Saturday 28. March 2020
#177 - Dezember 2014

 

Blick auf die Rede von Papst Franziskus vor dem Europäischen Parlament

 

Ignace Berten analysiert für uns die Rede, die Papst Franziskus am 25. November 2014 vor dem Europäischen Parlament gehalten hat.


Seit dem Besuch von Papst Johannes-Paul II. 1988 haben sich Europa und die Europäische Union grundlegend verändert. Der Eiserne Vorhang ist gefallen und die EU größer geworden. Doch gleichzeitig ist die Welt komplexer und bewegter geworden. Europa, so Papst Franziskus in seiner Rede, habe sein Gewicht in einer Welt, die nicht mehr „eurozentrisch“ sei, verloren. Dieses Europa scheine gealtert und ermüdet, nicht nur in demographischer Hinsicht, sondern auch psychologisch und spirituell: „Die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, [scheinen] ihre Anziehungskraft verloren zu haben“. Dies verursache Zweifel und Argwohn bei den EU-Bürgern.

 

Franziskus fordert in seiner Botschaft, nicht an diesem ernüchternden Bild zu verharren. Er sieht in dieser Welt mit ihren Bedrohungen und Ängsten auch einen Antrieb für Einheit und Initiative. Franziskus will eine Diagnose erstellen und damit einen Weg der Öffnung weisen in Richtung einer Zukunft, „die auf der Fähigkeit basiert, gemeinsam zu arbeiten, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinentes zu fördern.“

 

Seine Diagnose ist hart. Sie ist Ausdruck der sozialen Sensibilität, von der Franziskus zutiefst geprägt ist. Technische und wirtschaftliche Fragen herrschten auf Kosten einer authentischen anthropologischen Orientierung vor. „Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt“. Sei er nicht mehr zweckdienlich, nicht mehr leistungsstark genug oder überflüssig, werde er ausgesondert oder weggeworfen.

 

Diesen Bedrohungen könne die europäische Kultur „den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person“ entgegensetzen.

 

Die Würde des Menschen, d. h. des Einzelnen, der im Gegensatz zum isolierten Individuum in Beziehung zu anderen stehe, finde ihren Ausdruck in der Achtung der Menschenrechte. In seiner Rede vor dem Europarat hat Franziskus den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der in gewisser Weise das „Gewissen“ Europas darstelle, gewürdigt. Franziskus fragt, welche Würde bestehe, wenn es keine echte Religionsfreiheit und keinen Rechtsstaat gebe, wenn Diskriminierung herrsche und es an Nahrung und Arbeit fehle, wenn der wirtschaftliche Überfluss zur Gleichgültigkeit gegenüber den Armen und der Umwelt führe. Rechte bedeuteten auch Pflichten, die Pflicht, für menschenwürdige Lebensbedingungen für alle zu sorgen. Franziskus fordert, sich der Gebrechlichkeit der Menschen und der Völker anzunehmen, ein Aufruf, die Würde eines jeden innerhalb der EU, aber auch an ihren Grenzen zu achten: „Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird!“ Er prangert die fehlende gegenseitige Unterstützung unter den EU-Mitgliedstaaten an, wenn es darum gehe, die hilfesuchenden Menschen aufzunehmen.

 

Franziskus spricht von der transzendenten Würde des Menschen, von einem „Kompass“ in den Herzen der Menschen, der sie befähige, Gut und Böse zu unterscheiden, weil der Mensch von Natur aus ein „relationales Wesen“ sei. Die Zentralität des Menschen als ein solches relationales Wesen sei ein Erbe des Christentums in Europa. Werde dieses Erbe lebendig erhalten, stelle es nicht etwa eine Gefahr für die Laizität der Staaten dar, sondern eine Bereicherung.

 

„Einheit in der Verschiedenheit“, so lautet das Motto der Europäischen Union: Solidarität und Subsidiarität, eine Einheit, die den Reichtum der Verschiedenheiten zur Geltung bringe. „Die Wirklichkeit der Demokratien lebendig zu erhalten ist eine Herausforderung dieses geschichtlichen Momentes: zu vermeiden, dass ihre reale Kraft – die politische Ausdruckskraft der Völker – verdrängt wird angesichts des Drucks multinationaler nicht universaler Interessen, die sie schwächen und in vereinheitlichende Systeme finanzieller Macht im Dienst von unbekannten Imperien verwandeln.“

 

Wie auch in seiner Rede vor dem Europarat äußert sich Franziskus in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament sehr zurückhaltend zu ethischen Fragen, die heute auf politischer Ebene unsere Gesellschaften spalten. Eine einzige Anmerkung nur zum Thema der bedenkenlosen Aussonderung derer, die nicht mehr zweckdienlich sind, „der Kranken im Endstadium, der verlassenen Alten ohne Pflege oder der Kinder, die vor der Geburt getötet werden“. Keinerlei Anspielung im Übrigen auf die schwierige und zuweilen konfliktbehaftete Verschiedenheit der heutigen europäischen Gesellschaft, die auf unterschiedlichen Überzeugungen beruht, auf Spannungen zwischen religiösen Optionen, rein säkularen oder laizistischen Optionen (im philosophischen Sinne des Wortes) und der wachsenden Präsenz des Islam.

 

Franziskus fordert, dem europäischen Projekt neuen Sinn und eine neue Dynamik zu verleihen. Dies könne gelingen, wenn die Familie unterstützt, der Bildung ein höherer Stellenwert beigemessen, Arbeit unter würdigen Bedingungen für alle angestrebt und die Umwelt geachtet würde, denn „diese unsere Erde braucht tatsächlich eine ständige Pflege und Aufmerksamkeit“.

 

Die der Europäischen Union zugrunde liegenden Ideale könnten, wenn sie neu belebt würden, „ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit“ sein.

 

Ignace Berten OP

Dominikaner, Mitglied des internationalen Konvents St. Dominique in Brüssel

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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