Saturday 28. March 2020
#172 - Juni 2014

 

Wir haben einen Traum

Zwei Stimmen, doch eine gemeinsame Vision in Zeiten der Krise

 

Den Traum, von dem die Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft beseelt waren, vor Augen, diskutieren die beiden Generalsekretäre von COMECE und Caritas Europa über das europäische Projekt. Übereinstimmend sind sie der Ansicht, dass es eines neuen Engagements aller verantwortlichen Christen bedarf, um das Projekt mit neuem Schwung zu erfüllen..


Patrick H. Daly: Das europäische Projekt ist aus einem Traum entstanden. Nach den Schrecken des Krieges träumte man davon, den Krieg ein für alle Mal aus Europa zu verbannen und eine Gesellschaft aufzubauen, in der die Menschen in Freiheit und Frieden leben konnten. 70 Jahre später ist der Traum der EU-Gründerväter – von denen die meisten engagierte Christen waren, die sich unermüdlich dafür einsetzten, ihre Vision zu einer politischen und sozialen Wirklichkeit werden zu lassen – wahr geworden und hat gar ihre kühnsten Vorstellungen übertroffen. Vor rund 40 Jahren, als ich als junger Student aus Irland nach Belgien kam, um hier mein Studium fortzusetzen, war auch ich vom europäischen Ideal beseelt. Heute, im Jahre 2014, befindet sich die EU in ihrer dritten Generation, doch leider wird das europäische Projekt von der Wirtschafts- und Finanzkrise überschattet.

 

Jorge Nuño Mayer: In der Tat. Viele Europäerinnen und Europäer hat die Krise hart getroffen. Von unserem europäischen Wachturm bei Caritas Europa aus erleben wir die Not vieler unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger. In meinem Heimatland Spanien ist mittlerweile die Hälfte der jungen Menschen arbeitslos. Auch im restlichen Europa haben Ungerechtigkeit und Armut zugenommen. Unterdessen klopfen zahllose arme Menschen an die Türen Europas und versuchen, sich Zutritt zu unserem Kontinent zu verschaffen. Ein Fünftel der Weltbevölkerung leidet Hunger. Doch für die, die an der Macht sind, zählen nur Wirtschaftsdaten. BIP und Wachstum sind aber nicht alles. Die Menschen und die Gesellschaft bleiben auf der Strecke. Wirtschaftsprognosen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten Millionen von Menschen keine Arbeit finden werden. Die EU befindet sich in einer prekären Situation: Die Armen können nicht warten.

 

Patrick H. Daly: Ist diese prekäre Situation darauf zurückzuführen, dass wir die europäische Integration zu weit getrieben haben oder ist eher das Gegenteil der Fall? Möglicherweise haben wir uns zu weit vom ursprünglichen Gedanken der Gründerväter entfernt. Robert Schuman, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer hatten ein Projekt im Kopf, in dessen Mittelpunkt Frieden und Solidarität standen. Es war ein Projekt, das auf christlichen Werten fußte. Im COMECE-Bericht Ein Europa der Werte aus dem Jahre 2007 haben wir eine Bestandsaufnahme dieser Werte vorgenommen. Damals war die Grundvoraussetzung für das Projekt Versöhnung. Der in verschiedenen Teilen Europas aufkeimende Populismus zeigt, dass wir Versöhnung niemals als selbstverständlich annehmen dürfen. Unsere Generation und die kommenden christlichen Generationen müssen sich europaweit in ihren jeweiligen Gemeinden engagieren und sich zu den Grundwerten des Evangeliums bekennen.

 

Jorge Nuño Mayer: Völlig richtig. Wenn wir Christen, angespornt durch unser Bekenntnis zu diesen grundlegenden christliche Werten (und das nicht nur sonntags!), auf europäischer Ebene mehr gesellschaftliches Engagement wagen und unsere Stimmen in der Politik, in der Wirtschaft und im Finanzsektor erheben, so wie wir es in kirchlichen Kreisen und in unseren Familien (in unserer Hauskirche, wie sie der heilige Papst Johannes Paul II. nannte) tun, könnten wir Europa ein neues, menschlicheres Antlitz verleihen. Wir müssen darauf hinwirken, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt der europäischen Politik und Wirtschaft gerückt wird. Wirtschaft und Wachstum sollten in den Dienst dieses Auftrags gestellt werden. Das ultimative Ziel jeder Entscheidung sollte darin bestehen, dem Einzelnen und dem Volk als Ganzes zu dienen.

 

Patrick H. Daly: Dem kann ich nur zustimmen. Armut ist in der Tat eine von vielfältigen Formen des Angriffs auf die Menschenwürde. Das menschliche Leben verdient Schutz, vom Augenblick seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod. Dies ist nicht nur ein passives Recht, etwas, das wir dulden. Jedes menschliche Wesen, alle europäischen Bürgerinnen und Bürger, jeder Migrant sollte die Chance haben, sich ganzheitlich zu entfalten. Wir haben das Recht, unser eigenes Leben zu gestalten. Bildung, Gesundheit, Arbeit (und nicht nur Beschäftigung) und Kultur sind grundlegende Dimensionen unserer persönlichen Entfaltung und die uneingeschränkte Achtung des Subsidiaritätsprinzips bedeutet, dass ihnen in der EU und den einzelnen Mitgliedstaaten der Respekt gezollt wird, den sie verdienen.

