Friday 10. July 2020
#157 - Februar 2013

 

“Die Versöhnung ist kein leeres Wort, sondern der Weg”

 

Mit diesen Worten würdigten die deutschen und französischen Bischofskonferenzen den 50. Jahrestag der deutsch-französische Versöhnung, in einer gemeinsamen Erklärung, die am 18. Januar veröffentlicht wurde.


Mit großer Dankbarkeit erinnern die französischen und deutschen Bischöfe an den 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags über die Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern. Spontan fallen uns starke Bilder ein: Charles de Gaulle und Konrad Adenauer bei der Versöhnungsmesse am 8. Juli 1962 in der Kathedrale von Reims oder aber auch Helmut Kohl und François Mitterand am 22. September 1984 Hand in Hand über den Soldatengräbern in Verdun. Stärker als viele Worte symbolisieren diese Bilder die Aussöhnung unserer beiden Völker. Mit der Aussöhnung haben Franzosen und Deutschen die Lehre aus den sinnlosen Kriegen der Vergangenheit gezogen und ihre Beziehungen auf eine neue Grundlage gestellt.

 

Der Elysée-Vertrag war gleichzeitig Höhepunkt der Aussöhnung der beiden verfeindeten Nationen als auch Ausgangspunkt für eine Vertiefung dieser freundschaftlichen Beziehungen durch politische und gesellschaftliche Kontakte auf allen Ebenen. Als Bischöfe würdigen wir, was mit diesem Freundschaftsvertrag erreicht worden ist und sich in seinem Rahmen entwickelt hat. Heute erscheint die französisch-deutsche Freundschaft selbstverständlich und die Besonderheit der Beziehungen tritt nicht mehr jeden Tag ins Bewusstsein der Politiker und der Bürger. Und doch sind die freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern und Völkern heute mehr denn je entscheidend, um die derzeitige Krise zu überwinden und die Zukunft Europas zu gestalten.

 

Die deutsch-französische Freundschaft, die einen Kern der Europäischen Einigung bildet, ist seit jeher ein Dienst an Europa gewesen. Auch in einer größer gewordenen Europäischen Union hat das deutsch-französische Tandem nichts an seiner Bedeutung verloren. Die Rolle Deutschlands und Frankreichs in der Bewältigung der Eurokrise hat dies zuletzt noch einmal unterstrichen. Gerade weil Frankreich und Deutschland in vielen Bereichen sehr unterschiedlich sind, kann eine Einigung zwischen beiden Ländern oft die Grundlage für eine Einigung in Europa bilden. Die deutsch-französische Freundschaft bildet so die Grundlage für unsere beiden Länder, um gemeinsam unsere Verantwortung in und für Europa wahrzunehmen.

 

Die Euro-Krise hat unverantwortliches Verhalten auf verschiedenen Ebenen ans Licht gebracht und stellt die Solidarität zwischen den europäischen Ländern auf eine harte Probe. Für die Zukunft Europas müssen Solidarität und Verantwortung enger verknüpft werden (vgl. „Eine Europäische Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft“. Erklärung der Bischöfe der ComECE, Januar 2012). Insofern bleibt die deutsch-französische Aussöhnung Beispiel für eine solche Politik der Verantwortung und der Solidarität.

 

Konrad Adenauer und Charles de Gaulle bei der Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims symbolisieren das Bewusstsein, dass Politik auf Grundlagen aufbaut, die sie selbst nicht schaffen kann. Den Feind zu lieben, ist ein hoher Anspruch des Evangeliums, den die beiden Staatsmänner in die Tat umsetzen konnten. Seitdem hat die Europäische Union ihren Völkern Frieden und Wohlstand gebracht. Aber mit der Wirtschaftskrise sehen wir die Missachtung und das Misstrauen zwischen den europäischen Völkern, die Ablehnung von Fremden und die Verweigerung von Solidarität wieder zum Vorschein kommen. Die globalisierte Wirtschaft sowie die kulturelle und religiöse Pluralisierung lassen neue Feindbilder entstehen. Überall in Europa erstarken populistische Bewegungen und predigen den Rückzug. Die Wirtschaftskrise bringt eine moralische Krise ans Licht, in der der Sinn des Lebens nicht mehr in der Verbindung zu Anderen und der Forderung nach Gerechtigkeit besteht.

 

Frankreich und Deutschland können und müssen aus der Geschichte ihrer Versöhnung und ihrer Freundschaft die Stärke schöpfen, um gemeinsam Konsequenzen aus den aktuellen Problemen zu ziehen. Sie können daraus auch Inspiration gewinnen, die Europäische Union beim Aufbau langfristig tragfähiger politischer Strukturen und einer wirklichen sozialen Marktwirtschaft in Europa zu unterstützen. Sie können sich dafür einsetzen, dass die Achtung der Würde des Menschen, die Sorge um das Gemeinwohl und die Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität immer stärker den Aufbau Europas leiten.

 

Die Europäische Integration ist zu einer symbolträchtigen Form der Konfliktlösung geworden, wie die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union noch einmal herausgestellt hat. Die Freundschaft zwischen unseren ehemals verfeindeten Ländern kann ebenso Vorbild für die Aussöhnung an anderen Orten der Welt sein. Aber dieses Beispiel und diese Freundschaft müssen immer wieder von Frauen und Männern in unserer Zeit verkörpert werden. Gerade deshalb sind immer wieder Initiativen für eine Neubelebung der Kontakte auf staatlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Ebene sowie die Förderung des gegenseitigen Erlernens der Sprache erforderlich.

 

Auch die Kirche hat ihren Beitrag zum Ausbau der deutsch-französischen Freundschaft geleistet, unter anderem durch die Partnerschaften zahlreicher Pfarreien und die gegenseitigen Besuche von Kirchenverantwortlichen. Im aktuellen Kontext ist der 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags die Gelegenheit, vor allem die jüngere Generation daran zu erinnern, dass Versöhnung kein leeres Wort ist, sondern der Weg, den unsere Länder tatsächlich in der Geschichte gegangen sind und der allen Menschen guten Willens offen steht.

 

Kardinal André Vingt-Trois

Erzbischof von Paris

Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz


Dr. Robert Zollitsch

Erzbischof von Freiburg

Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz




 

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