Wednesday 28. October 2020
#147 - März 2012

 

Die soziale Verantwortung der Unternehmen und die Tradition der katholischen Soziallehre

 

In ihrer Ende Oktober 2010 verabschiedeten Mitteilung zum Thema Soziale Verantwortung der Unternehmen greift die EU-Kommission die innovativen Thesen aus „Caritas in veritate“ auf.

 

Für die christliche Identität der Welt von heute war die Entstehung der christlichen Soziallehre von großer Bedeutung. Ein Blick in die päpstliche Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1891 führt uns den heutzutage weitgehend in Vergessenheit geratenen innovativen Charakter der christlichen Soziallehre erneut ins Bewusstsein. Gleiches gilt für die in Anlehnung an die erste Sozialenzyklika verfasste zweite Sozialenzyklika Quadragesimo Anno aus dem Jahre 1931. Die Industrialisierung war eine der radikalsten sozio-ökonomischen Veränderungen in der Menschheitsgeschichte. Philosophen wie Nietzsche und Marx stellten die Rolle der christlichen Werte in beispielloser Weise in Frage. Vor diesem Hintergrund weitete die christliche Sozialbewegung die christliche Ethik über eine rein auf der Tugend des Einzelnen basierenden Doktrin auf eine „Soziallehre“ aus, welche zu entsprechenden Regeln und Bestimmungen innerhalb einer „gerechten“ Sozialordnung aufrief.

 

In gewisser Weise erleben wir heute eine ganz ähnliche Situation. Angesichts der Globalisierung und der Entwicklung einer sogenannten „post-nationalen Konstellation“ (J. Habermas) stehen die kulturellen Muster und die institutionellen Lösungen des 20. Jahrhunderts einmal mehr auf dem Prüfstand. Werden die Christen von heute die gleiche kulturelle Kreativität an den Tag legen und lernen, die abendländische christliche Tradition in die Moderne zu übertragen? Die jüngste Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. aus dem Jahre 2009 deutet in diese Richtung. In Caritas in veritate prangert der Papst einen weitverbreiteten ideologischen Dualismus zwischen Markt und Staat an und ruft zu einer neuen Kultur der bürgerlichen Verantwortung auf. Insofern richtet sich dieses Dokument auch an Unternehmensführer, Verbraucher und Investoren. Wie im 19. Jahrhundert, als Unternehmer wie der Franzose Léon Harmel oder der Deutsche Franz Brandts großen Anteil am Entstehen der katholischen Soziallehre hatten, wird es erneut auf die Unternehmenspraxis ankommen.

 

In ihrer Ende Oktober 2010 verabschiedeten Mitteilung zum Thema Soziale Verantwortung der Unternehmen greift die EU-Kommission die innovativen Thesen aus „Caritas in veritate“ auf. Die Mitteilung ist nicht die erste Veröffentlichung der Kommission zu diesem Thema, sondern stellt die Fortsetzung einer ganzen Reihe von Dokumenten aus den Jahren 2001 und 2006 dar. Diese Berichte – wie auch diverse internationale Aktivitäten wie die Gründung von Global Compact 1999/2000, die Ausrufung der Millenniumsentwicklungsziele usw. – gründen auf der Annahme, dass die Regierungen alleine nicht mehr in der Lage sind, auf globaler Basis für das öffentliche Wohl zu sorgen. Auf der Grundlage jüngster wissenschaftlicher Erkenntnisse setzt sich die Kommission für ein fortschrittliches Konzept der sozialen Unternehmensverantwortung ein. Damit strebt sie zum einen betriebliche Einsparungen an, zum anderen fordert sie eine strategische Umsetzung durch die Entwicklung innovativer Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, die für Verbraucher, Angestellte und Aktionäre Werte schaffen. Mit ihren Überlegungen zu Genossenschaften und Gegenseitigkeitsgesellschaften folgt die Kommission in diesem Punkt eindeutig den Forderungen von „Caritas in veritate“. Gleiches gilt für die im Dokument geforderte subsidiäre Struktur, die die eigentliche Aufgabe der politischen Organe nicht darin sieht, die soziale Verantwortung der Unternehmen zu übernehmen oder zu kontrollieren, sondern diese zu fördern und mitzutragen. Dem Bericht zufolge ist es nicht Aufgabe der Regierung, sondern die von Unternehmen, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft, neue Wege zur praktischen Umsetzung der Unternehmensverantwortung aufzuzeigen. Verbraucher und Investoren werden aufgefordert, sozial verantwortlich handelnde Unternehmen zu belohnen, und Medien, über sie zu berichten.

 

Was wir hier sehen, ist ein wirklich innovatives Konzept des modernen sozialen Gefüges. In vielerlei Hinsicht kann dieses Konzept als Weiterführung der katholischen Soziallehre betrachtet werden, welche die westlichen Marktwirtschaften im 20. Jahrhundert so grundlegend beeinflusst hat. Die EU-Kommission kündigt eine Reihe von Instrumenten und Verfahren an, mit denen sie die Rolle der Unternehmensverantwortung für das Zusammenspiel zwischen den sozialen Akteuren und Gruppen sowie das öffentliche Bewusstsein für diese Verantwortung fördern möchte. Hierzu gehören u. a. Multistakeholder-Foren, ein Verhaltenskodex für Selbstregulierung und Koregulierungsabkommen, die Einführung sozialer und ökologischer Kriterien im öffentlichen Auftragswesen sowie die Verpflichtung der Banken, die Öffentlichkeit über ihre sozialen und ökologischen Kriterien zu informieren. Weitere wichtige Instrumente zur Förderung der sozialen Verantwortung der Unternehmen sieht die Kommission in Transparenz und Information, dem Aufbau von Kompetenzen in den Unternehmen und im sozialen Umfeld sowie in Handouts und Diskussionsplattformen. Christliche Manager und Verbände wie der internationale Unternehmerverband UNIAPAC, der vor einigen Jahren sein eigenes Papier zum Thema soziale Verantwortung der Unternehmen veröffentlicht hat, der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden etc. sind aufgefordert, diesen Prozess der Einführung einer echten christlichen Perspektive aktiv mitzuverfolgen.

 

Prof. Dr. André Habisch

Wissenschaftlicher Berater des Bundes Katholischer Unternehmer ; lehrt Unternehmensethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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