Einwanderung wird die ganze Aktualität dieser Themen deutlich.

 

Der Islam institutionalisiert sich in Europa

 

Der Islam stellt in Europa eine Minderheitsreligion dar. Im Vergleich zu den traditionell in Europa verwurzelten Religionen, so Alessandro Ferrari, Juraprofessor an der Universität Insubria, litten die muslimischen Gläubigen aufgrund der in Bezug auf die Ausübung des Rechts auf Religionsfreiheit geltenden Grenzen unter gewissen Benachteiligungen (wie etwa das Schleierverbot oder der Widerstand gegen den Bau von Moscheen und Minaretten). Nicht mit dem Prinzip der religiösen Selbstbestimmung vereinbar seien zudem die aktuellen Bemühungen, für die Beziehungen des Islams mit den öffentlichen Behörden eine für alle gleichermaßen geltende Einheitslösung zu finden.

 

Gleichzeitig gilt, wie wir bereits an anderer Stelle festgestellt haben (siehe Europeinfos, Nr. 124), dass wir soziologisch gesehen einer fortschreitenden Europäisierung des Islams in seinem neuen Kontext beiwohnen (und keiner sogenannten „Islamisierung Europas“, wie in der heutigen politischen Debatte ideologisch so gerne behauptet wird). So begrüßten die Konferenzteilnehmer ausdrücklich die schrittweise Inkulturation des Islams in Europa : „Kulturelle und theologische Initiativen als Ausdruck dessen, was als „Theologie der Inkulturation“ beschrieben wird, werden mit großem Interesse verfolgt, da sie Prozesse der positiven Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben Europas in einem pluralistischen, für den interreligiösen und interkulturellen Dialog offenen Kontext ermöglichen und fördern.“

 

Natürlich sind noch nicht alle Herausforderungen gemeistert. Eine Herausforderung sah Fr. José-Luis Sanchez Nogales von der Universität Granada etwa in der Ausbildung von Imams in Europa für europäische Muslime. Zu viele außereuropäische Imams, so Sanchez Nogales, wüssten nichts über das Leben in Europa oder seien der europäischen Sprachen nicht mächtig, übten aber inzwischen ihre pastorale Tätigkeit bei Nachkommen der dritten oder vierten Generation von Einwandererfamilien aus. Insofern sei die Bereitstellung spezieller Ausbildungskurse, wie vom Katholischen Institut Paris angeboten, sehr wichtig.

 

Die Konferenzteilnehmer sprachen sich des Weiteren für islamischen Religionsunterricht an staatlichen Grund- und weiterführenden Schulen aus, an denen auch andere Glaubensrichtungen unterrichtet werden. Zur qualitativen Verbesserung des gesamten Bildungssystems in diesem Bereich wurde auch die Einrichtung islamischer Lehrstühle an den staatlichen Universitäten angeregt, ein Thema, über das Helmut Wiesmann von der Deutschen Bischofskonferenz referierte.

 

Wachsende Islamophobie

 

Beim Begriff Islamophobie unterschieden die Vortragenden zunächst einmal klar zwischen der Angst vor dem Islam bzw. vor Muslimen und Animosität, Feindseligkeit oder gar Hass gegenüber dem Islam bzw. Muslimen. In diesem Zusammenhang (siehe Europeinfos, Nr. 124) haben wir bereits den Unterschied zwischen primärer Islamophobie (begründete oder unbegründete Angst des „normalen Bürgers“, welche mitunter durch die Medien geschürt wird, die in übertriebener Weise über lokal auftretende, einzelne Vorfälle berichten) und politischer Islamophobie (bei der Ängste manipuliert werden, indem Menschen, die anders oder ausländischen Ursprungs sind, abgelehnt werden, insbesondere durch die Verallgemeinerung lokal auftretender oder einzelner Vorfälle, mit dem Ziel, diese zu Themen nationaler oder gar europäischer Relevanz zu machen) erläutert. Dieser Taktik, so Fr. Christophe Roucou, Direktor des französischen katholischen Dienstes für die Beziehungen mit dem Islam, bedienten sich insbesondere populistische und rechtsextreme Parteien, sie sei aber leider auch immer häufiger in einigen katholischen Kreisen „normaler“ (nicht nationalistischer oder rechtsextremer) Menschen zu beobachten und gegen diejenigen gerichtet, die sich im christlich-muslimischen Dialog engagieren.

 

