Wednesday 3. June 2020
#180 - March 2015

 

Christen im Mittleren Osten: Kann die EU etwas gegen diese neuzeitliche Christenverfolgung tun?

 

Erzbischof Silvano Tomasi, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, ist dafür bekannt, dass er brisante menschenrechtspolitische Themen aufgreift und scheinbar unlösbare Probleme ausgesprochen sachkundig und mutig anpackt. Wie das folgende kurze Interview zeigt, sind es genau diese Eigenschaften, die der Erzbischof ins Spiel bringt, wenn es darum geht, eine der erschütterndsten Tragödien unserer Zeit zu beenden: die Verfolgung von Christen in Ländern, die als Wiege des Christentums gelten.


Wer für den christlichen Glauben Zeugnis ablegt, riskiert es auch heute noch, einen gewaltsamen Tod zu sterben – dies unterstreicht auch die Entscheidung von Papst Franziskus, Erzbischof Oscar Romero aus El Salvador als Märtyrer seligzusprechen. Mit der Seligsprechung würdigt der Vatikan nun auch offiziell das mutige Engagement Romeros. Während der Papst verkündete, den mittelamerikanischen Erzbischof, der seit seiner Ermordung am 24. März 1980 heftige Kontroversen entfacht hat, seligzusprechen, sind im Mittleren Osten tausende Christen getötet und unzählige Angehörige der christlichen Gemeinschaften verfolgt worden; gewaltsam wurden sie von radikalen Aktivisten, die den so genannten „Islamischen Staat“ anführen, aus ihren angestammten Gebieten, in denen sie seit dem frühen Christentum beheimatet waren, vertrieben. Seit vergangenem Sommer berichten die europäischen Medien gelegentlich über das Schicksal dieser Christen, doch andere dringliche Probleme, die unsere eigene Heimat und unseren eigenen Geldbeutel eher betreffen, fesseln nun stärker unsere Aufmerksamkeit und füllen die Titelseiten der Zeitungen, während die systematische Auslöschung einer christlichen Präsenz im Mittleren Osten mit unverminderter Härte weitergeht.

 

Die Reise des britischen Thronfolgers Prinz Charles in den Mittleren Osten Mitte Februar, sein kurz vor Weihnachten öffentlich bekundetes Interesse an der Arbeit des katholischen Hilfswerks Kirche in Not sowie seine wiederholt geäußerte Besorgnis angesichts der „unbeschreiblichen Qualen” der Christen im Mittleren Osten haben dazu geführt, dass sich die BBC, CNN und andere führende westliche Nachrichtensender in Hauptbeiträgen ihrer Sendungen mit dem Schicksal dieser Märtyrer befassten.

 

Ein ausgewiesener Kenner des komplexen politischen Geschehens im Mittleren Osten ist Erzbischof Silvano Tomasi. Mutig tritt er dafür ein, dass die dramatische Lage der dort lebenden christlichen Minderheiten als hochaktuelles Thema im Bewusstsein der gesamten internationalen Gemeinschaft verankert bleibt. Erzbischof Tomasi hat sich freundlicherweise bereit erklärt, Europe Infos dazu einige Fragen zu beantworten. Dabei interessierte uns vor allem, welche Rolle die EU gegebenenfalls spielen könnte und sollte, damit diese schreckliche menschliche Tragödie und diese gewaltsamen Übergriffe auf eine christliche Zivilisation, die zu Recht als älteste der Welt gilt, beendet werden.

 

Ist es erwiesen, dass Christen im Mittleren Osten verfolgt werden, weil sie Christen sind? Oder sind sie gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollen?

Jeder, der den so genannten „Islamischen Staat” ablehnt, riskiert es, verfolgt oder gar getötet zu werden. Schwörten die betroffenen Christen ihrem Glauben ab, dann blieben sie tatsächlich verschont und würden nicht ermordet oder ins Exil verbannt bzw. müssten sich nicht durch Zahlung einer Sondersteuer den Verbleib in ihrer angestammten Heimat erkaufen. Wir haben erleben müssen, wie Mitchristen nur deshalb enthauptet wurden, weil sie ihrem Glauben treu geblieben sind.

 

Welche konkreten Schritte kann die EU unternehmen, um der Verfolgung von Christen im Mittleren Osten Einhalt zu gebieten?

Die EU sollte sich nicht scheuen, das Thema Christenverfolgung offen anzusprechen. Auch die Christen haben ein Anrecht auf Achtung ihrer Menschenrechte und auf Religionsfreiheit. Von daher muss die EU ihrer humanitären Verpflichtung nachkommen, aus Solidarität mit diesen verfolgten Menschengruppen Lebensmittel und Unterkünfte bereitzustellen und den Zugang zu Bildung zu ermöglichen; dies sind einige ganz konkrete Schritte, die die EU auch weiterhin ergreifen kann und sollte.

 

Kann die EU irgendetwas tun, damit Christen in ihrer angestammten Heimat oder im Mittleren Osten verbleiben können?

Die EU kann den verfolgten Christen wirtschaftliche und politische Unterstützung zuteilwerden lassen, damit ihr Recht, in ihrem Heimatland zu leben und dort ein menschenwürdiges Dasein zu führen, auch wirklich geachtet wird. Durch Frieden, der die Basis für einen Dialog zwischen den verschiedenen Gruppierungen dieser alten, pluralistischen Gesellschaften wäre, ließe sich die Kontinuität der christlichen Präsenz im Mittleren Osten sichern.

 

P. Patrick H. Daly

Generalsekretär der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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