Thursday 29. October 2020
#146 - Februar 2012

 

Chancen für junge Menschen!

 

Mehr als 20 % der unter 25-jährigen Arbeitssuchenden in der EU finden keinen Job. Damit liegt die Jugendarbeitslosigkeit doppelt so hoch wie für die gesamte Erwerbsbevölkerung in der EU. 7,5 Millionen der 15 bis 24-Jährigen sind weder erwerbstätig noch in der allgemeinen oder beruflichen Bildung. Mit diesen erschreckenden Zahlen wartete die EU-Kommission noch kurz vor Jahresende 2011 auf und EU-Kommissar László Andor warnte vor der „Gefahr einer ‚verlorenen Generation‘“.

 

In einigen Mitgliedstaaten liegt die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei über 40 %, die Schulabbrecherquote mit über 14 % in der EU immer zu hoch. Frauen, junge Menschen mit Behinderungen oder mit Migrationshintergrund gehören nach wie vor zu den am meisten gefährdeten Gruppen. Überdies wird auf die finanziellen Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit oder Nichterwerbstätigkeit von jungen Menschen für die Gesellschaft (mind. 2 Mrd. €/Woche nach einer Eurofound-Studie (2011)) aufmerksam gemacht. Wie bereits in der Leitinitiative zur EU-2020-Strategie „Jugend in Bewegung“ thematisiert die Kommission zudem die Zeitvertragsproblematik. Zwar könnten befristete Arbeitsverträge Berufseinsteigern als Sprungbrett zu stabileren Beschäftigungsformen dienen, doch sei es in denjenigen Mitgliedstaaten, in denen der Anteil befristeter Verträge höher sei, dementsprechend schwieriger einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten. Die Kommission weist zu Recht auf die Gefahr einer Segmentierung der Arbeitsmärkte hin.

 

Junge Menschen brauchen Hoffnung

Sofortmaßnahmen sind erforderlich und Hoffnungen brauchen die jungen Menschen, so die Kommission und prognostiziert, dass es zwischen heute und 2020 73 Millionen neue offene Stellen geben wird. Dies erfordere qualifiziertes Personal. Jüngst sei jedoch ein steigendes Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu verzeichnen gewesen. Ursächlich seien neben ungeeigneten Qualifikationen, begrenzte geographische Mobilität und unangemessene Entlohnung.

 

Einen Ausweg aus dieser Misere erhofft sie sich durch ihre neue Initiative „Chancen für Junge Menschen“. Die Hauptverantwortung für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit liege bei den Mitgliedstaaten. Die EU-Ebene könne jedoch unterstützend eingreifen, was nach Ansicht der Kommission zum einen durch Überprüfung nationaler Maßnahmen und Erfolge auf Jahresbasis über das Europäische Semester für die Koordinierung der Wirtschaftspolitik, zum anderen durch Bereitstellung von Finanzhilfen für nationale und grenzübergreifende Maßnahmen im Einklang mit den vereinbarten Prioritäten geschehen soll. Sie fordert die Mitgliedstaaten daher zu entschiedenem Handeln in vier Bereichen auf: „Verhinderung frühzeitiger Schulabgänge“, „Entwicklung von Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden“, „Unterstützung erster Berufserfahrungen und innerbetrieblicher Ausbildung“ sowie „Zugang zum Arbeitsmarkt: einen ersten Ausbildungsplatz finden“. Zusätzlich zu diesem Engagement sollen die EU-Finanzhilfen und EU-Instrumente besser genutzt werden. Zu den Hauptmaßnahmen gehört u. a. die Bereitstellung von 4 Mio. € für die Einführung des sog. Jugendgarantie-Systems, welches gewährleisten soll, dass junge Menschen innerhalb von vier Monaten nach Verlassen der Schule entweder eine Arbeitsstelle oder einen Aus- oder Weiterbildungsplatz erhalten. 1,3 Mio. € aus dem Europäischen Sozialfonds sollen in die Schaffung von Lehrstellen fließen. Mit Blick auf die Förderung von Mobilität setzt sie auf den Ausbau ihres „Erfolgsprogramms“ Erasmus, dass es auch für junge Unternehmer gibt. Zur Kompetenzentwicklung der jungen Menschen soll außerdem der Europäische Freiwilligendienst beitragen und im EU-Aktionsprogramm „Jugend in Aktion“ gestärkt werden. Überdies wird ein neues Europäisches Freiwilligenkorps für humanitäre Hilfe angekündigt.

 

Offener Umgang mit veränderten Erwerbsbiographien notwendig

In der Analyse der Kommission bleibt jedoch eines unerwähnt – vielleicht, weil es als logische Folge für Jedermann auf der Hand liegen sollte: Die Erwerbsbiographien verändern sich! Während frühere Generationen nicht selten auf 40-jährige Betriebszugehörigkeit zurückblicken konnten, hangeln sich heute viele junge Menschen von einem befristeten Beschäftigungsverhältnis zum nächsten. Es gilt heute flexibel und EU-weit mobil zu sein. Aber sind diese veränderten Gegebenheiten tatsächlich schon in allen Personalabteilungen angekommen? Gilt ein Arbeitnehmer, der jeweils nur kurzzeitig, womöglich in unterschiedlichen Städten, Regionen oder gar Ländern gearbeitet hat, nicht vielfach als unstet? Befristete Beschäftigungsverhältnisse, oftmals mit arbeitslosen Zwischenzeiten, haben Auswirkungen auf den Einzelnen gleichsam auf seine Familie. Folgen sind nicht selten Rastlosigkeit durch immer neues Suchen von Arbeitsstellen, Wohnortwechsel und nicht zuletzt eines neuen sozialen Umfelds gepaart mit Zukunftsängsten. Ja, es ist richtig, junge Menschen brauchen Chancen – und eine Perspektive!

 

Anna Echterhoff

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