Tuesday 7. April 2020
#161 - Juni 2013

 

Migration als gesellschaftliche Herausforderung

 

Im April hat der Rektor der Päpstlichen Universität Comillas von Madrid, Julio Martinez SJ, den „Wirtschafts- und Gesellschaftspreis“ der renommierten Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice erhalten. EuropeInfos hat ihn interviewt.


Warum konzentrieren Sie sich auf Migration als ein moralisches Thema?


Das Thema Migration gehört zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Mehrere Hundert Millionen Menschen leben in Ländern, die nicht ihr Heimatland sind. In einer zunehmend interdependenten Welt werden die Gesellschaften immer multikultureller. Die Tatsache, dass Millionen von Männern und Frauen auf der verzweifelten Suche nach besseren Lebensbedingungen sind, ist ein deutliches Zeichen der Zeit. Drastische Veränderungen ihrer Lebensumstände können für Migranten zu einer menschlichen Bereicherung, aber auch zu einer radikalen sozialen Ausgrenzung führen.

 

Wir müssen unser derzeitiges Konzept der Bürgerschaft überdenken. Die Globalisierung hat zu einem schrittweisen Verlust, ja zu einem Wegfall der Erfahrung von Bürgerschaft als Form der menschlichen Teilhabe an der Gesellschaft geführt.

 

Können Sie uns einen inhaltlichen Abriss Ihres Werkes geben, für das Sie die Auszeichnung erhalten haben?


„Bürgerschaft, Migration und Religion“ ist vielleicht kein Titel, der sich gut verkauft, doch liegen mir alle drei Elemente sehr am Herzen.

 

Mein Buch beginnt mit der Darlegung, dass die rechtlichen und politischen Strukturen, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts das menschliche Zusammenleben geprägt haben – wie der Nationalstaat, die freiheitlichen Demokratien und die mit der Nationalität verbundene Bürgerschaft – von den neuen Dimensionen der Globalisierung und des kulturellen Wandels verdrängt worden sind.

 

In einem zweiten Teil beschäftige ich mich mit den wichtigsten Bürgerschaftsmodellen, die den zeitgenössischen politischen Philosophien zugrunde liegen. Darin behandele ich „liberale“ Modelle (sowohl liberalistische als auch sozialliberale Modelle), Gemeinschaftsmodelle, den republikanischen Diskurs der Bürgerschaft und schließlich die Vision, die den Vorschlägen und kritischen Äußerungen der jüngsten Katholischen Soziallehre entspringen.

 

Im drittenTeil untersuche ich die Möglichkeiten des interkulturellen Dialogs, die Voraussetzungen für eine ethische Reflexion, die Herausforderung, die die Einwanderung für die Bildung darstellt und die ethische Transzendenz von Bildung selbst.

 

Als viertes beschäftige ich mich mit der Frage, die bereits seit Jahren den Kernpunkt meiner Forschung darstellt. Wie können wir unsere Verantwortungen als Gläubige und als Bürgerinnen und Bürger im heutigen kulturellen und politischen Kontext miteinander in Einklang bringen? Diese Frage stellt sich im Zusammenhang mit Themen wie Religion im öffentlichen Raum, die Existenz von Religionen im interdependenten „globalen Dorf“ oder die Rolle von Religion in unseren zunehmend pluralistischen und multikulturellen Gesellschaften. Durch die Bedeutung, die Religion für viele Millionen Migranten hat, werden Säkularismus und Forderungen nach Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Raum grundlegend hinterfragt. Damit stellen sich auch neue Fragen in Bezug auf das Konzept der Bürgerschaft.

 

Zum Schluss erörtere ich die Pflicht und die Fähigkeit der Kirche, in diesen pluralistischen Gesellschaften, in denen sie nach wie vor ein bedeutender Akteur, aber nicht mehr der moralische Schrittmacher ist, an moralischen Debatten teilzunehmen.

 

Mein Buch beruht auf einer besonderen Erkenntnistheorie, in der die moralische und theologische Reflexion Philosophie und Theologie, aber auch andere Wissenschaften in einen Dialog eintreten lässt. Mein Ziel ist ein kritischer, dialogischer Diskurs zwischen der sozialen Moraltheologie und der sozialen Moralphilosophie. Dabei verstehe ich den Dialog des Moraltheologen mit dem Moralphilosophen nicht als optionale Verzierung, sondern als konstitutives Element des theologischen Verständnisses und der Kommunikation des Mysteriums.

 

Wie bewerten Sie die derzeitige Migrationspolitik in Europa?


In Europa haben wir verschiedene Modelle ausprobiert, wie die Assimilierung (das so genannte „französische Modell“ etwa verbannt religiöse Symbole aus öffentlichen Schulen) oder die multikulturelle Segregation (das liberale angelsächsische Modell). Allgemein wird unter Integration aber immer die Anpassung derer verstanden, die ins Land kommen. Es mangelt nach wie vor an einem gemeinsamen Rechtssystem für den Umgang mit den in die EU kommenden Migranten, wahrscheinlich weil die Einwanderung für viele Mitgliedstaaten ein so heikles Thema ist.

 

Ein interkultureller Ansatz setzt voraus, dass sich Pluralismus auf einem positiven Verständnis von Vielfalt gründet. Das Erreichen von Pluralismus allerdings erfordert konsequente politische Maßnahmen. Diese wiederum machen eine besonnene Reflexion über die neue Situation erforderlich, eine Reflexion, die sich der Komplexität der Lage bewusst ist und sich nicht kurzfristigen Interessen oder unbegründeter Furcht unterwirft. Interkulturalität erfordert, dass vielfältige Akteure gleichberechtigte Beziehungen anstreben; dass diese Akteure gewillt sind, sich auf grundlegende Änderungen einzulassen und sich durch aufmerksames Zuhören selbst zu ändern; dass sie davon überzeugt sind, dass dieser Prozess zwar schwierig, aber gut für alle ist; aber auch, dass sie auf die Bewahrung einer Grundeinheit achten, die selbst Verpflichtungen und Einschränkungen mit sich bringen kann.

 

Das Interview führte José Ignacio García SJ

JESC

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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