Wednesday 28. October 2020
#150 - Juni 2012

 

Mit haushaltsnahen Dienstleistungen aus der Krise ?

 

Wie viel Potenzial steckt in den Dienstleistungen für Personen und Haushalte für die schwächelnde europäische Wirtschaft? Eine öffentliche Konsultation der Europäischen Kommission zur Steigerung der Arbeitsplätze und Qualität in dem Sektor soll hierzu Aufschluss bringen. Dennoch sollten die Effekte für den Arbeitsmarkt der Union nicht überschätzt werden.

 

„Die aktuellen Arbeitslosenzahlen in der EU sind dramatisch hoch und inakzeptabel. Die Schaffung von Arbeitsplätzen muss eine klare europäische Priorität werden“, betonte László Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziale Angelegenheiten und Integration anlässlich der Vorstellung des Beschäftigungspaketes (siehe Artikel in dieser Ausgabe). 24 Millionen EU-Bürger sind nach neusten Erkenntnissen des Europäischen Statistikamtes Eurostat ohne Beschäftigung. Die sogenannten Dienstleistungen für Personen und Haushalte sollen nach Einschätzung des Kommissars in der Wiederbelebung des Arbeitsmarktes eine integrale Rolle spielen.

 

Welche Leistungen unter diesen Begriff fallen, erklärt das begleitende Arbeitsdokument der Kommission: Im Allgemeinen sind es Tätigkeiten, die zum Wohlergehen von Familien und Einzelpersonen im häuslichen Umfeld beitragen. Kinderbetreuung, Langzeitpflege von älteren Menschen, Putzen, Gartenarbeit aber auch Reparaturen am Haus sind in dieser Kategorie eingeordnet. Vieler dieser Tätigkeiten seien in der Vergangenheit im Haushalt zumeist von Frauen erbracht und im Laufe der Zeit auf externe Dienstleister ausgelagert worden.

 

Dennoch kann der Kommission zufolge die Verlagerung häuslicher Arbeit noch deutlich intensiviert werden. Auf Basis eines Berichts der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) errechnet die Kommission, dass in den europäischen Mitgliedsstaaten der OECD durchschnittlich 2,5 Stunden pro Tag für Hausarbeit und Betreuung aufgebracht werden. Demzufolge ergeben sich bei 331 Millionen Einwohnern in der EU zwischen 15 und 65 Jahren rund 830 Millionen Stunden Hausarbeit pro Tag, was bis zu 100 Millionen Vollzeitäquivalente entspreche.

 

Aus dem Anstieg der Beschäftigungsquote von Frauen folgert die Kommission, dass die Betreuung von Kindern und älteren Menschen in der Familie sowie die Hausarbeit überdacht werde müsse. In diesem Zusammenhang befasst sich die Kommission eingehend mit der bedeutenden Thematik der Vereinbarung von Beruf und Privatleben, dessen Verbesserung sie ebenso wie die Europäische Sonntagsallianz fordert.

 

Die Pflege älterer Menschen werde oft informell, d. h. von Familienmitgliedern erbracht. Ebenso sei der Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen stark von der Erwerbsquote der Eltern und ihrer in Teilzeit geleisteten Arbeitsstunden abhängig. Schließlich ist die formelle Beschäftigung in diesem Dienstleistungssektor für die Mehrheit der Bevölkerung auch sehr sehr teuer sei. Viele Haushalte weichen daher auf nicht angemeldete Erwerbstätigkeiten aus.

 

Diesem Problem ist sich die Kommission bewusst und präsentiert ein mögliches Modell, um insbesondere auch Familien mittleren und niedrigen Einkommens die Abgabe der Hausarbeit zu ermöglichen. Dienstleistungsgutscheine wie etwa in Belgien oder Frankreich könnten Abhilfe schaffen. Der Verbraucher zahlt nur einen Teil des tatsächlichen Preises, die Differenz wird von staatlichen Stellen getragen. Dass diese Ausgaben in Zeiten der öffentlichen Haushaltskonsolidierung positive Rückkopplungseffekte für die Staatskasse haben, argumentiert die Kommission mit den Mehreinnahmen aus der Einkommenssteuer und den Sozialversicherungsbeiträgen wie auch mit den sinkenden Ausgaben in der Unterstützung Arbeitsloser. Als weitere Herausforderung identifiziert die Kommission die Qualität der Dienstleistungen und setzt dabei auf Schulungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

 

Schließlich bleibt die Frage offen, inwieweit Familienaufgaben wie die Kinderbetreuung und die Alterspflege an externe Personen letztendlich abgegeben werden sollten. Angehörige kennen die individuellen Bedürfnisse der zu pflegenden Person oft besser, sodass die professionelle Pflege stets mit der Betreuung der Angehörige einhergehen sollte. Besonders im Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen sollte dies Beachtung finden.

 

Bis zum 15. Juli 2012 kann der Online-Fragebogen zu den Dienstleistungen für Personen und Haushalte noch ausgefüllt werden.

 

Markus Vennewald

COMECE

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