Mittwoch 21. November 2018
#153 - Oktober 2012

 

Brüssel: zwischen Athen und Jerusalem

 

Wir brauchen eine intensivere Debatte über die Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft und über das neue Modell einer Fortschrittsgesellschaft, die nicht allein auf materiellen Werten ruht.

 

Als in der Eurozone die Finanzkrise ausbrach, brachte der Philosoph Peter Sloterdijk das Bild vom Kristallpalast, der 1851 die Weltausstellung in London beherbergte. Die EU, so Sloterdijk, werde häufig als riesiges Glashaus des entspannten Genusses gesehen, in dem sich die Bürger dem Baal-Kult hingeben können, unbekümmert und fieberhaft zugleich, ein Kult, den das 20. Jahrhundert Konsumismus nannte. Die europäischen Verträge sollten Frieden und soziale Sicherheit und jedem Einzelnen jedes Jahr eine Lohnerhöhung bescheren, unabhängig davon, wie sehr er sich anstrengte. Das Leben in einem Kristallpalast macht eigene Entscheidungen unnötig und befreit den Menschen von jeglicher Verantwortung.

 

In seiner jährlichen Rede vor dem Europäischen Parlament zur Lage der Union spricht EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso über die Ursachen der Krise und die Mittel, diese zu überwinden. Als Ursachen nennt er die unverantwortlichen Praktiken im Finanzsektor, die nicht mehr tragbare Staatsverschuldung und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in einigen Mitgliedstaaten. Hinzu kommen strukturelle Probleme der Eurozone. Barroso legt auch eine Liste von konkreten Ansätzen vor, mit deren Hilfe die europäische Einigung vollendet werden soll. Diese Ansätze betreffen drei Bereiche: finanzielle und wirtschaftliche Probleme, institutionelle Probleme sowie Werte, auf denen die europäische Integration gründet. Laut Barroso brauchen wir eine neue Vision von Europa. Es seien die europäischen Werte, die Europa ausmachten und über seine besondere Rolle und seine Aufgabe in der Welt bestimmten. Doch die vom EU-Kommissionspräsidenten genannte Werteliste fällt sehr kurz aus: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Solidarität. Sicherlich handelt es sich dabei um europäische Werte, doch reichen sie nicht aus, um die Stabilität und die Nachhaltigkeit des „Bundes der Nationalstaaten“, der Barroso vorschwebt, zu gewährleisten.

 

Der Kommissionspräsident fordert alle Bürgerinnen und Bürger zu einer breit angelegten Debatte über Europa auf, nennt aber nicht die Kirchen als Partner in diesem Dialog. Die Frage des europäischen Kulturerbes scheint keine Rolle zu spielen. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass seine Rede – zumindest in diesem Bereich – oberflächlich wirkt. Monetäre Fragen, Institutionen und Solidarität – das ist zu wenig, um Begeisterung für Europa zu wecken. Wir brauchen eine intensivere Debatte über die Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft, über das neue Modell einer Fortschrittsgesellschaft, die nicht allein auf materiellen Werten ruht, über die Rolle, die Ethik in der Wirtschaft und ganz besonders im Finanzsektor spielen soll, und allgemeiner über die neue humanistische Synthese.

 

Die Wirtschafts- und Finanzkrise in der Eurozone ist ein Zeichen dafür, dass die Geschichte erneut Einzug in den Kristallpalast gehalten hat. Die Welt unterliegt ständigen dynamischen Veränderungen und wird immer eine Herausforderung für den Menschen bleiben. In der Bibel heißt es: „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen“ (Gen 3, 18-19). Die Tatsache, dass die Arbeit des Menschen im Schweiße seines Angesichts auch andere als die erwünschten Ergebnisse zeitigt, ist eine Folge der Abkehr vom ursprünglichen Plan Gottes, das, was wir Sünde nennen. Wenn wir die aktuelle Krise analysieren, laufen wir Gefahr, nur die Folgen der Sünde zu sehen und die eigentlich ursächliche Sünde zu vergessen. Uns scheint, dass wir nichts verlieren, wenn wir uns von Gott abwenden – weder die Fähigkeit, die sozialen Fragen oder den Kern der wirtschaftlichen Entwicklung zu begreifen, noch die Fähigkeit, das gesellschaftliche Leben zu organisieren. In Wirklichkeit aber ändert der deutliche Mangel an religiöser Motivation die Perspektive, aus der wir Menschen unsere täglichen Entscheidungen treffen. Die unmittelbare Folge ist ein sowohl in der Gesellschaft als auch bei den Eliten verbreiteter Materialismus.

Mit einem Augenzwinkern kommentierte der New-Yorker Völker- und Europarechtler Joseph Weiler den aktuellen Ansatz zur Lösung der Probleme in Europa mit den Worten „zu viel Athen und zu wenig Jerusalem“. In Zeiten der Krise ist es wichtig, eine neue Balance zu finden zwischen politischen und wirtschaftlichen Erwägungen einerseits und Religion andererseits, zwischen Athen und Jerusalem. Nur eine neue Synthese, die auf einer korrekten Anthropologie gründet, wird die Nachhaltigkeit der europäischen Gesellschaft gewährleisten.

 

Piotr Mazurkiewicz

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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