Tuesday 7. April 2020
#163- September 2013

 

Was wird aus Syrien?

 

Bericht eines syrischen Priesters über die aktuelle Lage in seinem Land.


Es ist nicht einfach, die aktuelle politische, soziale und wirtschaftliche Lage in Syrien zu beschreiben, denn es ist nicht möglich, sich frei im Land zu bewegen, und weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene gibt es derzeit eine Presse, die objektiv und unparteiisch über die Realität und den Alltag der Syrier berichten würde. Momentan ist es praktisch unmöglich, die Lage im Land zu erfassen und klare und genaue Informationen zu geben.

 

Die Umwälzungen in Syrien begannen im Frühjahr 2011. Nach anfänglich friedlichen Demonstrationen wurden die Auseinandersetzungen immer gewalttätiger. Ihnen liegen globale Probleme zugrunde: auf politischer Ebene, weil nur eine Partei die alleinige Macht ausübt, aber auch auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene (die Kluft zwischen einer reichen Minderheit und der armen Mehrheit wird immer größer). Anders als die scheinbare Stabilität und der oberflächlich vorhandene Wohlstand glauben machen mögen, fehlt es in Syrien an Strukturen, die eine Modernisierung des Staates und Stabilität im Land ermöglichen würden. Nun versinkt das Land in einer Krise, durch die sich inzwischen alles verändert hat. Die Menschen leiden unter Ängsten, Sorgen und Unsicherheit. Niemand hätte je gedacht oder gewünscht, dass es mit Syrien so weit kommt und wir eine derart tragische Situation erleben.

 

Heute gibt es in Syrien keinen ruhigen Ort mehr, ohne Gewalt und Not. Diese Zeiten sind vorbei.

 

Schätzungen zufolge (es gibt keine offiziellen Statistiken) sind über 100.000 Tote, davon fast 15.000 Kinder zu beklagen. Die Zahl erscheint mir leider nicht zu weit hergeholt. Wenn die Gewaltmaschinerie in diesem Rhythmus weiterarbeitet, wird sich diese Zahl bis Ende des Jahres meiner Meinung nach sogar noch verdoppeln, wenn nicht gar verdreifachen. Dabei sind die Verschollenen (Inhaftierte, Entführte etc.) noch nicht einmal mitgezählt.

 

Zudem ist von 3,5 Millionen Menschen die Rede, die vertrieben wurden und von denen die meisten lediglich mit der Kleidung, die sie am Körper trugen, Haus und Hof verlassen mussten, um Willkür und Gewalt zu entkommen. Diese Menschen besitzen nichts mehr, gar nichts mehr. Einige von ihnen mussten sogar mehrmals fliehen (sie waren an einen sicheren Ort geflüchtet, mussten aber aufgrund einer neuen Welle der Gewalt erneut an einen anderen Ort fliehen und so weiter). Zu den Vertriebenen kommen die Menschen, die keine Flüchtlinge sind, aber unter den Folgen der Ereignisse leiden. Viele von ihnen etwa sind arbeitslos und leben deshalb unter der Armutsgrenze. Auch hier gehen die Schätzungen von 2,5 Millionen Menschen aus, die Soforthilfe benötigen.

 

Fast 1,5 Millionen Syrier haben das Land verlassen und Schutz in einem der Nachbarländer (Libanon, Jordanien, Nord-Irak oder Türkei) gesucht. Auch andere Länder wie Ägypten und Algerien nehmen Flüchtlinge aus Syrien auf.

 

Die Kriminalitätsrate ist extrem angestiegen (Entführungen zwecks Lösegeldzahlung, Einbrüche, Raubüberfälle etc.). Dies führt dazu, dass die Freizügigkeit der Menschen, selbst in eigentlich ruhigen Gebieten, stark eingeschränkt ist.

 

Zunehmende Radikalisierung und religiöser Fundamentalismus

Es ist nicht verwunderlich, dass es in Syrien Al Kaida nahestehende radikale Gruppierungen gibt, die versuchen, ihre Standpunkte und ihr Programm in der politischen Opposition zu verankern. Laut einigen Mitgliedern der freien Armee verfügen die fundamentalistischen Gruppierungen über mehr finanzielle Mittel als andere Gruppen und können somit einfacher Kämpfer rekrutieren als die anderen. Nicht nur die Syrier, auch internationale Beobachter und Experten fragen sich, wer heute in den Straßen Syriens das Sagen hat. Die Frage bleibt offen, denn die Straße wird von Warlords regiert und jede Gruppierung hat ihren eigenen Chef. Wenn aber die Fundamentalisten innerhalb der politischen Opposition immer stärker Fuß fassen, was soll dann aus Syrien werden?

 

Bei meinem letzten Punkt spreche ich als Christ: die Unsicherheit und die Angst der christlichen Gemeinschaft. Natürlich sind alle Syrier besorgt und keiner kann das Leid für sich allein beanspruchen. Doch angesichts des zunehmend radikalen Islamismus und der jüngsten schlimmen Erfahrungen von Gewalt und Intoleranz (man bedenke, wie es den Christen im Irak ergangen ist), sind die syrischen Christen noch besorgter als ihre muslimischen Landsleute. Dabei sind sie nicht unmittelbar Ziel von Angriffen. Wenn es doch zu einzelnen Übergriffen kommt, wie beispielsweise in Al-Qusayr in der Nähe von Homs, so geschieht dies, weil die Christen Partei ergreifen, nicht aber aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit. Dennoch sollten die Sorgen und Ängste der syrischen Christen ernst genommen werden. Sie müssen gehört werden, gerade in der heutigen Zeit, in der es keine Führung gibt und gerade auch, weil die Kirche eine Position vertritt, die auf dem Evangelium, der Würde des Menschen und der Gerechtigkeit gründet. Die Christen im Osten allgemein und die syrischen Christen im Besonderen sind die schwächsten Glieder in der Gesellschaft. Damit laufen sie Gefahr, noch stärker unter den verhängnisvollen Auswirkungen der Krise zu leiden als die anderen.

 

Trotz der schwierigen Situation im Land stellen wir heute fest, dass die Kirche und die Christen in Syrien eine wichtige Rolle spielen. Ungeachtet der Gewalttätigkeiten im Land übernehmen sie auf mehreren Ebenen eine Schlüsselaufgabe: Mit ihrer sozialen und humanitären Arbeit, die sie in der Zeit der Krise leisten, erweisen sie sich als Brücke zwischen den verschiedenen Gemeinschaften. Ihre Präsenz wird immer wichtiger, um die Menschen einander näher zu bringen. In diesem Sinne sind sie die Hoffnungsträger der syrischen Gesellschaft von heute.

 

Ein syrischer Priester

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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