 

Jorge Nuño Mayer: Absolut richtig. Die EU sollte sich darauf konzentrieren, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und dieses zu verteidigen und ihre Bürgerinnen und Bürger möglichst umfassend an der Gestaltung der einzigartigen Wertegemeinschaft der EU teilhaben zu lassen. Das Gemeinwohl meiner Dorfgemeinschaft hängt unmittelbar mit dem globalen Gemeinwohl aller Europäerinnen und Europäer zusammen. Wenn eine Entscheidung zu mehr Armut oder Leid in einem Teil der Welt führt, dann ist es eine schlechte Entscheidung. Montesquieu hat dies anschaulich zum Ausdruck gebracht: „Wenn ich wüsste, dass etwas nützlich für mein Land und schädlich für Europa ist, oder nützlich für Europa und schädlich für die Menschheit, dann sollte ich es als Verbrechen ansehen.“


Patrick H. Daly: Wir alle sind Teil der einen menschlichen Familie, wir sind Brüder und Schwestern. Und wir alle tragen Verantwortung für die Schöpfung. Der Klimawandel ist für uns Christen ein wichtiges Anliegen. Es wird uns nur gelingen, ihn nachhaltig zu bekämpfen und eine mögliche Katastrophe zu verhindern, wenn wir auf EU-Ebene entsprechende, von allen Seiten mitzutragende Maßnahmen treffen. 2008 hat die COMECE einen Bericht über das Thema Klima und christliche Lebensformen veröffentlicht. Die Botschaft lautete, dass wir versuchen sollten, einfacher zu leben.

 

Jorge Nuño Mayer: Genau. Langfristig besteht die einzige realistische und gerechte Lösung darin, dass wir ein maßvolles und einfaches Leben führen. Wir sollten miteinander kommunizieren, in unseren Familien, in unserer Nachbarschaft, bei der Arbeit. Wir sollten dafür sorgen, dass unsere wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen von unseren Prinzipien geleitet werden. Unsere Gesellschaften benötigen mehr Anteilnahme. Wir können nicht die Augen vor dem Leid der anderen verschließen, sei es das Leid der Armen, der Arbeitslosen oder der Obdachlosen. Wir sollten Ausländern, die in Not sind, die Hand reichen, nicht nur Migranten oder Flüchtlingen, sondern auch unseren hier ansässigen Nachbarn, die unter den Folgen der Krise leiden. Eine so einfache Geste, wie jemandem unsere Zeit zu schenken, kann einen großen Unterschied machen, selbst wenn sie kein Leben verändern wird.

 

Patrick H. Daly: Die Suche nach einer europäischen Identität, die unserem Traum entspricht, stellt uns Christen vor große Herausforderungen. Wir müssen offen sein für Ausländer, für Dinge, die uns anfangs fremd vorkommen mögen, und dennoch immer wieder zu unseren christlichen Wurzeln zurückkehren. Wir müssen offen bleiben für den Dialog, so wie der irdische Jesus während seines öffentlichen Wirkens. Papst Franziskus fordert uns auf, unsere Einstellung zu ändern: „Andere haben stets etwas zu geben, wenn es uns gelingt, ihnen mit offenem Geist und ohne Vorurteile entgegenzutreten. Für mich bedeutet diese Haltung der Offenheit und der vorurteilslosen Verfügbarkeit soziale Demut, eine Demut, die Dialog ermöglicht.“


Jorge Nuño Mayer: Dies ist genau der Geist, der 1950 dem ursprünglichen europäischen Projekt zugrunde lag und der zur europäischen Integration geführt hat. Dieser Geist wird es uns ermöglichen, uns von unseren individualistischen, oftmals sehr konsumorientierten Lebensweisen zu lösen und uns Fremden zu öffnen. Ich bin der Hüter meines Bruders. Ich muss mich aktiv für das Wohl meines Nachbarn einsetzen. Der Begriff Nachbarschaft ist dabei in einer pluralistischen, multikulturellen Gesellschaft differenziert zu betrachten. Um es mit den Worten von Papst Johannes Paul II. zu sagen: „Europa bedeutet Offenheit.“


Patrick H. Daly & Jorge Nuño Mayer: Wir rufen alle Christen, die politische, soziale oder ökonomische Verantwortung tragen, auf, den europäischen Traum neu aufleben zu lassen. Wenn sich Christen zu den Grundwerten des europäischen Projekts und der katholischen Soziallehre bekennen, werden sie einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Es gibt einen lebendigen europäischen Traum – es ist an uns, ihn Wirklichkeit werden zu lassen!

 

Pater Patrick H. Daly, Generalsekretär der COMECE

Jorge Nuño Mayer, Generalsekretär von Caritas Europa

 

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