Tuesday 7. April 2020
#145 - Januar 2012

 

Die Zukunft der Christen im Nahen Osten

 

Am 18. und 19. November 2011 hat eine Gruppe von Abgeordneten aus verschiedenen Fraktionen des Europäischen Parlaments eine erste hochrangige parlamentarische Konferenz zum Thema „Die Zukunft der Christen im Nahen Osten“ veranstaltet.

 

Die Konferenz fand in den Räumlichkeiten der Heilig-Geist-Universität in Kaslik (Libanon) unter der Schirmherrschaft des Patriarchen von Antiochien der Maroniten, Seiner Seligkeit Béchara Pierre Raï, des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, und des Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, in Zusammenarbeit mit ihren Amtskollegen des libanesischen Parlaments und der Länder des Nahen Ostens, sowie mit Unterstützung der COMECE und der östlichen Kirchen statt.

Als Ausrichtungsort für die Debatte war der Libanon gewählt worden, denn – wie der selige Papst Johannes Paul II. einmal gesagt hatte – „Der Libanon ist nicht bloß ein Land: Er ist eine Botschaft der Freiheit und ein Modell für den Pluralismus für den Osten wie auch für den Westen.“

 

Im Rahmen der Diskussion äußerten die Teilnehmer aus dem Libanon, Ägypten und dem Irak wiederholt ihre Befürchtung, der „arabische Frühling“ könne eines Tages in einem „arabischen Winter“ enden. In seiner Einführungsrede erklärte Seine Seligkeit Béchara Pierre Raï: „Wir befürchten, dass dieser Wandel zu Konflikten zwischen den Konfessionen, zu noch rigideren Regimes und zu einer nach Konfessionen getrennten Aufteilung der Region führt“. Um diese Gefahr zu vermeiden müssten „die Christen mit allen ihren Freunden aus nah und fern allen Versuchen begegnen, unsere Gesellschaften bzw. unsere Länder nach dem Kriterium der religiösen Identität zu definieren. Wir müssen uns dem exklusiven Islam als Identität unserer Länder genauso klar entgegenstellen wie einem exklusiven Judentum in Israel“.

 

Aus diesem Grunde befürworten die Christen im Nahen Osten den Gedanken eines Zivilstaates als Lösung für die Region. „Der Zivilstaat, der eine Trennung zwischen den religiösen und politischen Institutionen vornimmt, ohne dabei die Religion an den Rand des öffentlichen Lebens zu verbannen, scheint der geeignete Rahmen für unsere Länder zu sein.

Die Christen im Nahen Osten brauchen Sicherheit, Grundfreiheiten und die Anerkennung der Vielfalt. Immer wieder kommt es zu blutigen Angriffen auf Christen. Die Gewissensfreiheit, „d. h. die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben, die Religion ohne jegliche Behinderung privat oder öffentlich auszuüben und somit auch die Freiheit, die Religion zu wechseln, ist in unseren Gesellschaften – ausgenommen im Libanon – noch lange nicht gewährleistet und in manchen Fällen sogar gesetzlich verboten“. Hinzu kommt, dass die Christen nur unzureichend in den Parlamenten vertreten sind.

 

In dieser Zeit des Umbruchs ist es besonders wichtig, dass die Christen Vorreiter für ein Gesellschaftsmodell sind, das durch Pluralität Versöhnung schafft und Verantwortung übernimmt im Kampf gegen alle Formen von Fundamentalismus, Fanatismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Christen im Osten sind Einheimische und damit auch „untrennbarer Bestandteil der kulturellen Identität der Muslime. Genauso sind die Muslime im Osten untrennbarer Bestandteil der kulturellen Identität der Christen.“

 

Wie sieht die Zukunft für die Christen im Nahen Osten aus? Die zwei Konferenztage haben sicherlich nicht ausgereicht, um diese Frage zu beantworten, doch konnten Beziehungen zwischen den Teilnehmern dies- und jenseits des Mittelmeers geknüpft werden. Die Wiedereröffnung der Kathedrale in Bagdad, in der im vergangenen Jahr 58 Menschen getötet worden waren, sowie der eventuelle Besuch von Papst Benedikt XVI. im Libanon sind Hoffnungszeichen für das Jahr 2012.

 

Pater Piotr Mazurkiewicz

 

Originalfassung des Artikels : Französisch

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