Tuesday 7. April 2020
#163- September 2013

 

Die Rede von der «Seele Europas»

 

Eine Metapher, ein Missverständnis und die Folgen.


Immer wieder, wenn sich Kirchen- und Religionsvertreter mit dem Projekt der Europäischen Union beschäftigen, taucht sie unvermeidlich auf: die «Seele Europas» und die Forderung, Europa eine «Seele zu geben». Dabei wird der Verdacht geweckt, dass sich die Kirchen dieser Metapher bedienen, um ihre Rolle in der Europäischen Union als «Beseeler» einzufordern. Um dieses Missverständnis auszuräumen, hier der Versuch einer Klarstellung.

 

Phase des Umbruchs

Die politische Rede von der «Seele Europas» entstand zu einem Zeitpunkt, an dem eine Phase des Europäischen Integrationsprozesses ihren Abschluss gefunden hatte, während gleichzeitig durch die turbulenten historischen Ereignisse der Jahre 1989 – 1991 die ursprüngliche Vision Europas für seine Bürger ihre Kraft zu verlieren begann und über neue Zielsetzungen keine Einigkeit bestand.

Nach den Jahren der «Eurosklerose» von 1975 – 1985 versucht Jacques Delors als Präsident der Kommission den «Europäischen Zug» wieder in Gang zu setzen und neue Ziele für die EU zu formulieren. Mit dem Vertrag von Maastricht wird der Europäische Binnenmarkt vollendet, die Europäischen Gemeinschaften wandeln sich zur Europäischen Union.

 

Gleichzeitig wird in einigen Mitgliedsstaaten in Abstimmungen über den Vertrag deutlich, dass nicht alle Bürger der damals 12 Mitgliedsstaaten bereit sind, diese Änderungen widerspruchslos hinzunehmen. Der «europäische Motor» beginnt zu stottern – das europäische Integrationsprojekt scheint die Zustimmung seiner Bürger zu verlieren.

 

Der Zusammenbruch des Kommunismus und die Integration dieser Länder stellen die Europäische Union vor neue Herausforderungen. Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens und der Krieg  auf dem Balkan führen schmerzlich vor Augen, dass die EU hilflos, weil politisch zerstritten ist.

In dieser Situation wird Jacques Delors klar: die technische Seite des Integrationsprojekt läuft im Großen und Ganzen, aber sie kann diejenigen nicht mehr begeistern, die das Projekt tragen sollen: die Bürger Europas. Der Integrationsprozess wird als technokratisches Marktinstrument, als abgehobenes Projekt einer politischen und intellektuellen Elite wahrgenommen, das offensichtlich nicht hält, was es verspricht. Die großen Errungenschaften des Integrationsprozesses, von der bereits erwähnten Friedensperiode angefangen, werden als gegeben angenommen – und nicht als Ergebnis eines langen politischen Prozesses.

 

Bürger gewinnen

Delors weiß, dass er die Menschen, alle Bürger Europas, für dieses Projekt zu gewinnen muss, wenn es eine Zukunft haben soll. Dazu bedarf es eines deutlichen Zieles, das gemeinsam anzustreben sich lohnt und für das sich die Bürger begeistern können. In dieser Situation, auf der Suche nach Mitstreitern, fällt sein Wort von der «Seele».

 

Mit der Metapher von der «Seele Europas» meinte Jacques Delors ein Projekt, aber keine religiös definierte ontologische Größe.

Delors Absicht finden wir in einem Vortrag, mit der er sich im Februar 1992 vor der Konferenz europäischer Kirchen (KEK):

 

«Wir betreten nun eine faszinierende Zeit - wahrscheinlich vor allem für die junge Generation - eine Zeit, in der die Debatte über die Bedeutung des Aufbaus Europas ein wesentlicher politischer Faktor werden wird. Glauben Sie mir, wir werden mit Europa keinen Erfolg haben mit ausschließlich juristischer Expertise oder wirtschaftlichem Know-how. Es ist unmöglich, um das Potenzial von Maastricht ohne frischer Luft Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn es uns in den kommenden zehn Jahren nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, es mit einer Spiritualität und einer tieferen Bedeutung zu versehen, dann wir das Spiel zu Ende sein. Daher möchte ich die intellektuelle und spirituelle Debatte über Europa wiederbeleben. Ich lade die Kirchen ein, sich daran aktiv zu beteiligen. Wir möchten diesen Prozess nicht kontrollieren, es ist eine demokratische Debatte, die nicht von Technokraten monopolisiert werden darf. Ich möchte einen Ort des Austauschs schaffen, einen Raum für Diskussion, der offen ist für Männer und Frauen mit Spiritualität, für Gläubige und Nichtgläubige, für Wissenschaftler und Künstler. Wir arbeiten bereits an dieser Idee. Wir müssen einen Weg finden, hier auch die Kirchen mit einzubinden.»*

 

Hier wird deutlich, was Jacques Delors in diesem Zusammenhang unter «Seele» versteht: eine intellektuelle und spirituelle Debatte über die Ziele und die Bedeutung der europäischen Integration, die niemanden ausschließen und von niemandem dominiert werden darf. Männer und Frauen, jung und alt, Gläubige und Ungläubige, Wissenschafter und Künstler, sie alle sollen sich beteiligen. Diese «Seele» ist ein «Prozess» – und gleichzeitig gelingt es Delors doch nicht ganz, den Technokraten abzulegen: «Wenn wir es nicht schaffen, Europa eine Seele, eine Bedeutung und eine Spiritualität zu geben…».

