Saturday 28. March 2020
#167 - Januar 2014

 

Zentralafrika: ein Bericht über die Lage

 

Seleka (Sango für „Union“) ist der Name einer Koalition mehrerer Rebellengruppen, die am 24. März 2013 den Präsidentenpalast unter ihre Kontrolle gebracht und die Macht in der Zentralafrikanischen Republik übernommen haben.


Am 5. Dezember 2013 hat Frankreich im Rahmen einer UN-Resolution bewaffnete Truppen in die Zentralafrikanische Republik entsandt, die den Konflikt entschärfen und die Zivilbevölkerung schützen sollen. Interview mit Pater Jean-Luc Ragonneau sj, bis vor kurzem Professor am interdiözesanen Seminar von Sankt Markus in Bimbo, einem Vorort von Bangui.

 

Pater Ragonneau, Sie haben gerade zwei Jahre in der Zentralafrikanischen Republik verbracht. Können Sie uns schildern, wie sich die Lage der Menschen in den letzten Jahren verändert hat?


Was derzeit vor sich geht, hat seinen Ursprung in der jüngsten Vergangenheit. Im Land hat es wiederholt Staatsstreiche gegeben: Immer war es ein vermeintlicher „Retter“, der an die Macht kam, häufig mit Hilfe von außen – insbesondere von Frankreich. Nach einiger Zeit dann aber wurde die Macht missbraucht. Die Menschen hatten keinerlei Vertrauen in die Regierenden. Sie sahen, dass es egal welchen Machthabern letztendlich nur darum ging zu „essen“ – wir würden sagen, sich zu bereichern. Für die Bevölkerung bedeutete dies zunehmende Verarmung, ständige Unsicherheit und unzureichende Mittel im Gesundheits- und Bildungswesen. Anfangs wurde der Aufstand der Seleka noch wohlwollend betrachtet, doch rasch wurde klar, dass alle Übergriffe (Plünderungen, Raub, Vergewaltigungen, Zerstörung des Zivilstaates, Tötungen…) nicht darauf ausgerichtet waren, eine neue Ordnung zu errichten, sondern darauf, sich auf Kosten des Volkes zu bereichern, bis… ja, bis was eigentlich? Keiner weiß es! Den politisch Verantwortlichen – die sich selbst einige, darunter durchaus wichtige Posten zugeschanzt haben – ist es nicht gelungen, der Bevölkerung die verlorene Hoffnung zurückzugeben. Die Menschen sind es nun leid, sie erwarten Hilfe von außen, doch wer soll sie vereinen und anführen?

 

Spielt im zentralafrikanischen Konflikt auch die Religion eine Rolle?


Alles begann mit politischen Forderungen: Präsident Bozizé, der die Demokratie in eine für die Menschen furchteinflößende Diktatur verwandelt hatte (widerrechtliche Inhaftierungen, Korruption…), sollte gestürzt werden. Auch wirtschaftliche Aspekte spielen in diesen lokalen Konflikten eine Rolle: Zu viele Menschen leben am Rande des Existenzminimums, ohne Zukunftsperspektive.

 

Den Seleka-Rebellen, die am 24. März 2013 die Macht übernommen haben, wird vorgeworfen, einen islamischen Staat errichten zu wollen. Stimmt das?

 

Viele Medien, die sich nur für das Augenscheinliche und den Moment interessieren, behaupten dies. Rund 80 % der zentralafrikanischen Bevölkerung sind Christen (alle Konfessionen eingeschlossen, wobei die christliche Komponente zuweilen schwer auszumachen ist), 12 % sind Muslime. Der Rest gehört anderen Religionen oder keiner Religion an. Alle lebten in gutem Einvernehmen miteinander.

 

Ein Beispiel, um zu zeigen, dass es sich nicht vornehmlich um einen interreligiösen Konflikt handelt: Die Anti-Balaka sind Selbstverteidigungsgruppen, die sich gebildet haben, um sich, häufig nur mit Macheten bewaffnet, gegen die Ex-Seleka-Kämpfer zur Wehr zu setzen. In einer Botschaft vom 7. Dezember 2013 bedauert die zentralafrikanische Bischofskonferenzdass mit Blick auf die Anti-Balaka falsche Zusammenhänge hergestellt und diese mit christlichen Bewegungen gleichgesetzt werden. Bei den Anti-Balaka handelt es sich um einen Teil der Bevölkerung, der der zahlreichen Übergriffe der Seleka-Rebellen überdrüssig ist. Wir betonen erneut, dass nicht alle Anti-Balaka Christen sind und nicht alle Christen Anti-Balaka sind. Gleiches gilt für die Ex-Seleka und die Muslime“. Was aber mag diesen Eindruck erweckt haben? Die Seleka ist ein Bündnis, in dem die Zentralafrikaner nicht in der Mehrheit sind, es gibt viele Menschen aus dem Tschad, dem Sudan… Muslime, das ist richtig, die aber momentan nichts zu tun haben mit den Dschihadisten, die einen islamischen Staat errichten wollen und deren Verhalten im Widerspruch zu vielen Stellen des Korans steht, was ihnen zentralafrikanische Imame durchaus zu verstehen gegeben haben.

