Mittwoch 21. November 2018
#142 - Oktober 2011

 

Der richtige Umgang mit hassbedingten Übergriffen und Verbrechen gegen Christen

 

Die Präsidentschaft der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat gemeinsam mit dem OSZE-Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte (BDIMR) eine Tagung zum Thema hassbedingte Übergriffe und Verbrechen gegen Christen veranstaltet.

 

Das OSZE-Treffen vom 11. und 12. September 2011 zum Thema Vorbeugung und Reaktion auf hassbedingte Übergriffe und Verbrechen gegen Christen bot Gelegenheit, ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen. Des Weiteren stellte es eine positive Folgemaßnahme zur jüngsten Resolution der parlamentarischen Versammlung der OSZE über die Bekämpfung von Intoleranz und die Diskriminierung von Christen im OSZE-Raum dar. Die Teilnehmer sprachen sich u. a. für die Schaffung einer internationalen Datenbank zur Registrierung von Übergriffen gegen Christen aus. Metropolit Hilarion Alfeyev betonte in seiner Rede, die Praxis zeige, dass die Position der Mehrheit, die in nahezu allen OSZE-Teilnehmerstaaten traditionell aus Christen bestehe, bei weitem nicht der beste Garant für die Achtung der Rechte dieser Christen sei. Er verwies auch auf die Gefahr, dass religiöse Vielfalt als Vorwand für die Verbannung christlicher Symbole aus dem öffentlichen und politischen Raum in Europa „genutzt“ wird. Seine Exzellenz, Monsignore Dominique Mamberti, der Sekretär des Heiligen Stuhls für die Beziehungen mit den Staaten, erinnerte daran, dass selbst wenn die meisten hassbedingten Übergriffe gegen Christen außerhalb der OSZE zu beobachten seien, es doch auch innerhalb der OSZE Besorgnis erregende Zeichen gebe. Er führte in diesem Zusammenhang den jüngsten Jahresbericht des BDIMR über hassbedingte Übergriffe an, in dem von Fällen der Entweihung religiöser Stätten, Brandstiftung und anderen Formen der Sachbeschädigung, aber auch von Angriffen auf Gottesdienstbesucher und religiöse Führer die Rede ist. Zur Vorbeugung von Hassdelikten, so Msgr. Mamberti, sei eine vollumfängliche und grundlegende Förderung und Konsolidierung der Religionsfreiheit erforderlich. Christen in Europa würden zwar nicht brutal verfolgt, doch bedeute dies nicht, dass es das Phänomen der Diskriminierung von Christen nicht gebe: So wachse auch in Europa die Zahl von auf Vorurteilen basierenden Übergriffe gegen Christen. Vor diesem Hintergrund forderte Msgr. Mamberti, konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung der Intoleranz gegen Christen zu erarbeiten.

 

Zunehmende Intoleranz

Die OSZE-Tagung bietet eine gute Gelegenheit zur Reflexion. Zunächst einmal gibt es eine Verbindung zwischen der Intoleranz bzw. der Diskriminierung von Christen und der Rolle, die Kirchen und Religion für das öffentliche Leben und die uneingeschränkte Ausübung des Grundrechts auf Religionsfreiheit in Europa spielen. Einige antichristliche Übergriffe scheinen darauf angelegt zu sein, die Kirche und die christliche Gemeinschaft einzuschüchtern, mit dem Ziel, diese aus dem öffentlichen Raum und der öffentlichen Debatte zu „verbannen“. Auch der aggressive Säkularismus und der Atheismus tragen zur Schaffung eines Klimas der Diskriminierung und der Intoleranz gegenüber Christen bei. Die lautstärksten Verfechter der kategorisch weltlichen Agenda (in Brüssel und anderswo) zeigen bestenfalls mäßiges Interesse an der Notwendigkeit der Bekämpfung derartiger Phänomene. Hinzu kommt, dass derartige Besorgnis erregende Übergriffe gegen andere religiöse Gemeinschaften bzw. Minderheiten nicht so einfach versucht oder zumindest nicht so einfach toleriert würden; Grund genug für eine eingehende Analyse der Ursachen dieses Problems. Wichtig ist es, dafür zu sorgen, dass über die stärkere Priorisierung des Schutzes anderer religiöser Minderheiten und Minderheitsgruppen der den Christen gleichermaßen zustehende Respekt nicht vernachlässigt wird.

 

Eine weitere, in letzter Zeit verstärkt zu beobachtende Tendenz ist die nachlassende Toleranz gegenüber der sichtbaren Präsenz des christlichen Glaubens im öffentlichen Raum. Mitunter manifestiert sich Intoleranz und Diskriminierung von Christen nämlich auch darin, dass noch nicht einmal mehr der Anblick der Symbole des christlichen Glaubens toleriert wird. Ein wiederum anderes Kapitel sind Organisationen und Minderheitsgruppen, die von anderen Toleranz einfordern, sich selbst aber intolerant gegenüber Religion an sich (insbesondere aber gegenüber der christlichen Religion) verhalten, indem sie die Kirche im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen lächerlich machen oder gar beleidigen.

