Wednesday 28. October 2020
#148 - April 2012

 

Hildegard Burjan – eine europäische Politikerin

 

Am 29. Januar 2012 wurde in Wien die Sozialpionierin und Politikerin Hildegard Burjan in einer feierlichen und doch schlichten Zeremonie seliggesprochen. Wenn Hildegard Burjan über Österreich hinaus nur wenig Bekanntheit genießt – ihr Leben und ihre Arbeit verdienen europäische Beachtung.

 

Lebensweg

Hildegard Burjan wurde 1883 in Görlitz in eine gutbürgerliche jüdische, nichtpraktizierende Familie geboren. Berufsbedingt zog die Familie nach Berlin und schließlich nach Zürich. Dort studierte Hildegard Burjan Germanistik und Philosophie. Kurz vor Abschluss ihres Studiums heiratete sie 1907 Alexander Burjan, wie sie jüdischer Abstammung, und zog mit ihm nach Berlin.

 

Eine schwere Erkrankung brachte sie 1908/09 an den Rand des Todes. Von ihren Ärzten aufgegeben, genas sie zu Ostern 1909 auf unerklärlich–wunderbare Weise. Diese « Wirkung der Gnade », wie sie es selbst ausdrückte, veränderte ihr weiteres Leben. Im August 1909 wurde sie in der katholischen Kirche getauft. Sie gleicht darin Edith Stein, die ebenfalls aus Schlesien stammte, Philosophie studiert hatte und vom Judentum in die katholische Kirche übertrat. Anders als Edith Stein, die den kontemplativen Weg des Karmel wählte, führte Hildegard Burjans Weg in die Politik und zur « Sozialen Tat ».

 

Im Jahr 1910 wurde in Wien, wohin des Ehepaar Burjan in der Zwischenzeit gezogen war, ihre Tochter Lisa geboren. In den Folgejahren begann Hildegard Burjan, die in der Zwischenzeit begonnen hatte, sich intensiv mit der katholischen Soziallehre auseinander zu setzen, ihr « soziales Konzept » zu entwickeln. Für sie bedeutete das « in zwei entgegengesetzten Welten zu leben »: Frau in einem bürgerlichen Haushalt und Anwältin der Unterdrückten und Entrechteten.

 

Politikerin

Hildegard Burjans Engagement führte sie schließlich in die Politik. Im Herbst 1918 wurde sie für die christlich-soziale Partei in den Wiener Gemeinderat gewählt, 1919 in die «konstituierende deutschösterreichische Nationalversammlung», der sie als einziges weibliches Mitglied der Fraktion angehörte. Die Eckpunkte ihres politischen Handelns hören sich auch heute noch aktuell an und sind erfrischend unkompliziert und direkt formuliert, wie etwa « Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum », oder, mit Blick auf die bestehende Diskriminierung von Frauen, « Die alte Forderung ‹ gleicher Lohn für gleiche Arbeit › hat im Krieg neue Beleuchtung bekommen. » und, fast wie ein Vorläufer der « Fair Trade » – Bewegung: « Kaufen wir nur bei gewissenhaften Kaufleuten, drücken wir nicht sosehr die Preise, verlangen wir von Zeit zu Zeit von Fabrikanten Rechenschaft über den Ursprung der Waren! Nur zu oft ist es die wohlhabende Frau, die Kaufleute zwingt, zu unmöglichen Bedingungen zu liefern und dies geschieht immer auf Kosten der armen Heimarbeiterinnen ».

In den fast zwei Jahren ihrer parlamentarischen Tätigkeit engagierte sie sich für die Ausweitung des Mutter- und Säuglingsschutzes, die Anstellung von Hauspflegerinnen für Wöchnerinnen durch die Krankenkasse, die Gleichstellung von Mann und Frau im Staatsdienst sowie die Förderung und den Ausbau der Frauenaus- und Weiterbildung. In damals unerhörter fraktions- (und ideologie-) übergreifender Zusammenarbeit mit den Abgeordneten der sozialdemokratischen Fraktion gelang ihr das « Hausgehilfinnengesetz » zur Schaffung der ersten Rechtsgrundlagen für deren Arbeits- und Lohnbedingungen.

 

Pionierin der « Sozialen Tat »

Nach ihrem Ausscheiden aus der Politik widmete sich Hildegard Burjan ganz dem Aufbau der « Caritas Socialis », einer kirchlichen Gemeinschaft von Frauen, die sich dem Sozialdienst verschreiben: « kein Kloster, keine Klausur, sondern eine Bewegung, immer einsatzbereit für jede Not… ». Dieses Engagement konkretisierte sich in der Einrichtung von Mutter-Kindheimen für alleinstehende Mütter (z.T. gegen den gesellschaftlichen Widerstand), in Jugendfürsorge und Obdachlosenbetreuung. Trotz der Betonung der konkreten Arbeit behielt sie immer das Ganze im Blick: « Von der momentanen Fürsorge müssen wir zurückgehen auf die Wurzel des Übels ».

Kurz nach der Grundsteinlegung für ein – damals völlig unübliches – Sozialzentrum starb Hildegard Burjan knapp fünfzigjährig am 11. Juni 1933.

« Caritas Socialis » ist heute in Österreich, Südtirol, Deutschland, Ungarn und Brasilien aktiv. Neben all den bereits genannten Bereichen ist CS in Österreich vor allem in der Sozialhilfe und im Bereich der Hospitzbewegung und der Palliativmedizin aktiv, getreu einem Wort der Gründerin: « Gott gibt uns den Verstand, damit wir die Not einer Zeit, die Ursachen dieser Not, die Mittel, die zur Abhilfe führen, erkennen. Er stellt uns nicht zufällig mit unseren äußeren Verhältnissen zusammen… ».

 

Michael Kuhn

 

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