Wednesday 28. October 2020
#145 - Januar 2012

 

Wirtschaftskrise: Die Arbeit neu erfinden

 

Gedanken von Pater Henri Madelin über die Bedeutung der menschlichen Arbeit im Rahmen einer Konferenz, die am 8. Dezember 2011 beim Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) anlässlich des 30. Jahrestages der Enzyklika „Laborem Exercens“ stattgefunden hat.

 

Seit über 2000 Jahren begleitet die katholische Kirche die Menschen auf ihren Wegen in der ganzen Welt. Dies verleiht ihr ein lebendiges Gedächtnis, eine Lebensweisheit und die Fähigkeit, die Entwicklungen zukünftiger Zeiten zu erahnen. Die Kirche beschäftigt sich intensiv mit der Frage der Arbeit und ihres Sinns für den Menschen. Vor dreißig Jahren widmete Papst Johannes Paul II. dieser Frage mit „Laborem Exercens“ eine ganze Enzyklika, eine Botschaft an alle Gläubigen, an die „Menschen guten Willens“, so die gängige Formel, an alle Menschen reinen Gewissens. Dies sind durchaus nicht wenige!

 

Der Begriff der Arbeit

In seiner universellen Botschaft beschreibt Johannes Paul II. die Arbeit als „Schlüssel“ der „sozialen Frage“, als eine Frage, die die Menschen seit Beginn der Industrialisierung umtreibt. Diese Frage stellt sich nicht mehr allein den Ländern der Ersten Welt, sondern betrifft inzwischen auch die Schwellenländer. So heißt es auch in den jüngeren Enzykliken: „Die soziale Frage ist weltweit geworden“. Nach den „Arbeitern“ des 19. Jahrhunderts sind es jetzt die „Arbeiternationen“ in unserer Welt. „Rückte man früher in dieser Frage vor allem das Problem der ,Klasse‘ in den Mittelpunkt, so ist in neuerer Zeit das Problem ,der Welt‘ in den Vordergrund getreten“ (LE, 2, 4). Laut Enzyklika wird diese neue Situation in der Welt ebenso starke Auswirkungen auf die Welt der Arbeit und der Produktion haben wie die industrielle Revolution des vorigen Jahrhunderts.

Mehrere Faktoren spielen hierbei ein Rolle: „die generelle Einführung der Automatisierung in vielen Zweigen der Produktion, die wachsenden Kosten von Energie und Rohstoffen, das steigende Wissen um die Begrenztheit der Natur und deren untragbare Verschmutzung, das Eintreten von Völkern in das politische Leben, die jahrhundertelang unterworfen waren und nun den ihnen gebührenden Platz unter den Nationen und bei Entscheidungen von internationaler Tragweite fordern. Diese neuen Bedingungen und Anforderungen werden eine Neuordnung und Revision der heutigen Wirtschaftsstrukturen und der Verteilung der Arbeit notwendig machen. Derartige Änderungen können leider für Millionen qualifizierter Arbeiter zumindest zeitweilig Arbeitslosigkeit bedeuten oder eine Umschulung erforderlich machen. Sie bringen sehr wahrscheinlich für die stärker entwickelten Länder eine Verringerung oder ein langsameres Wachstum des materiellen Wohlstandes mit sich, können aber andererseits den Millionen von Menschen, die heute noch in schmachvollem und unwürdigem Elend leben, Erleichterung und Hoffnung bringen“ (LE, 1, 3).

 