Neben Populismus und Medienhype gibt es noch eine Reihe weiterer Gründe für Islamophobie, die in der Geschichte bzw. in deren politischer Manipulation, aber auch in christlich-muslimischen Konflikten unterschiedlichster Natur (iberische Halbinsel, Balkanländer) liegen. Zudem erachten wir bestimmte Verhaltensmuster als „störend“ oder gar „schockierend“, wie die Tatsache, dass manche Muslime sich weigern, jemandem vom anderen Geschlecht die Hand zu geben. Auch der radikale Fundamentalismus bestimmter Gruppen und Einzelpersonen schürt Ängste. Dr. Erwin Tanner von der Schweizer Bischofskonferenz brachte dies folgendermaßen auf den Punkt: „Die im Alltag erlebte kulturelle und religiöse Pluralität macht uns nicht zwangsläufig glücklich.“ Oder um den ersten muslimischen Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, zu zitieren: „Kulturelle Unterschiede nur als Bereicherung zu verstehen, wird den Gefühlen eines großen Teils der Gesellschaft nicht gerecht“. Gleiches gilt für die Behauptung, Stadtbilder oder Landschaften würden durch den Bau von Moscheen, welche die traditionellen Silhouetten durch neue Symbole ergänzen, „verschandelt“. Hinzu kommt die Angst vieler vor einem explosionsartigen Anstieg der muslimischen Bevölkerung, die, so das Argument, zu einer muslimischen Mehrheit in Europa werden könnte. Derartige Theorien werden aber durch wissenschaftliche demografische Studien wie die vom Pew Research Forum widerlegt. Zwar ist ein derartiger demografischer Wandel in einigen europäischen Städten und Stadtbezirken bereits zu beobachten, wodurch das Gefühl geschürt wird, „überfallen zu werden“ (Fr. Roucou), glaubt man jedoch den Vorhersagen für die demografische Entwicklung in Westeuropa, so wird die muslimische Bevölkerung lediglich in zwei Ländern (Belgien und Frankreich) bis zum Jahre 2030 den Schwellenwert von 10 % der Gesamtbevölkerung erreichen. International ist das Bild des Islams durch den islamistischen Terror geprägt, vor allem durch die Anschläge vom 11. September in den USA und denen von Madrid (2004) und London (2005). Doch auch die Situation der Christen in einer Reihe von Ländern mit muslimischer Mehrheit trägt zu diesem negativen Image bei. Der Islam wird oftmals auf die politische Ideologie des islamischen Fundamentalismus reduziert.

 

Welche seelsorgerischen Initiativen sollte die Kirche ergreifen?

 

Der stellvertretende Präsident des CCEE, Kardinal Jean-Pierre Ricard, erklärte zusammenfassend: „Man muss die Menschen und ihre Ängste ernst nehmen und sich gleichzeitig der politischen Mechanismen bewusst sein, die diese Ängste ausnutzen und manipulieren, sie gar in Hass ausarten lassen“. Wir haben bereits an anderer Stelle auf die aktuelle Tendenz einer gewissen ungezügelten Islamophobie hingewiesen, bei der es sich aber nicht um echten Rassismus handeln soll. Zu diesem Thema verwies Fr. Christian Troll von der Theologischen Fakultät Sankt Georgen in Frankfurt auf die vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden in seinem Artikel Die Kirche und der Rassismus – Für eine Brüderliche Gesellschaftvertretene Position: „Wenn Rasse als Gruppe von Menschen mit unverkennbaren, erblich bedingten physischen Merkmalen definiert wird, so können rassistisch motivierte Vorurteile, die die Grundlage für rassistisches Verhalten darstellen, mit all ihren negativen Auswirkungen auf sämtliche Menschen ausgeweitet werden, deren ethnische Herkunft, Sprache, Religion oder Gepflogenheiten sie anders erscheinen lassen.“

 

Es gibt keinen Mangel an maßgebenden kirchlichen Quellen, von der vom Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedeten Erklärung Nostra Aetate bis hin zu den vom Heiligen Stuhl herausgegebenen Grundsatzschriften. Diese Erklärungen sollten über die katholische Kirche auf allen Ebenen bekannt gemacht werden. Fr. Christian Troll und Fr. Christophe Roucou betonten, wie wichtig es sei, dass alle Gläubigen, aber auch angehende Priester, Diakone, Katecheten und Pastoralassistenten mithilfe von entsprechendem didaktischem Material und Kommunikationsmethoden, insbesondere den modernen elektronischen Medien über den Islam informiert und im interreligiösen Dialog geschult werden. Dies gelte auf theologischer wie auf pastoraler Ebene. Ferner sollten die „christlich-muslimischen Beziehungen“ zu einem grundlegenden Bestandteil des Gemeindelebens werden und die Katholiken ermutigt werden, Muslimen auf partnerschaftlicher Ebene zu begegnen. „Der interreligiöse Dialog steht nicht zur Diskussion“ bekräftigte Kardinal Ricard, Vizepräsident des CCEE : „Er ist nicht optional. Dort, wo es keinen Dialog gibt, verfestigen sich gegenseitige Ignoranz und Vorurteile. Gewalt ist nicht weit, wir wären zum Kampf der Kulturen verurteilt.“

 

Abschließend verwies Kardinal Jean-Louis Tauran, der Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, auf drei Herausforderungen für den christlich-muslimischen Dialog in Europa: „die Herausforderung der Identität (wissen und akzeptieren, wer und was wir sind), die Herausforderung des Andersseins (unsere Unterschiede sollten nicht in Hass münden, sondern als Quelle der gegenseitigen Bereicherung verstanden werden) sowie die Herausforderung der Aufrichtigkeit (den eigenen Glauben leben, ohne ihn dem anderen aufdrängen zu wollen, in einem pluralistischen Kontext und mit einem offenen Herzen für den Dialog). Im Anschluss an die allgemeine Diskussion verließen die Teilnehmer die Sitzung, begleitet von den aufmunternden Worten und dem Segen von Kardinal Tauran: „Möge die Angst vor dem anderen zur Angst um den anderen werden!“

 

Prof. Dr. Vincent Legrand

Université catholique de Louvain (UCL)

 

Fr. Dr. Joe Vella Gauci

Berater der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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