 

Diese Debatte hat stattgefunden (und findet, in reduzierter Form, noch immer statt): zwischen Schriftstellern und Philosophen in den Feuilletons der Qualitätszeitungen, auf Symposien und Kongressen von Think-tanks und Europabewegten, aber sie hat die Zirkel der intellektuellen Eliten eigentlich nie verlassen und ist höchsten in der Form von Schlagworten und Slogans in der weiteren öffentlichen Debatte aufgetaucht. Das Bewusstsein, dass der europäische Integrationsprozess von denen zu gestalten ist, die er auch betrifft – von den Bürgern Europas – ist nicht besonders entwickelt.

 

Zwei Missverständnisse

Die Kirchen drohen der Versuchung zu erliegen, aus Delors‘ Projekt der Gewinnung der Bürger einen Kampf gegen den Verfall der christlichen Kultur Europas zu machen.

 

Das Anliegen des katholischen Sozialisten Jacques Delors, wurde von manchen in den Kirchen gründlich missverstanden. Was Delors als Debatte über die Finalität und die Bedeutung Europas für die Europäer selbst verstanden wissen wollte, artete zu einer Debatte über die Seele als einer ontologischen Größe aus. Nicht mehr der prinzipiell offene Prozess der «Beseelung», an dem sich zu beteiligen die Kirchen eingeladen sind stand im Mittelpunkt, sondern die theologische bzw. kulturhistorische Frage nach dem «Was» dieser Seele Europas. Die Metapher Delors hatte – nachdem sie von Theologen aufgegriffen worden war – ihre Bedeutung geändert (aber das geschieht ja öfters mit Metaphern, die unversehens das Wortspiel wechseln).

 

Mit diesem Wechsel des Sprachspiels wuchs aber das Missverständnis weiter. Der Begriff «Seele» im Zusammenhang mit «Staat» war Bestandteil des politisch-philosophischen romantischen Diskurses des 19. Jahrhunderts über den Nationalstaat. Demzufolge gehören die politische, die kulturelle und die religiöse Dimension zusammen. Der Staat ist der Körper der Nation, und diese Nation selbst ist«beseelt». Bestes Beispiel: das Selbstverständnis Polens als «alter Christus», der stellvertretend für Europa leidet.

 

Diese von der Wiener Historikerin Tamara Ehn so genannte «Re-Mythologisierung» des politischen Diskurses ist gleichzeitig das Symptom einer der Grundschwierigkeiten Europas: die Furcht vor einer öffentlichen demokratischen Diskussion (die diesen Namen zu recht verdienen würde) über die Europäische Union und ihre Ziele bzw. den Weg zu diesen Zielen.

 

Ein zweites Missverständnis liegt darin, dass der von Delors beabsichtigte Prozess der «Beseelung» zu einer Wertedebatte verengt wird, zum Instrument im Kampf gegen den (vermeintlichen) Verfall der christlich-europäischen Kultur, ihren Werten und ihres moralischen Bewusstseins. Die in diesem Zusammenhang unausweichliche – und auch notwendige Diskussion über die Identität Europas beschränkt sich dann auf die Frage, ob diese (ausschließlich) christlich oder säkular ist – eine Beschränkung, die der Pluralität Europas und seiner Kulturen nicht gerecht wird.

 

Pluralität wagen

In der Brust des Europäischen Integrationsprozesses wohnen viele Seelen, auch eine christliche. Es gilt, sie alle zu entdecken.

Eine der Hauptgefahren in der Diskussion über die Seele Europas liegt in der Versuchung, die «Seele Europas» exklusiv für die eigene Gruppe zu beanspruchen. Das wird zwar den Kirchen vorgeworfen, gilt aber in mindestens gleicher Weise für eine «fundamentalistische Laizität», die Kirche und Religion aus dem öffentlichen Raum und Diskurs verbannt, die mit dem Anspruch einer alle umfassenden «Neutralität» und «Objektivität» auftritt, aber letztlich niemanden neben sich dulden möchte. Dabei wird übersehen, dass die Seele Europas sich aus verschiedenen Quellen speist und jede von ihnen einen originären Beitrag leistet. Nicht nur die Integration Europas ist ein schwieriger Lernprozess: gleiches lässt sich vom Übergang hin zu einer pluralen Gesellschaft sagen. In diesem Prozess den wertvollen Beitrag der verschiedenen Gruppen und Menschen - religiös oder säkular – zum Erreichen eines gemeinsamen Ziels erkennen zu wollen und über dieses Ziel zu diskutieren, genau das hatte – meine ich – Jacques Delors mit seiner Rede von der «Seele Europas» gemeint.

 

Michael Kuhn

COMECE

 

 

Dieser Artikel wurde in etwas anderer Form anlässlich der «Langen Nacht der Kirchen 2013» am 24. Mai 2013 in der Ausgabe 3/2013 von «InfoEuropa. Informationen über den Donauraum und Mitteleuropa», S.6-8, veröffentlicht

 

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