Wednesday 28. October 2020
#153 - Oktober 2012

 

Neue Formen des Strafvollzugs für Europa

 

Das Strafvollzugssystem in Europa steht vor großen Herausforderungen, denn es hat sich für die Wiedereingliederung von Straftätern in die Gesellschaft als ungeeignet erwiesen. Alternativen zur Inhaftierung sind dringend notwendig.

 

In der EU sind mehr als 650.000 Menschen inhaftiert. Dies ist eine enorme Zahl, aber noch niedrig im Vergleich zu den Zahlen aus der Russischen Föderation (722.200) und der Ukraine (153.318). Dementsprechend verbüßen auf dem gesamten Kontinent mehr als 1,8 Millionen Menschen eine Gefängnisstrafe. Innerhalb der EU haben folgende Länder die meisten Strafgefangenen: Vereinigtes Königreich (97.079), Polen (84.103) und Spanien (69.702). Die Zahl der Menschen, die eine Freiheitsstrafe verbüßen, ist also ungeheuer groß und ein Zeichen dafür, dass in unserer Gesellschaft etwas dramatisch schief gelaufen ist.

 

Ein weiterer relevanter Indikator ist die Gefangenenquote innerhalb der Bevölkerung eines Landes. Innerhalb der EU hat Polen die höchste Quote (220 je 100.000 Einwohner), gefolgt von der Tschechischen Republik (218) und der Slowakei (203), während man am anderen Ende des Spektrums Finnland (59), Slowenien (64) und Schweden (70) findet. Im Vergleicht dazu einige  Länder außerhalb Europas: die Gefangenenquote in China beträgt 121 bzw. 170, je nach Berechnungsmethode, und in den USA sogar unglaubliche 730. Diese Zahlen geben einen Einblick in den unterschiedlichen Umgang mit Freiheitsentzug und Bestrafung. Im Allgemeinen gilt, dass die Staaten mit einer niedrigeren Zahl von Strafgefangenen alternative Programme entwickelt haben, die in der Regel eine Resozialisierung von Straftätern ermöglichen.

 

Obwohl Fragen der Sicherheit und des Strafvollzugs in den Zuständigkeitsbereich der Mitgliedstaaten fallen, erklärt die Europäische Kommission, „fehlendes Vertrauen in die Wahrung der Grundrechte bei der Umsetzung von Unionsrecht durch die Mitgliedstaaten würde das Funktionieren und den Ausbau der Zusammenarbeit im Bereich von Freiheit, Sicherheit und Recht beeinträchtigen“. Zudem verweist die Kommission in ihrem Grünbuch zur Anwendung der EU Strafrechtsvorschriften im Bereich des Freiheitsentzugs (2011) auf die Feststellung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, dass „unhaltbare Haftbedingungen einen Verstoß gegen Artikel 3 der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte darstellen können“.

 

Angesichts dieser besorgniserregenden Lage hat das Zentrum für Glauben und Gerechtigkeit der Jesuiten in Dublin vom 5. bis 7. September 2012 eine internationale Konferenz mit dem Titel „Re-imagining imprisonment in Europe“ („Neue Formen des Strafvollzugs für Europa”) veranstaltet. Teilnehmer der Konferenz waren Wissenschaftler, Beamte und Fachleute aus der Praxis wie Kriminologen, Psychologen, Gefängnisseelsorger und ehrenamtliche Besucher von Gefangenen. Die ehrenamtlichen Helfer der Konferenz wurden bei ihrer Arbeit von ehemaligen Häftlingen unterstützt, was den Teilnehmern die Gelegenheit bot, die in den Debatten vertretenen Standpunkte empirisch zu überprüfen.

 

Bemerkenswerterweise herrschte ein breiter Konsens dahingehend, dass Gefängnisse als Mittel zur Wiedereingliederung und Resozialisierung von Straftätern versagen. Dies wurde auch von umfangreichen Statistiken untermauert, die belegen, dass mehr als 60 % der Strafgefangenen wieder straffällig werden. Freiheitsentzug ist sicherlich eine Form der Bestrafung,  aber ist nicht imstande, einen positiven Beitrag zur persönlichen Entwicklung der Straffälligen zu leisten. Das bestehende soziale Stigma, fehlende Mittel für geeignete Programme sowie die Überbelegung der Gefängnisse sind Faktoren, die eine Resozialisierung erschweren. Eher noch kann der gegenteilige Effekt beobachtet werden: Menschen in Haft – besonders jugendliche Straftäter –neigen vermehrt dazu, sich nach der Inhaftierung der Kriminalität zuzuwenden. Ein ebenso wichtiger Punkt ist, dass Menschen, die nach der Inhaftierung in ihr vorheriges soziales Umfeld zurückkehren und keine Möglichkeiten haben, eine Arbeit aufzunehmen, nur geringe Chancen auf einen Neubeginn haben. Nur in solchen Ländern, die alternative Systeme mit einem Schwerpunkt auf Ausbildung, Berufsqualifikation und Integration in die Familie und in die Gemeinschaft entwickelt haben, sind Gefängnisse weniger notwendig geworden.

 

Eine weitere bemerkenswerte Schlussfolgerung der Konferenz ist, dass keine positive Korrelation zwischen Gefangenenquote und der Sicherheit eines Landes besteht: Eine niedrige Inhaftierungsquote beeinträchtigt nicht die Sicherheit eines Landes. So zeigte Tapio Lappi-Seppälä vom Nationalen Forschungsinstitut für Rechtspolitik in Finnland, wie die Entwicklung von alternativen Programmen in Finnland die Zahl der Gefangenen reduziert hat, ohne dass sich die Kriminalitätsrate dadurch erhöht hätte.

 

Wie Prof. Andrew Coyle, selbst ehemaliger Leiter einer Strafvollzugsanstalt, im abschließenden Vortrag hervorhob, fordern Christen schon seit langem Reformen mit dem Ziel, das Element der Rache im Strafvollzugssystem zu minimieren und die Möglichkeiten der Resozialisierung zu fördern. Heutzutage setzen sich viele christliche Gruppen für die Förderung der opferorientierten Justiz ein, die es ermöglichen soll, Opfer und Täter zusammenzubringen und in einem komplexen und behutsamen Prozess sowohl die Heilung der Opfer als auch die Resozialisierung der Straftäter zu bewirken.

José Ignacio García

JESC

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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