Sunday 31. May 2020
#180 - March 2015

 

Christenverfolgung und Martyrium heute

 

Das Jahrestreffen zum interreligiösen Dialog der Europäischen Volkspartei hat sich am 11. und 12. Dezember 2014 im Europäischen Parlament mit der Verfolgung von religiösen Minderheiten in Konfliktregionen beschäftigt. Im Fokus standen dabei vor allem die islamisch geprägten Länder des nahen und mittleren Ostens.


Wenn von Christenverfolgung die Rede ist, denken viele spontan an die ersten Jahrhunderte der Kirche: an die eindrücklichen Geschichten von Christen und Christinnen, die den römischen Kaiserkult verweigerten und deswegen wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen wurden. Die Kirche hat diese Glaubenszeugnisse in den „Acta Martyrum“ als einen grossen Schatz bewahrt.

 

Doch Christenverfolgung ist auch heute eine traurige Realität. Der amerikanische Journalist John L. Allen hat in seinem kürzlich erschienenen Buch „Krieg gegen Christen“ dokumentiert, dass Christen im 21. Jahrhundert die am stärksten verfolgte religiöse Gruppe auf der Erde sind. Das christliche Hilfswerk Open Doors schätzt, dass weltweit 100 Millionen wegen ihrer Zugehörigkeit zum christlichen Glauben verfolgt oder diskriminiert werden. In den schlimmsten Fällen wurden Menschen  enthauptet, lebendig verbrannt oder gekreuzigt.

 

Islamistische Extremisten berufen sich auf den Koran für die Verfolgung und Ermordung von „Ungläubigen“. Es sind hier aber nicht nur Christen, die zu Opfern dieses religiösen Fundamentalismus und Fanatismus werden. So wurden im Juni 2014 im Nordirak von Terroristen des sogenannten „Islamischen Staats“ 4000 Frauen und Mädchen aus der Religionsgemeinschaft der Jesiden entführt und wie Sklavinnen verkauft.

 

Vor allen theologischen und spirituellen Überlegungen über das Martyrium ist zuerst einmal festzustellen, dass hier unschuldigen Menschen unsägliches Unrecht und Leid zugefügt wird. Verfolgung und Diskriminierung aus religiösen Gründen ist ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, das in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention und in Artikel 10 der EU-Grundrechtecharta verbrieft ist. Niemand sucht Verfolgung und Martyrium. Niemand kann sich selber zum Märtyrer erklären. Selbstmordattentäter, die diesen Anspruch vertreten, pervertieren Glaube und Religion.

 

Märtyrer im Verständnis der katholischen Kirche ist, wer wegen seines Glaubens getötet wird, diesen Tod frei annimmt und ihn in einer Haltung der Gewaltlosigkeit erleidet. Papst Franziskus hat vor kurzem eine Erweiterung des Martyriumsbegriffs vorgeschlagen: als Märtyrer kann auch angesehen werden, wer wegen seines Einsatzes für Gerechtigkeit ermordet wird. Dabei verwies er auf Erzbischof Oscar Romero aus El Salvador, der wegen seines prophetischen Eintretens für Gerechtigkeit und Menschenrechte 1980 am Altar erschossen wurde. Am 3. Februar 2015 erklärte ihn Papst Franziskus offiziell zum Märtyrer und kündigte seine baldige Seligsprechung an. Oscar Romero steht stellvertretend für viele tausende, die in Lateinamerika wegen ihres im christlichen Glauben begründeten Einsatzes für die Gerechtigkeit ermordet wurde.

 

Der Theologe Jon Sobrino aus El Salvador nennt die Märtyrer in Lateinamerika „jesuanische Märtyrer“, weil sie in der Nachfolge Jesu und aus denselben Gründen wir er umgebracht wurden. Sie sind Zeugen der Sache Jesu: das Reich Gottes für die Armen. Das Reich Gottes zu verkünden, heißt, sich mit den Armen, den Besitzlosen, den Entrechteten zu identifizieren. Das Martyrium ist auch ein Kennzeichen für die wahre Kirche. Darauf hat Erzbischof Oscar Romero kurz vor seiner Ermordung in einer Predigt hingewiesen: „Die Verfolgung ist ein charakteristisches Zeichen für die Echtheit der Kirche. Eine Kirche, die keine Verfolgung erleidet, sondern die Privilegien genießt und auf irdische Dinge baut, diese Kirche sollte Angst haben! Sie ist nicht die wahre Kirche Jesu Christi.“

 

Die Märtyrer zeigen, dass Sünde und Tod in der Geschichte immer noch real und mächtig sind. Sie werden zum Licht in dem Sinn, dass sie die Wahrheit der Welt beleuchten, nämlich dass sie eine Welt von Opfern ist. Doch sie zeigen auch, dass Gnade und Auferstehung in der Geschichte wirklich sind. Die Märtyrer rufen zur Umkehr und Solidarität. Sie evangelisieren. Die Märtyrer eröffnen neue Lebensräume. Sie zeigen, dass Liebe und Solidarität eine Alternative zur herrschenden Logik von Gewalt und Unterdrückung sind. Sie zeigen, dass es in dieser Welt möglich ist, als Christ zu leben und als Christ zu sterben. Das Blut der Märtyrer wird so zum Samen für ein authentisch gelebtes Christsein – auch in Europa.

 

Martin Maier SJ

JESC

 

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