Saturday 28. March 2020
#176 - November 2014

 

Versöhnung über den Gräbern

 

Im Vorfeld der kommenden Vollversammlung der ComECE versammeln sich die Bischöfe am 11. November in Verdun, um der Toten des Ersten Weltkriegs zu gedenken und für den Frieden zu beten.


Die Schlacht von Verdun im Jahr 1916 mit über 300 000 Toten wurde zu einem Symbol für die Sinnlosigkeit der Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. In der Kapelle des Beinhauses von Douaumont, in dem die Gebeine von 130 000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt werden, feiern die Bischöfe einen Wortgottesdienst. Anschließend findet in der Kathedrale von Verdun eine Vesper für die Verstorbenen des Krieges statt.

 

Dieses Gedenken kann Anlass sein für eine kritische Rückbesinnung auf die Rolle der Kirchen am Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Der Schweizer evangelisch-reformierte Theologe Karl Barth konstatierte nach dessen Ausbruch im Jahr 1914, dass „Vaterlandsliebe, Kriegslust und christlicher Glaube“ in ein hoffnungsloses Durcheinander geraten seien. In den Kirchen jedes beteiligten Landes siegte der Nationalismus über den Glauben.

 

Die französischen Kirchen konnten ihre Nation als Angegriffene sehen und den Verteidigungskrieg deshalb selbstbewusst als „heilig“ bezeichnen. In Großbritanniens Kirchen herrschte die Überzeugung, Deutschland sei von Gott abgefallen; deshalb sei ein Krieg gegen die Deutschen im Sinne Gottes. Eine ähnliche Einstellung vertrat die russisch-orthodoxe Kirche: Hier wurde Kaiser Wilhelm II. gar als Antichrist eingestuft. Eine alte Ikone der Muttergottes wurde an die Front gebracht und sollte Gottes Beistand im Kampf sichern.

 

Die Deutsche Bischofskonferenz hat am 25. Juli 2014 eine Erklärung zum Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren unter der Überschrift „Den Egoismus der Staaten überwinden – die Ordnung des Friedens entwickeln“ veröffentlicht. Darin gestehen die Bischöfe eine Mitverantwortung der Kirchen für die ungeheure Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs ein.

 

Eindrücklich bekennen sie: „Wir wissen heute, dass auch viele, die in der Kirche Verantwortung trugen, Schuld auf sich geladen haben. Sie haben das Leid der Opfer des Krieges nicht hinreichend wahrgenommen und sind nationaler Verblendung gefolgt. Sie haben zu spät erkannt, welche Folgen aus ihrer unbedingten Loyalität zur jeweiligen Nation erwuchsen.“

 

Dass das Gespenst des Krieges in Europa auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gebannt ist, haben die Kriege im ehemaligen Jugoslawien gezeigt. Hier haben Nationalismus und Religion wiederum ein verhängnisvolles Amalgam gebildet. Auch die jüngste Krise in der Ukraine macht deutlich, dass der Friede in Europa keineswegs als gesichert angesehen werden kann.

 

Die deutschen Bischöfe unterstreichen in ihrer Erklärung, dass die europäische Integration in Gestalt der Europäischen Union nach dem Zweiten Weltkrieg Antwort auf die Fragen gegeben hat, die der Erste Weltkrieg so nachdrücklich ins Bewußtsein gerufen hat. Gerade der Rückblick auf die Schrecken des Krieges sollte Ansporn sein, an diesem Projekt festzuhalten und jeden Rückfall in eine einseitige Nationalstaatlichkeit zu vermeiden.

 

Der australische Historiker Christopher Clark, der sich in seinem Buch „Die Schlafwandler“ mit den Ursachen des Ersten Weltkriegs auseinandergesetzt hat, bezeichnet die Europäische Union als „eine der größten Errungenschaften der Menschheit“. Denen, die am Projekt der Europäischen Union zweifeln, empfiehlt der neue Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker einen Besuch auf einem Soldatenfriedhof.

 

Martin Maier sj

JESC

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