Wednesday 3. June 2020
#179 - Februar 2015

 

Attentate bedürfen einer Interpretation

 

Das Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ trifft mitten in die Illusionen der säkularisierten europäischen Gemütlichkeit. Staatsmänner und eine Staatsfrau gingen anlässlich der Bekenntnisdemonstration in der Hauptstadt des Laizismus auf die Straße, um in einem Symbolbild ihre Abneigung gegenüber dem Verbrechen der „Dschihadisten“ zu zeigen.


Der Angriff auf „Charlie Hebdo“ und dem jüdischen Geschäft mit zu vielen Toten war ein Angriff im Namen des Islam und Muhammad auf die europäischen Werte der Meinungs- und Religionsfreiheit. Von Freiheit gibt es heutzutage ganz unterschiedliche Vorstellungen, die zu ganz unterschiedlichen Schlüssen führen. Einig ist sich die europäische Gesellschaft darin, dass eine Freiheit nie grenzenlos für jeden ist, deshalb müssen Gerichte ihre Grenzen festlegen. Der Staat sichert die Freiheit, er kann den verantwortlichen Umgang mit ihr aber nicht sanktionieren. Der Staat braucht dazu eine Instanz, die er vorfindet: den Respekt vor der Würde des Menschen. Man muss die Gefühle des anderen ja nicht teilen, sollte sie aber respektieren. Daher ergeben sich Selbstbeschränkungen und Grenzen – so wie auch nicht alles erlaubt ist, was technisch möglich ist. Will die europäische pluralistische Gesellschaft den öffentlichen Frieden bewahren, kommt die Politik nicht daran vorbei, die Werte, die den Gläubigen, Christen, Juden und Muslimen sowie den Atheisten heilig sind, zu schützen, ohne sich damit mit ihnen zu identifizieren, oder mit den Worten von Michel Houellebecq: „Eine Gesellschaft ohne Religion, (die grundlegende Werte vermittelt,) ist nicht überlebensfähig.“ (Zeit Online 21.1.2015)

 

Mit Blick auf den Islam rächt sich heute, dass muslimische Gelehrte es nicht vermocht haben, den Koran und Muhammad gegen die Instrumentalisierung durch Islamisten zu immunisieren. Im Koran kann man einschlägige Verse für Gewalt finden wie den „Schwertvers“ ( Koran 9,5). Ähnliche Aussagen lassen sich auch in der Bibel finden. Allerdings haben die Bibelstellen des Alten Testamentes keine ähnlich wirksame Mobilisierungswirkung für Juden und Christen wie für politische Muslime  der Islam und der Koran. Gewalt lauert unter der Oberfläche und ist mit dem Anspruch verbunden, am schnellsten mit Gewalt Anliegen durchzudrücken. Zur Rechtfertigung dient eine Religion, die die Gewaltfrage nicht eindeutig beantwortet hat.

 

Ein Grund für die terroristischen Aktionen der Islamisten ist sicherlich die Globalisierung der medialen Berichterstattung. Sie zeigen Bilder, die jedem den krassen Unterschied der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situationen weltweit klar machen. Während das christlich geprägte Europa einen hohen Lebensstandard genießt, und Meinungs- und Religionsfreiheit unter dem Schutz der Demokratie stehen, leben die meisten Muslime weltweit unter den Bedingungen des Krieges, der wirtschaftlichen Not und der politischen Unterdrückung in autoritären Regimen. Der Feind ist der „Andere“, der verhindert, dass „Ihr gebietet was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Gott.“ (Koran 3,110).

 

Der zweite Grund ist die philosophisch-theologische Ungleichzeitigkeit zwischen dem islamischen und europäischen Denken. In den unterschiedlichen islamischen Traditionen wurde keine entmythologisierende Strömung mit Blick auf das magisch-ritualistische Gottesverständnis wirksam. Die Dschihadisten nähren sich geistig aus einer naiven Unmittelbarkeit zum Willen Gottes und zum Beispiel von Muhammad. Wer sich Allah unterwirft, hat schon Allah, und er kann tun, was er will. Ein derart sich je nach Gutdünken offenbarender Gott mag in vielerlei Hinsicht mit der frühen stammesreligiöser Phase übereinstimmen, mit dem rationalen Gottesverständnis wie Jesu ihn verkündigt hat. Der Islam kann aus dieser Sackgasse erst dann herausfinden, wenn er aus seiner stammesgeschichtlichen Gefangenschaft des religiösen Bewusstseins ausbricht. Man findet keine einschlägigen Stellen im Koran für Strafen bezüglich einer Blasphemie oder der bildlichen Darstellungen von Muhammad. Pakistan hat den Strafbestand für Blasphemie erst zwischen 1980 bis 1986 unter der Militärdiktatur Zia ul Haqq eingeführt.

 

Die Irrwege einer Religion lassen sich nicht abspalten durch semantischen Betrug, wie es versucht wird, wenn man gebetsmühlenartig wiederholt, es sei möglich, Islamisten vom Gesamt des Islam abzukoppeln. Die Differenzierung zwischen Islam und Islamismus war nie falsch. Sie ist aber unvollständig. Die Terroristen berufen sich auf den Islam als Legitimation ihrer Taten und deshalb wäre es nicht sinnvoll, den religiösen Hintergrund zu leugnen. Die al-Azhar Universität hat im Dezember 2014 klargestellt, dass Dschhadisten keine „Ungläubige“ sind, ihre terroristischen Handlungen im Namen des Islam aber zu verurteilen seien. Die Muslime müssen sich von den Gruppen, die den Islam in einer politischen Ideologie einengen, verabschieden.

 

P. Hans Vöcking

Georges Anawati Stiftung (GAS)

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