Mittwoch 21. November 2018
#145 - Januar 2012

 

Die Gemeinschaftswährung: ein Instrument, das der europäischen Einigung geistigen Auftrieb gibt

 

In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung der Doktorwürde Honoris Causa im Katholischen Institut von Paris am 24. November 2011 spricht Jacques Delors über die Hintergründe der Eurokrise. Europe Infos veröffentlicht einige Auszüge aus dieser Rede.

 

Als die Europäer beschlossen, den Schritt von einem einheitlichen Binnenmarkt zu einer Gemeinschaftswährung zu wagen, waren sie sich der Tatsache bewusst, dass es sich dabei um einen enormen Sprung handelte. Die Gründe für die Einführung des Euro lagen auf der Hand: Vervollkommnung der wirtschaftlichen Integration, Reiseerleichterungen für Privatpersonen, Vereinfachung des Kapitaltransfers, Stärkung der Position der Europäischen Union mit Blick auf ihre Außenbeziehungen und die Verhandlungen mit dem Rest der Welt. (…)

Der von den Gründervätern Europas ausgehende geistige Auftrieb reichte jedoch nicht aus, die Barrieren der nationalen Souveränität, die historische Last und die unterschiedlichen diplomatischen Traditionen zu überwinden. Aufgrund ihrer symbolischen Kraft und ihrer Allgegenwärtigkeit könnte die Gemeinschaftswährung – so seltsam dies auch erscheinen mag – Europa neuen geistigen Auftrieb verleihen. Ist sie doch per se ein gemeinschaftliches Gut, dessen Schicksal nicht nur ein Gradmesser für die Stärke der Union, sondern auch für die Lebensbedingungen und den Lebensstandard der Europäer darstellt.

 

Die geistige Dimension und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit

Im Lichte des Themas dieser Konferenz kann ich nicht oft genug auf den Zusammenhang zwischen der geistigen Dimension und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit hinweisen. Genau diese fehlende Zusammenarbeit ist und bleibt aber eine der Hauptursachen für die Eurokrise. Da der Übergang zur Gemeinschaftswährung nicht mit der Schaffung einer für die Steuerung des Euro zuständigen europäischen politischen Instanz einhergegangen ist, hing der Erfolg des Unternehmens nicht nur von den vertraglich festgelegten Regeln, sondern in erster Linie vom Willen und von der Fähigkeit der Regierungen ab, ihre eigene Politik mit der der anderen Länder abzustimmen. Eine solche Konvergenz sollte nicht nur für einen stabilen Euro, sondern auch für die Umsetzung der wirtschaftlichen und sozialen Ziele der Wirtschafts- und Währungsunion sorgen.

 

Um es mit einfachen Worten zu sagen: Die WWU sollte auf zwei Füßen stehen, währungspolitisch dank einer unabhängigen Zentralbank und wirtschaftlich dank einer effizienten Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten. Aus diesem Grunde hatte ich bereits 1997 für einen Pakt zur Koordinierung der Wirtschaftspolitiken plädiert, der den währungspolitischen Stabilitätspakt mit seinen eigenen Regeln unterstützt hätte. Dieser Vorschlag wurde damals abgelehnt. Während der ersten zehn Jahre ihres Bestehens hat die Wirtschafts- und Währungsunion mit Blick auf Wachstum und Inflation achtbare Ergebnisse erzielt. Dabei ist es ihr jedoch nicht gelungen, ihren Rückstand im Hinblick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zur Konkurrenz aus den Schwellenländern und zur amerikanischen Supermacht aufzuholen.

 

Ein moralischer Fehler

Damals, 1998, wagte ich folgende Formulierung: „Der Euro schützt, aber er stimuliert nicht“. Und ich fügte hinzu: „Er schützt uns selbst vor unseren Dummheiten“. Mit anderen Worten, die verantwortliche Instanz, der Rat der Finanzminister, hat nichts kommen sehen, weder den sprunghaften Anstieg der öffentlichen Verschuldung Griechenlands und in der Folge auch anderer Ländern noch die wachsende private Verschuldung in Irland, Spanien und Italien. In der Euphorie und im Wahn des finanzpolitischen Neoliberalismus kam es in Europa zu einer Verzerrung ähnlich der allerdings ungleich stärkeren Verzerrung in den Vereinigten Staaten, die letztendlich die weltweite Krise ausgelöst hat.

 

Ich habe stets unterstrichen, dass dies ein moralischer Fehler der Ministerräte war, die unser gemeinsames Erbe, den Willen, im Sinne des Gemeinwohls zusammen zu leben und zu handeln, vergessen haben. Als Folge befindet sich der Euro heute am Rande des Abgrunds. Die Regierungen haben den Gedanken der aus einer moralischen Verantwortung erwachsenden politischen Verantwortung nicht verinnerlicht. Seit drei Jahren greifen sie entweder zu spät ein oder tun zu wenig. Schlimmer noch, sie überhäufen uns mit unkoordinierten Erklärungen, was zwangsläufig zu Dissonanzen führt, welche wiederum die Märkte in Panik versetzen, der Spekulation Vorschub leisten und die Bürger mit Sorge und Skepsis erfüllen.

Die Folge sind institutionelles Durcheinander, die Abkehr von der während der dynamischen Jahre des europäischen Aufbaus verfolgten, erfolgreichen Arbeitsweise und seit Neuestem die Machtübernahme durch das deutsch-französische Gespann. (…)

 

Wir, die Europäer, befinden uns in inmitten dieses Strudels. Wir haben das Ufer des durch Bürgerkriege geschwächten und vom Machtverlust bedrohten alten Europas verlassen und versuchen, das andere Ufer zu erreichen, das eines mächtigen und freizügigen, sowohl mit Blick auf seine internen Arbeitsweisen als auch auf seine Außenbeziehungen beispielhaften Europas. Und die Welt selbst hat sich vom Ufer der Nachkriegszeit entfernt, um sich auf chaotische Art und Weise in Richtung des globalen Dorfes zu begeben. Unsere Aufgabe ist es, dem moralischen und politischen Niedergang mit einem kategorischen Nein zu begegnen und den richtigen Weg, d. h. den eigentlichen Sinn des menschlichen Handelns wiederzufinden. Ohne diesen geistigen Auftrieb werden wir nichts Großartiges, nichts Nachhaltiges bewirken können.

 

Jacques Delors

ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission (1985-1995)

Gründungspräsident der Stiftung Notre Europe

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Wir danken der Stiftung Notre Europe für ihre Erlaubnis, Auszüge aus dieser Rede (Originalfassung: Französisch) abdrucken zu dürfen.

Teilen |
europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/