Wednesday 28. October 2020
#154 - November 2012

 

Armutsbekämpfung in Krisenzeiten

 

In Zeiten des Wachstums sind die Armen die Letzten, die von dieser Expansion profitieren, in Zeiten der Rezession sind sie die ersten, die darunter leiden.

 

In der aktuellen Krise scheint das gesteckte Ziel in immer größere Ferne zu rücken. Umso größer ist die Herausforderung, den „Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut“ am 17. Oktober 2012 angemessen zu begehen. Die im Rahmen der erforderlichen Haushaltssanierungen und des Schuldenabbaus in den jeweiligen Staaten auferlegten „Sparprogramme“ drohen aus der Rezession eine Depression zu machen. In erster Linie auf „Wachstumsförderung“ zu setzen, in der oftmals irrtümlichen Annahme, dass Wohlstand den Armen wie auch denen, die den Wohlstand schaffen, gleichermaßen zugute kommt, würde die Ungleichheiten nur noch verstärken. Das Bild des berühmten Trickle-Down-Effekt passt hier nur zu gut: In Zeiten der Expansion sind die Armen die Letzten, die von dieser Expansion profitieren, in Zeiten der Rezession die ersten, die unter dieser Rezession leiden.

 

Am 17. Oktober 2012 trat auf Einladung der EU-Abgeordneten Sylvie Goulard die „interfraktionelle Arbeitsgruppe“ Extreme Armut und Menschenrechte des Europäischen Parlaments zusammen, um über diese Herausforderungen im internationalen wie im europäischen Kontext zu diskutieren, im Bewusstsein, dass Solidarität für die Armutsbekämpfung unabdingbar ist.

 

Abhijit Banerjee, der Autor des Buches „Poor Economics“, betonte, wie wichtig es sei, Menschen, die in Armut leben, dahingehend zu respektieren, dass man keine voreiligen Schlüsse über ihre wirklichen Bedürfnisse ziehe. Geeignete politische Maßnahmen, so Banerjee, ließen sich nur auf der Grundlage von Bürgerbeteiligung und entsprechenden Probemaßnahmen treffen. Dabei sei auch auf das korrekte Verständnis des kulturellen Kontextes zu achten, in dem eine bestimmte Politik umgesetzt werde. Auch Werte seien stets zu hinterfragen. So könne sich beispielsweise der im Westen positiv belegte, liberale Begriff des Unternehmergeists im ländlichen Indien, wo „selbständige Erwerbstätigkeit“ für gewöhnlich den täglichen Kampf ums Überleben bedeutet, schnell als unrealistisch erweisen. Diana Skelton von ATD Vierte Welt hinterfragte einen weiteren beliebten westlichen Slogan: „Wettbewerb bringt Spitzenleistung hervor“. „Spitzenleistung worin“?, so Skeltons Frage. In Bereichen wie dem der Verteilung von humanitärer Hilfe könnten „Wettbewerb“ und Selbstvermarktung verheerend sein. Sie verwies auf ein erfolgreiches Bildungsprogramm in Madagaskar, welches auf dem Grundsatz der „Pädagogik der Nichtaufgabe“ – dem Gegenteil von Wettbewerb – fußt. Dem utilitaristischen Konzept des „größten Guts der größten Anzahl“ setzt das christliche Bemühen um das „Gemeinwohl“ den Grundsatz der Solidarität und der „Nichtaufgabe“ entgegen.

 

Überraschenderweise konzentrierte sich die Diskussion um Europa in erster Linie auf die von der Europäischen Zentralbank zu spielenden Führungsrolle. Ihr oberstes Mandat besteht nicht in der Förderung von Wachstum, sondern darin, – in guten, insbesondere aber auch in schlechten Zeiten – mithilfe des Trinoms „Gleichheit, Effizienz und Stabilität“ allzu große Ungleichheiten zu vermeiden. In diesem Sinne bedeutet Stabilität nicht die Aufrechterhaltung eines – ungerechten – wirtschaftlichen Status Quo, sondern die Begrenzung der negativen Auswirkungen auf die am stärksten gefährdeten europäischen Wirtschaften. „Preisstabilität“ ist ein probates Mittel zum Schutze der ärmeren Sektoren der Gesellschaft, die am stärksten unter der Inflation leiden, da sie ihre mageren Ersparnisse in bar aufbewahren und ihre Renten inflationsbedingt rasch an Wert verlieren.

 

Wie lassen sich die öffentlichen Haushalte kontrollieren, ohne dass wichtige soziale Netze zerstört werden? Wie lassen sich auf den Bankrott von Banken zurückzuführende Verluste gerechter zwischen den Kontoinhabern einer Bank und deren Aktionären aufteilen? Derart dringliche moralische Fragen, die Welten von den Themen des derzeitigen US-Präsidentschaftswahlkampfs entfernt zu sein scheinen, zeigen, dass das europäische „Sozialmodell“ zwar unter Druck steht, aber noch lange nicht am Ende ist.

 

Frank Turner SJ

JESC

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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