 

Mögliche Reaktionen

Das Phänomen der Intoleranz und der Diskriminierung von Christen darf unter keinen Umständen unterschätzt werden. Übergriffe erfolgen oft auf subtile Art oder werden von den Medien nicht aufgegriffen. Oberste Priorität sollte es demnach sein, das Bewusstsein für derartige Vorfälle wachzuhalten bzw. dort, wo es entweder nachlässt oder nicht existent ist, neu aufzubauen.

 

Bei der Bekämpfung dieses Phänomens geht es nicht nur um strafrechtliche Maßnahmen. So wie es pädagogische Maßnahmen im Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gibt, sollten auch vergleichbare Initiativen zur Bekämpfung christenfeindlicher Übergriffe und Einstellungen ergriffen werden. Lehrmaterial und Lehrpläne sollten den bedeutenden Beitrag des Christentums, darunter auch dessen Rolle bei der Förderung einer toleranteren Gesellschaft, positiv darstellen und betonen.

 

Die Kirchen können sicherlich mit Information, Rat und Tat zur Lösung des Problems beitragen. Auf nationaler Ebene sollte das Thema im Rahmen eines strukturierten Dialogs zwischen den öffentlichen Einrichtungen und den Kirchenvertretern diskutiert werden; Gleiches gilt idealerweise für die regionale und lokale Ebene.

Auch die Medien tragen Verantwortung: Sie sollten nicht nur aufgefordert werden, die Schaffung eines christenfeindlichen Klimas, welches zu Intoleranz und Diskriminierung von Christen führen kann, zu vermeiden (bzw. keine antichristliche Einstellungen zu propagieren), sondern sich vielmehr für Respekt und Toleranz einzusetzen und gleichzeitig gegen entsprechende feindliche Stereotypen vorzugehen.

Zur Lösung des Problems könnten zudem vorbeugende Schulungsmaßnahmen für Justiz- und Strafverfolgungsbeamte ins Auge gefasst werden, um bei ihnen ein Bewusstsein für christenfeindliche Hassdelikte und Verbrechen zu entwickeln.

Diejenigen Organisationen, die dazu beitragen, das Phänomen zu bekämpfen und auszumerzen, sollten ferner institutionell unterstützt werden, damit sie ihre Strategien effizienter durchführen und ihre Aktionen besser planen können. Oftmals ist es für solche Organisationen äußerst wichtig, von den nationalen bzw. supranationalen Institutionen nicht „allein gelassen“ zu werden (oder nicht das Gefühl zu haben, allein gelassen zu werden). Im Gegenzug sollten Organisationen oder Gruppen, die Akte der Intoleranz und der Diskriminierung von Christen direkt oder indirekt, explizit oder implizit unterstützen oder durchführen, von jedweder finanzieller oder auch nicht-finanzieller Unterstützung ausgeschlossen werden. Auf diese Weise würden beispielsweise mehr Gelder in Forschungsinitiativen fließen, mit denen der Reflexionsprozess vertieft, die Datenerhebung gefördert und die Grundlage für weitere Maßnahmen gestärkt werden könnten.

Auch andere, nicht-christliche religiöse Gemeinschaften sind aufgefordert, sich eindeutig auf die Seite der Christen zu stellen und diese zu unterstützen, wenn sie Opfer von Angriffen, Diskriminierung oder Intoleranz werden. Dieser Prozess könnte durch einen fruchtbaren Dialog und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den jeweiligen Kirchen und religiösen Gemeinschaften ergänzt werden.

 

Schließlich muss vermieden werden, dass bestimmte Minderheitsgruppen, die mit einer Beschneidung der Meinungs- und Religionsfreiheit drohen, das Thema der Intoleranz gegen Christen für ihre Zwecke missbrauchen.

 

Viel wird unternommen, um Antisemitismus und Islamophobie entgegenzutreten. Neuere Erkenntnisse zeigen aber, dass es dringend ist, dieses Bild mit gleichermaßen entschiedenen Anstrengungen beim Entgegentreten hassbedingter Übergriffe und Verbrechen gegen Christen in Europa zu vervollständigen.

 

Es bleibt abzuwarten, ob sich die EU-Institutionen dieses Themas in den kommenden Jahren mit genauso großem Eifer annehmen werden, wie sie es bei anderen Themen tun, oder ob sie ihre derzeit eher lethargische Haltung in diesem Bereich beibehalten. Letztendlich sollten hassbedingte Übergriffe und Verbrechen gegen Christen in Europa den gleichen Kriterien unterworfen werden wie denen, die im Falle anderer, u. U. stärker im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehenden Phänomene unserer Zeit (wie etwa Islamfeindlichkeit) gelten. Das Problem übermäßig aufzubauschen wäre sinnlos, es zu unterschätzen jedoch ein Fehler.

 

 

Alessandro Calcagno

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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