Wednesday 28. October 2020
#149 - Mai 2012

 

Mit der Quote zur Verwirklichung der Chancengleichheit?

 

Könnten wir spontan den Namen einer Frau in einer Spitzenposition in der Wirtschaft nennen? Über eine Antwort würde sicherlich europaweit gleich lang überlegt. Der Grund hierfür ist einfach. Auch heute noch ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen, insbesondere in großen Unternehmen, gering. Nun hat sich Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding, dieser Thematik angenommen.

 

Im vergangenen Jahr hatte sie die börsennotierten Unternehmen in der EU aufgefordert, bis März 2012 die Erklärung Mehr Frauen in Vorstandsetagen – Selbstverpflichtung für Europa zu unterzeichnen und sich zur Erhöhung des Frauenanteils in ihren Vorständen und Aufsichtsräten zu verpflichten. Mit bisher 24 Unterzeichnern (Stand: 21.02.12) – ein eher mageres Ergebnis.

 

Neuer Fortschrittsbericht veröffentlicht

Am 5. März stellte die EU-Justizkommissarin den Fortschrittsbericht Frauen in wirtschaftlichen Entscheidungspositionen in der EU vor. Ein erster Teil befasst sich mit der wirtschaftlichen Bedeutung des Themas. So wird erläutert, warum die Befähigung von Frauen zur Übernahme leitender Funktionen wichtig für Wirtschaftswachstum und einen wettbewerbsfähigen Binnenmarkt sind. Studien belegten, dass Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in Spitzenpositionen eine starke organisatorische und finanzielle Leistung erbrächten. Weitere Studien hätten gezeigt, dass die Qualität der Unternehmensführung sowie des ethischen Verhaltens in Unternehmen mit größerem Frauenanteil in den höchsten Entscheidungsgremien höher sei. Unter Bezugnahme auf makroökonomische Aspekte führt die Kommission an, dass die gläserne Decke, durch die Frauen von Entscheidungspositionen fern gehalten würde, diesen den Mut nehmen könnte, ihr volles berufliches Potenzial zu entfalten. Ein zweiter Abschnitt soll anhand von Zahlen und Fakten einen Überblick über die bestehende Unausgewogenheit des Geschlechterverhältnisses in Vorständen und Aufsichtsräten geben. Gemachte Fortschritte divergierten in den einzelnen Ländern. Dennoch zeigten die Zahlen insgesamt einen – wenngleich langsamen – positiven Trend. Unter den Spitzen der Wirtschaft seien Frauen indes kaum wahrnehmbar. In einem dritten Abschnitt wird über Initiativen in den Mitgliedsstaaten zur Förderung einer ausgewogenen Vertretung von Frauen und Männern in unternehmerischen Spitzenpositionen berichtet. Rechtliche Maßnahmen und freiwillige Initiativen ließen sich dabei unterscheiden.

 

Kommission prüft „politische Optionen für zielgerichtete Maßnahmen“

Die Kommission kündigt in ihrem Fortschrittsbericht an, „politische Optionen für zielgerichtete Maßnahmen zu prüfen, mit denen die Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen auf europäischem Niveau gefördert werden kann“. Er bildet zudem die Grundlage einer öffentlichen Konsultation, deren Ergebnisse in die Bewertung von möglichen Maßnahmen einfließen sollen. Stellungnahmen sind noch bis zum 28. Mai 2012 bei der Generaldirektion Justiz möglich.

 

Intensive Befassung mit den Ursachen notwendig

Bei der Lektüre des Fortschrittsberichts drängen sich dem Leser verschiedene Fragen auf: Woran liegt es eigentlich, dass Frauen in Führungsetagen auch heute noch unterrepräsentiert sind? Liegt es etwa an bestimmten Rollenbildern oder Stereotypen? Fehlt Frauen der Mut zu einer Bewerbung? Oder stimmt gar die Theorie der „gläsernen Decke“? Qualifizierte Bewerberinnen dürfte es doch genug geben. Stimmen die Rahmenbedingungen für eine Vereinbarung von Beruf und Familie? Eines wird deutlich: Eine intensive Erforschung und Analyse der Ursachen für den im Bericht dargestellten Befund ist für das weitere politische Vorgehen auf diesem Gebiet bedeutsam. Fraglich ist dann, ob die Einführung einer Quote – wie dieser Tage vielfach gefordert – als zielgerichtete Maßnahme zur Überwindung der Diskrepanz ausreicht oder ob nicht etwa flankierende Maßnahmen in anderen Politikbereichen, sei es auf EU- oder auf mitgliedsstaatlicher Ebene, notwendig sind.

 

Realisierung von Chancengleichheit heißt nicht „Frau gegen Mann“ oder gar alle Frauen in ein und dasselbe Korsett zu schnüren. Realisierung von Chancengleichheit sollte heißen, jeder Frau die reelle Chance zu geben, sich beruflich so verwirklichen können, wie sie es möchte. Daraus folgt aber auch, dass diejenige Frau, die keine Führungsposition anstrebt, oder die sich gegen die Ausübung ihres Berufes entscheidet, um ausschließlich für die Familie da zu sein, ebenso anerkannt wird. Schon Papst Johannes Paul II forderte in seinem Brief an die Frauen im Jahr 1995, dass „es dringend geboten ist, überall die tatsächliche Gleichheit der Rechte der menschlichen Person zu erreichen, und das heißt gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Schutz der berufstätigen Mutter, gerechtes Vorankommen in der Berufslaufbahn, Gleichheit der Eheleute im Familienrecht [...]“. Auch siebzehn Jahre später hat sein Appell nicht an Aktualität verloren...

 

Anna Echterhoff

COMECE

 

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