Das Wesen der Arbeit

Johannes Paul II. ist Philosoph und Theologe. Er analysiert die Arbeit somit dahingehend, was sie von anderen Aufgaben des Menschen unterscheidet. Arbeit gehört zum intelligenten und vernunftbegabten Menschen. So steht gleich in den ersten Texten der Bibel geschrieben: Der Mensch wurde „als Abbild Gottes geschaffen, ihm ähnlich“. Seine Bestrebungen sind somit die eines aufrechten Menschens im Zentrum der Schöpfung. Die Aufgabe des Menschen ist es, sich die „Erde untertan zu machen“, ohne sie zu zerstören. Dank der weltweiten Umweltschutzbewegung verstehen wir dies inzwischen besser. Der Mensch unterscheidet sich damit von seinen Mitlebewesen, die kein Werk erschaffen können und ihren Willen nicht anhaltend auf eine vorgefasste und reflektierte Aufgabe richten können. Charlie Chaplin hat in seinem Film „Moderne Zeiten“ eindrücklich die herabwürdigende und quasi animalische Seite der „Maloche“ aufzeigen können. In vielen Sprachen macht die Umgangssprache den Unterschied deutlich. Doch es ist das Buch der Bücher, das erstmalig den Ausdruck „im Schweiße seines Angesichts arbeiten“ bringt. Dieser Ausdruck sagt aus, dass die Arbeit unabhängig von ihrer Form in der Menschheitsgeschichte, „inmitten zahlreicher Spannungen, Konflikte und Krisen“ dem Menschen körperliche und geistige Mühen abverlangt (LE, 1,2). Die Arbeit ist aber auch ein Gut für den Menschen. Der heilige Thomas von Aquin spricht von einem „bonum arduum“, einem „schwierigen Gut“ (9,3). Dieser Standpunkt wird auch in den Texten der ILO vertreten, wenn dort vom Ziel einer „menschenwürdigen Arbeit“ die Rede ist.

 

Sichtweisen der Arbeit

Die Enzyklika betont die verschiedenen Facetten der Arbeit. Arbeit hat eine objektive Seite. Sie ist ein Werk, das eine oder mehrere Personen unter dem Schutz von Gewerkschaften vollbringen, die rechtmäßig die Interessen der Arbeiter vertreten, die häufig in ungleicher Beziehung zu ihren Arbeitgebern stehen. Das päpstliche Schreiben hebt diesen subjektiven Aspekt hervor. Das Subjekt arbeitet, durch den existenziellen Prozess der Arbeit wandelt es sich und wird menschlicher. Es tritt aus sich heraus, verändert sich und geht eine enge Beziehung mit seinesgleichen ein. Die Arbeit ist somit eine „transitive“ Tätigkeit, das heißt, sie hat ihren Ursprung im von Beginn an vernunftbegabten Menschen. Das Subjekt wendet seine Fähigkeiten an einem Objekt an, um ein aus ihm heraus entstehendes Resultat zu erzielen. Es beherrscht die Dinge, indem es ein objektives Element, die Technik, benutzt. Arbeit ist somit ethisch, insofern „der, welcher sie ausführt, Person ist, ein mit Bewusstsein und Freiheit ausgestattetes Subjekt, das heißt ein Subjekt, das über sich entscheidet“. Die im Arbeitsprozess verrichteten Tätigkeiten sind sehr vielfältig, sie gehen vom Tippen auf einer Tastatur bis zur Akquirierung neuer Kunden (LE, 4,5, 6).

 

Diese Aufgaben müssen alle der Verwirklichung des Menschseins des Menschen dienen, „der Erfüllung seiner Berufung zum Personsein, die ihm eben aufgrund seines Menschseins eigen ist.“ Der Mensch bleibt das eigentliche Subjekt der Arbeit. „Die erste Grundlage für den Wert der Arbeit ist der Mensch selbst, ihr Subjekt.“ Wer so denkt, denkt ethisch, gibt Werte vor, wählt Zielsetzungen und gibt damit der subjektiven Bedeutung der Arbeit den Vorrang über ihre objektive Bedeutung.

 

Als logische Schlussfolgerung dieses Ansatzes wählt Johannes Paul II. eine Neuformulierung des bekannten Spruchs aus dem Evangelium über den Sabbat: „Die Arbeit ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Arbeit“ (LE, 6,6). Arbeit erfordert auch Zeiten der Ruhe. Sie muss zu festgelegten Zeiten unterbrochen werden, wie es auch der Herr bei der Erschaffung der Welt getan hat, als er am Ende seiner Schöpfungsarbeit den Sabbat zum Ruhetag gewählt hat.

