Tuesday 7. April 2020
#141 - September 2011

 

Erprobte Regeln für eine hoffnungsvolle Zukunft

 

Während immer mehr Mitgliedstaaten der EU ihre bisherige Integrationspolitik in Frage stellen, wird auch innerhalb der Katholischen Kirche über neue Wege des Dialogs mit muslimischen Bürgern debattiert. Martin Rupprecht ist Pfarrer in Wien und Leiter der Kontaktstelle für christlich-islamische Begegnung in der Erzdiözese Wien. Auf Grundlage seiner Erfahrungen hat er einige Grundprinzipien ausgearbeitet.

 

Die Konfrontation mit dem Islam wurde auch für viele in der Kirche zu einer willkommenen Gelegenheit um ein Bedrohungsszenario aufzubauen: die höhere Geburtenrate wird betont und manche wollen nachweisen, dass die Gewalt dem Islam inhärent sei, weshalb eine Verteidigungsstrategie ausgearbeitet werden müsse.

 

Nun ist es psychologisch verständlich, dass in einer Phase der gefühlten Schwächung der eigenen Identität, der Aufbau eines Feindbildes helfen kann, doch ist diese nachvollziehbare Reaktion nicht hilfreich für ein tragfähiges Model des Zusammenlebens; schon gar nicht ist es eine christliche Haltung. Aus den Erfahrungen unserer Dialogbemühungen, und wir können doch von einer gewissen „Erfolgsgeschichte“ berichten, konnten wir folgende Prinzipien herausarbeiten:

 

„Audiatur et altera pars – man höre auch die andere Seite“; ob es um eine Koranauslegung geht oder um Verfolgung von Christen im Irak, und mag die Sachlage augenscheinlich noch so klar sein, so handelt verantwortungsvoll nur, wer sich auch um die Darstellung der anderen Seite bemüht.

Wenn wir beispielsweise die Sachlage des grausamen Massakers mit 58 Toten in einer Kirche in Bagdad zu Weihnachten 2010 betrachten, so müssen wir hinzufügen, dass bereits am nächsten Tag ein Anschlag auf eine schiitische Moschee in Bagdad über 100 Todesopfer forderte. Wir müssen sehen, dass es terroristische Gruppen gibt, die tatsächlich die Absicht verfolgen, die Christen aus islamischen Ländern zu vertreiben, dass aber viele Muslime in gleicher Weise darunter leiden.

Lernprozesse zulassen und begleiten: Die Geschichte der römisch-katholischen Kirche ist ein Paradebeispiel für Lernprozesse. Davon zu erzählen, theologische Weiterentwicklungen aufzuzeigen, sowie das Wirken des Hl. Geistes darin sichtbar zu machen, kann eine Form freundschaftlicher Begleitung für Muslime sein. Aussagen von Kirchenrepräsentaten: „Es kann keinen theologischen Dialog zwischen Christen und Muslimen geben“ oder „Du kannst niemals einem Muslim trauen“ sind m.E. Sünden wider des Hl. Geistes, von denen es in Mt 12,31 heißt, dass nur sie nicht vergeben werden.

 

Der Mensch, nicht der Christ ist Mittelpunkt unserer Sorge: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Gaudium et Spes 1. Die Einteilung in Christen und Nichtchristen ist für viele innerkirchliche Prozesse notwendig, doch darf dies nicht zu einer Dynamik des „ihr und wir“ führen. Die Berufung auf ein „ihr und wir“ - Schema dient politischer Agitation und führt zum Hass und zur Spaltung.

 

Sich beim Gebet erleben: Im Mai 2011 unternahmen wir einen Kanzeltausch. Der Imam Hizir Hoca predigte bei der Sonntagsmesse in meiner Kirche, ich durfte beim Freitagsgebet in der Moschee zu den Muslimen sprechen. Dem voraus gingen Jahre gegenseitiger Einladungen, Schulungen, Glaubensseminare. Vor allem aber Besuche bei den Gottesdiensten. Wann haben Muslime Christen im Gebet erlebt? Wann Christen einen Tag islamischen Fastens in einer Familie beobachtet?

 

Das Wirken Gottes im Anderen als Botschaft an mich erkennen: „Deshalb mahnt sie (die Kirche) ihre Söhne, daß sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.“ Nostra Aetate 2.
Die islamische Fastenkultur, die Alkoholabstinenz, die strenge Form der Tagesunterbrechung für das Gebet – sind das nicht Bereiche, von denen wir lernen können und müssen? Sind das nicht Hinweise des Geistes für mich? Können wir nicht den Muslimen sagen, wie wunderbar diese Glaubenspraxis ist, ohne gleich mit der theologischen Keule zu kommen, welche meint, dass das ein anderes Gottesbild ist etc.

 

Die Aufgabe der Kirche ist es, eine Perspektive zu entwickeln, die Frieden stiftet. Wir müssen endlich ein aktives Programm entwickeln, das den positiven Willen vieler Muslime ernst nimmt, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Wir sollten beginnen nicht mehr über Muslime, sondern mit ihnen zu sprechen und zu planen.

 

Martin Rupprecht

Leiter der Kontaktstelle für christlich-islamische Begegnung, Erzdiözese Wien

 

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