Thursday 29. October 2020
#154 - November 2012

 

Wie kann man non-formales und informelles Lernen in Europa besser anerkennen ?

 

Spätestens seit das Konzept des „Lebenslangen Lernens“ die europäische Bildungspolitik bestimmt, haben auch außerhalb der formalen Bildungssysteme gewonnenen Fähigkeiten und Kompetenzen an Bedeutung gewonnen. Auf europäischer Ebene gibt es bereits mehrere Instrumente, die dieses Ziel verfolgen: Den Europass, den Youthpass und nicht zuletzt den Europäischen Qualifikationsrahmen.

 

Im Rahmen der Strategie Europa 2020 hatte die Europäische Kommission 2010 sieben Leitinitiativen zu deren Umsetzung vorgestellt, eine davon ist „Jugend in Bewegung“. Darin hatte die Europäische Kommission einen Vorschlag für eine Ratsempfehlung zur Förderung und Validierung des nicht-formalen und informellen Lernens angekündigt. Damit sollte auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes an neue Schlüsselkompetenzen reagiert und die beruflichen Möglichkeiten junger Menschen verbessert werden. Außerdem sollte ein besserer Zugang zu Lernangeboten geschaffen und der Erwerb von Qualifikationen durch nichtformale Bildungsangebote gefördert werden.

 

Nachdem die Veröffentlichung des Papiers mehrfach verschoben wurde, hat die Europäische Kommission Anfang September nun ihren Vorschlag zur Validierung des non-formalen und informellen Lernens vorgelegt. Darin fordert sie die Mitgliedstaaten auf, bis 2015 allen Bürgerinnen und Bürgern zu ermöglichen, ihre außerhalb der formalen Bildungssysteme erworbenen Fähigkeiten validieren zu lassen. Dazu sollen nationale Systeme zur Validierung nicht-formaler und informeller Lernergebnisse eingerichtet werden, mit denen Lernergebnisse ermittelt, dokumentiert, bewertet und bescheinigt werden sollen. Die Kommission hat in ihrem Vorschlag nicht nur – wie ursprünglich angekündigt – junge Menschen als Zielgruppe berücksichtigt, sondern insbesondere Menschen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Zunächst muss man also festhalten, dass aus einem als jugendpolitisch angekündigten Vorschlag eine in erster Linie beschäftigungspolitische Initiative geworden ist. War in „Jugend in Bewegung“ noch die Rede von der „Förderung, Anerkennung und Validierung non-formalen und informellen Lernens“, so beschränkt man sich nun auf die Validierung, also die Bescheinigung von außerhalb der formalisierten Bildung in offenen Kontexten erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten.

 

Eine Bewertung des Kommissionsvorschlags ist aber nicht zuletzt abhängig von der Antwort auf die Frage nach der grundsätzlichen Notwendigkeit von Anerkennung und Validierung non-formalen und informellen Lernens. Dazu gibt es auch innerhalb der kirchlichen Organisationen und Verbände, die in diesen Bereichen tätig sind unterschiedliche, teils gegensätzliche Positionen. Hauptargument für die Anerkennung non-formalen Lernens ist regelmäßig ihre beschäftigungspolitische Relevanz und Bedeutung für bestimmte Zielgruppen, die beim Zugang zum Arbeitsmarkt mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert sind: Schulabbrecher ohne formale Qualifikation oder Frauen, die nach einer längeren beruflichen Pause wieder Arbeit suchen und dabei die zwischenzeitlich erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen sichtbar machen wollen. Häufig wird argumentiert, dass die Anerkennung und Validierung non-formalen und informellen Lernens für bestimmte Gruppen eine wichtige Möglichkeit sei, den Anschluss an die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten.

 

Gegen eine Anerkennung non-formalen Lernens wird vorgebracht, dass dafür die Schaffung eines formellen Rahmens notwendig wird. Befürchtet werden die Standardisierung und Überformalisierung des non-formalen Lernens und damit der Verlust seines besonderen Charakters, der in erster Linie die persönliche Entwicklung und Zufriedenheit stärken soll. Im Unterschied zur formalen Bildung stützen sich non-formale Bildungsangebote auf die Freiwilligkeit der Lernenden – als Folge einer zunehmenden Anerkennung wird deshalb auch auf die Gefahr einer langfristigen Einschränkung dieser Freiwilligkeit verwiesen.

 

Die Umsetzung der vorliegenden Initiative obliegt den Mitgliedstaaten. Die Frage nach der Art und dem Umfang der Validierung non-formalen Lernens wird also auf nationaler Ebene beantwortet werden müssen. Auch die Frage nach der Förderung der non-formalen Bildung sowie ihr Bezug zur Jugendpolitik muss in diesem Kontext beantwortet werden – der Vorschlag der Kommission überlässt es den Mitgliedstaaten, über die genannten Ziele hinaus tätig zu werden. Zunächst entscheiden die zuständigen Minister im Rahmen ihres nächsten Treffens Ende November über den Vorschlag der Kommission.

 

Christina Gerlach

European Office for Catholic Youth and Adult Education

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