 

Eine auf die Person bezogene Sichtweise

Der Personalismus betont die Zentralität der Person in ihrer Beziehung zu ihresgleichen. Der personalistische Ansatz definiert den Menschen als unabhängiges Subjekt, als Freiheit in der Arbeit, in Beziehung zu anderen Personen, mit denen er eine Gesellschaft bildet. Begegnungen erfolgen von Angesicht zu Angesicht oder mittels funktionierender Organisationen. Die Person findet sich im Zusammenspiel der Entstehung des eigenen Ichs und dem Annehmen des anderen wieder. Die Leere ist dort, wo die Person negiert wird, wo „niemand mehr ist“, wo niemand mehr „als Person“ antwortet. Das am häufigsten in der Enzyklika von Papst Johannes Paul II. verwendete Wort ist „Person“. „Zweck der Arbeit, jeder vom Menschen verrichteten Arbeit - gelte sie auch in der allgemeinen Wertschätzung als die niedrigste Dienstleistung, als völlig monotone, ja als geächtete Arbeit -, bleibt letztlich immer der Mensch selbst“ (LE, 6,6). Hieraus ergibt sich eine Aussage, die an verschiedenen Orten auf der Welt mit unterschiedlichen Produktionsstrukturen nicht in Frage gestellt wird: Es ist „angebracht zuzugeben, dass der Irrtum des primitiven Kapitalismus sich überall dort wiederholen kann, wo der Mensch in irgendeiner Weise dem Gesamt der materiellen Produktionsmittel gleichgeschaltet und so wie ein Instrument behandelt wird und nicht entsprechend der wahren Würde seiner Arbeit, das heißt als ihr Subjekt und Urheber, und eben dadurch als wahres Ziel des ganzen Produktionsprozesses“ (LE, 7,3).

 

Für Johannes Paul II. wird die auf diese Weise personalisierte Arbeit zu einer unbestreitbaren Priorität, sie erhält Vorrang über allem, was im Produktionsprozess lediglich instrumentalisiert ist, ein Merkmal der Welt des Kapitals (LE, 11,3-6). Im Rahmen dieser Sichtweise von Arbeit als Voraussetzung für den Menschen, damit dieser personalisiert und sozialisiert werden kann, ist die Arbeitslosigkeit „in jedem Fall ein Übel“. Wenn sie große Ausmaße annimmt, kann sie zu einem echten „sozialen Notstand“ werden. Sie wird, wie wir es derzeit in Spanien erleben, zu einem besonders schmerzlichen Problem, „wenn sie vor allem die Jugendlichen trifft, die nach einer entsprechenden allgemeinbildenden, technischen und beruflichen Vorbereitung keinen Arbeitsplatz finden können und ihren ehrlichen Arbeitswillen und ihre Bereitschaft, die ihnen zukommende Verantwortung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Gesellschaft zu übernehmen, schmerzlich frustriert sehen“ (LE, 18).

 

Die moderne und zunehmend spezialisierte Arbeit hat dazu geführt, dass die Menschen  extrem abhängig voneinander sind. Dies macht eine Ethik in der Arbeit nur noch notwendiger und hebt die Bedeutung des sozialen Bezugs noch stärker hervor. Der Begriff des gesellschaftlichen Körpers („corps social“) muss heute notwendigerweise über die Netze der Interdependenz in der Arbeit hinaus erweitert werden. Wenn die Gesellschaft ein Projekt für alle erarbeitet, ist es eine kreative, schaffende Arbeit; es wird etwas geboren, wie ein Kind geboren wird, durch Schmerz und Traurigkeit, die sich in erfüllende Freude verwandeln. Unsere gesamte Gesellschaft muss arbeiten, im Sinne von schaffend tätig sein, wenn wir in jedem die Würde, die ihn ausmacht und die ihn zu dem werden lässt, zu dem er seit Beginn an berufen ist, anerkennen wollen. Dieses Projekt muss alle diejenigen einschließen, die ohne Arbeit sind. Die große Frage, die sich alle Gesellschaften weltweit stellen, lautet: Wie kann „die Arbeit neu erfunden werden“, damit sie zu einem Ort echter Solidarität wird mit der Fähigkeit, gesellschaftlich fruchtbar zu sein?

 

Henri Madelin SJ

OCIPE Straßburg

 

Originalfassung des Artikels : Französisch

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