Wednesday 28. October 2020
#142 - Oktober 2011

 

Konferenz im Europäischen Parlament zur Enzyklika Laborem Exercens

 

Am 21. September fand im Europäischen Parlament eine Konferenz statt, die nicht nur aufgrund ihres Themas, sondern auch aufgrund der Vielfalt der Referenten und der beteiligten Organisatoren für Überraschung sorgte.

 

Der 30. Jahrestag der Enzyklika Laborem Exercens war für rund 100 Konferenzteilnehmer Anlass, sich von der Aktualität der Enzyklika aus dem Jahre 1981 zu überzeugen, in der von der existentiellen Bedeutung der Arbeit für den Menschen die Rede ist. Papst Johannes-Paul II. hatte die Enzyklika in erster Linie verfasst, um die polnische Bewegung Solidarnosc, die sich damals als erste freie Gewerkschaft im kommunistischen Block gebildet hatte, richtungsweisend zu unterstützen.

 

Über dieses unmittelbare Anliegen hinaus ging es den Organisatoren der Konferenz, der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE), der Fraktion der Europäischen Volkspartei sowie der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten im Europäischen Parlament darum, die aktuelle Bedeutung dieses Textes für ein Europa hervorzuheben, das sich am Scheideweg befindet und seinen Platz und seine Rolle in einer globalisierten Weltwirtschaft bestimmen muss. Zur Konferenz waren zahlreiche Referenten aus Politik und Kirche sowie aus Gewerkschafts- und Hochschulkreisen geladen.

 

Eröffnet wurde die Konferenz vom MdEP Othmar Karas, der einen Bogen schlug von der Enzyklika über die Soziallehre der Kirche allgemein bis zum Vertrag von Lissabon, der als eines der Hauptziele der Europäischen Union die „soziale Marktwirtschaft“ einführt. Hauptredner der Veranstaltung war Kardinal Peter Turkson, der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden im Vatikan. Turkson betonte die Notwendigkeit eines umfassenden Verständnisses für die Würde des Menschen und der menschlichen Arbeit: „Als Person ist der Mensch Subjekt der Arbeit. Als Person arbeitet er und vollzieht die verschiedenen Handlungen, die zum Arbeitsprozess gehören; unabhängig von ihrem objektiven Inhalt müssen diese alle der Verwirklichung seines Menschseins dienen.“

 

Vittorio Prodi, Mitglied der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten, hob den Begriff des „indirekten Arbeitgebers“ hervor, der in Laborem Exercens in dem Sinne Verwendung findet, als dem Staat „eine gerechte Arbeitspolitik“ obliegt (Laborem Exercens, 17,2). Für Prodi ist dieser Ansatz auch im Hinblick auf die Weltwirtschaft und die Globalisierung von großem Nutzen. Unterstützung in dieser Hinsicht gab es vom Jesuiten und Beirat für sozio-religiöse Angelegenheiten am Sitz der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Pierre Martinot-Lagarde. In seiner Rede bot dieser einen Überblick über Laborem Exercens (1981), aber auch über die Enzyklika Centesimus Annus (1991) und die von Papst Johannes XXIII. im Jahre 1961 veröffentlichte Enzyklika Mater et Magistra. Die Bekämpfung von Ungerechtigkeit und Arbeitslosigkeit sowie der Schutz der Freiheit der Gewerkschaften seien, so Martinot-Lagarde, der wichtigste Beitrag, den die Soziallehre der Kirche bei der Suche nach dem weltweiten Gemeinwohl heute leiste.

 

Die Gewerkschaften wurden vom stellvertretenden Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes (ETUC), Jozef Niemiec, vertreten. In seiner Rede hob Niemiec die Bedeutung der Enzyklika hervor, die diese 1981 für Solidarnosc und für ihn persönlich gehabt habe. Stanislawa Golinowska, Leiterin des Fachbereichs Gesundheitsökonomie und soziale Sicherung an der Jagiellonian Universität in Krakau, präsentierte aktuelle Zahlen zur Arbeitslosigkeit der jungen Menschen (20 % der 15- bis 24-Jährigen im Juli) und äußerte sich zum Rückgang der Gewerkschaftsmitgliedschaften in Europa sowie zur anhaltenden Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der Arbeitswelt.