 

Es wurden falsche Zusammenhänge hergestellt, die möglicherweise den Konflikt in einen interreligiösen Konflikt verwandelt haben, doch lässt sich dies an ganz bestimmten Fakten festmachen: Plünderungen von katholischen Gemeinden (wo sonst soll man Fahrzeuge finden?), bewusste Desinformation (bestimmter Kreise, die sich bedeckt halten…) oder Mangel an Entscheidungskraft, ohne die ein dieser Bezeichnung würdiger Staat nicht bestehen kann. Kurzum: Derartige falsche Gleichsetzungen sind ein gutes Mittel, um eine komplexe Lage in eine explosive zu verwandeln.

 

Frankreich hat Anfang Dezember im Auftrag der Vereinten Nationen Truppen entsandt. Welche Erfolgschancen hat Ihrer Meinung nach eine solche Maßnahme?


Ein konsequentes Eingreifen war notwendig und sicherlich kann die französische Armee weniger gut bewaffneten, unorganisierten Kämpfern Furcht einflößen. Die Ordnung in den Hauptadern der großen Städte wiederherzurichten ist eine Sache, überall wieder für Ordnung zu sorgen aber eine andere. Es besteht die Gefahr, dass die „Ex-Rebellen“ Katz und Maus spielen und sich in den Stadtvierteln oder im Hinterland verschanzen… in einem solchen Fall reicht ein militärisches Eingreifen nicht aus. Es wird sicherlich viel Zeit und viele Mittel aller Art brauchen, um zu einer stabilen, würdigen und kompetenten Regierung zurückzufinden und dementsprechend Personal zu schulen, das sich von zählebigen Gewohnheiten trennt… Viele Menschen wünschen sich eine konstruktive Führung für das Land, doch es hat schon so viele Rückschläge in der kurzen Geschichte des Landes gegeben…

 

Der „Gründervater“ des Landes ist der katholische Priester Barthélémy Boganda. 1958 wurde er zum Präsidenten gewählt. Er träumte davon, einen großen, unabhängigen und föderalen zentralafrikanischen Staat zu schaffen; sein Wunsch war die Errichtung der Vereinigten Staaten von Lateinafrika. Eine ähnliche Vision hatte Robert Schuman. Kann dieses Projekt vielleicht doch noch verwirklicht werden?


Das Anliegen von Barthélémy Boganda war durchaus realistisch, denn er war sich der isolierten geografischen und damit wirtschaftlich ungünstigen Lage seines kleinen Landes bewusst. Heute arbeiten die Zentralafrikanische Republik und einige angrenzende Staaten zusammen oder versuchen es über bestimmte Organismen wie die Zentralafrikanische Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft CEMAC. Die Schwierigkeit besteht darin, dass das Vertrauen als gemeinsame Grundlage fehlt. Ich meine damit z. B., was man vom Doppel- oder gar Dreifachspiel des Tschads oder von Kamerun hört. Die Menschen in Zentralafrika wissen, dass sie ein kleines, armes Land sind, das durchaus über mögliche Ressourcen verfügt; sie sind aber davon überzeugt, dass man ihnen alles wegnehmen will. Diese Argumentation verwendete beispielsweise Bozizé in seinen Reden im Dezember 2012, die dazu führten, dass die französische Botschaft Ziel von Steinewerfern wurde. Auch heute fragen sich viele Menschen misstrauisch, aus welchem Grund Frankreich oder ein anderer Staat eingreift. Um die Vision von Boganda in irgendeiner Art Wirklichkeit werden zu lassen, müsste sich das Land so weit entwickeln, dass es auf Augenhöhe mit anderen Staaten und nicht immer nur als Bittsteller dastehen würde. Wie kann der Weg der Versöhnung und des Neuanfangs für das zentralafrikanische Volk aussehen? Es wird sicherlich ein langer Weg... der erst beschritten werden kann, wenn sich die Gemüter beruhigt haben.

 

Das Interview führte Johanna Touzel

am 9. Dezember 2013

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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