 

Sylvie Goulard, Mitglied der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa, hob ebenfalls diesen letzten Punkt hervor und forderte die Kirche auf, Stimme der Armen in der Wirtschaftskrise zu sein, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen werde. Es sei Aufgabe der jetzigen Generation politisch Verantwortlicher, nach Jahren der Verschwendung und Verschuldung im Bereich der öffentlichen Finanzen erneut für Glaubwürdigkeit zu sorgen. Die Fehler der letzten Jahre hätten unweigerlich Auswirkungen auf den Lebensstandard der Bevölkerung, so dass den Ärmsten zusätzliche Aufmerksamkeit zukommen müsse.

 

In seiner Abschlussrede äußerte der Generalsekretär der COMECE, Pater Piotr Mazurkiewicz, seine Freude über die Veranstaltung einer solchen Konferenz, die zeige, dass die Soziallehre der Kirche nicht Eigentum einer einzigen politischen Fraktion sei. Er verwies darauf, dass Jesus durch seiner Hände Arbeit in gewisser Weise die Würde der menschlichen Arbeit aufgewertet und damit die antike Philosophie, laut derer Arbeit ein Fluch war, revolutioniert habe. Allerdings müsse Arbeit immer auch mit Ruhephasen einhergehen. Die Enzyklika Laborem Exercens bezeichne das Recht auf Ruhe als eine der gesellschaftlichen Forderungen: „Es handelt sich hier vor allem um die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit, die zumindest den Sonntag umfassen sollte, ferner um eine längere Erholungszeit, den sogenannten Urlaub, (…)“ (LE Nr. 19,6). Der Einsatz der COMECE für einen deutlicheren Schutz des Sonntags auf europäischer Ebene gründe unter anderem auch auf der Lehre des seliggesprochenen Papstes Johannes-Paul II.

 

Die größte Aktualität der Enzyklika Laborem Exercens liegt jedoch in ihrer Warnung vor der Gefahr des Materialismus: „Man kann und muss diesen fundamentalen Irrtum des Denkens auch einen Irrtum des Materialismus nennen, insofern der Ökonomismus direkt oder indirekt die Überzeugung vom Primat und Vorrang des Materiellen enthält, während er das Geistige und Personhafte direkt oder indirekt der materiellen Wirklichkeit unterordnet.“ (LE Nr. 13,3). Sich vorrangig auf materielle Werte stützen würde mittel- und langfristig zu einer Katastrophe innerhalb der Europäischen Union und der gesamten westlichen Welt führen.

 

Stefan Lunte

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

Auszug aus der Rede von Pater Pierre Martinot-Lagarde SJ, Beirat für sozio-religiöse Angelegenheiten am Sitz der ILO.

 

Im Rahmen eines Workshops zur interreligiösen Reflexion über dieses Thema konnten wir Übereinstimmungen zwischen den Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen, der Katholischen Kirche, der muslimischen Welt, einiger Buddhisten und der jüdischen Welt feststellen. Arbeit verweist auf grundlegende Werte, die kultur- und ideenübergreifend geteilt werden.

1. Der Wert der Arbeit versteht sich in erster Linie in Bezug zur menschlichen Würde. Diese kann sich unterschiedlich äußern. Arbeit ist Teil der Schöpfung, der Erlösung des Menschen. Sie ermöglicht jedem Einzelnen, seine grundlegende Verantwortung gegenüber sich selbst, seiner Familie und der Gesellschaft wahrzunehmen.

2. Zwei weitere Aspekte, die sich im gemeinsamen Austausch herauskristallisiert haben, sind die Solidarität und die Sicherheit. Durch die Arbeit empfinden die Menschen zugleich eine Solidarität der Taten und der Bedingung. In der ILO sagen wir, dass Armut eine Bedrohung für den Wohlstand darstellt. In jedem Kulturkreis entsprechen dieser Solidarität der Bedingung eine Verpflichtung zur Solidarität zwischen den Mitgliedern der Organisation sowie eine Verpflichtung zur Sicherheit und zum Schutz jedes Einzelnen.

3. Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Die ILO hat diesen Ansatz kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs in ihrer Verfassung verankert. Viele Vertreter betonten die Bedeutung, die für sie ein Engagement für den Frieden habe, ebenso wie die Bedeutung der Arbeit als ein Schritt in diese Richtung.

 

Zuvor bereits hatte die Enzyklika Laborem Exercens die Rolle der ILO auf einer anderen Ebene festgelegt: Als indirekter Arbeitgeber trägt die ILO Verantwortung für mehr Gerechtigkeit in der Arbeitswelt. Die ILO definiert diese Verantwortung heute im Rahmen von vier Schwerpunkten, die sich gegenseitig bedingen und verstärken: Beschäftigung und Unternehmensstruktur, Sozialschutz, gesellschaftlichter Dialog und Grundrechte.

 

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