Montag 20. November 2017
#182 - May 2015

 

Eine katholische Stimme aus dem Zentrum der Ukraine

 

David Nazar, seit 2003 Regionaloberer der Jesuiten in der Ukraine, beleuchtet die Rolle der Kirche in seinem Land von den Ereignissen auf dem Maidan-Platz bis zum heutigen Tag.


Die Maidan-Proteste, die während des Winters 2013/2014 weltweit für Aussehen sorgten, werden von den Menschen in der Ukraine als „Revolution der Würde“ bezeichnet. Die Protestbewegung richtete sich vornehmlich gegen die in der ukrainischen Regierung wuchernde Korruption und Ungerechtigkeit. Aber im Kern handelte es sich dabei um eine spirituelle Revolution.

 

Über die Rolle der Kirche während der Maidan-Ereignisse ist in den Medien ausführlich berichtet worden. Diese Kirche mischte sich selbst nicht in die politischen Geschehnisse auf dem Maidan ein – ihre Rolle war eine gänzlich andere. Spiritualität ist das Herzstück der ukrainischen Kultur. Ein Protest auf dem Maidan ohne Präsenz der Kirche war für die Beteiligten nicht vorstellbar. Die Kirche ist diejenige Organisation in der Ukraine, die das weitaus größte Vertrauen genießt; ihr gehören 62 % der Bevölkerung dieser ehemaligen Sowjetrepublik an. Eine Kapelle, in der täglich Gottesdienste und stündlich Gebete stattfanden, stand mitten auf dem Maidan. Zitate aus den Psalmen, insbesondere die ersten beiden Verse aus Psalm 91 („Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue.“) wurden an Gebäude gehängt, um den Menschen Orientierung und Zuspruch zu geben. Als die Regierung auf die Demonstranten zu schießen begann, wandte sich ein Journalist mit der Bitte an mich, Kardinal Husar, das hoch angesehene emeritierte Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine, dazu zu bewegen, zum Platz zu gehen und dort zu den Menschen zu sprechen. Der Journalist sagte nur: „Wir müssen seine Stimme hören.“ Führende Vertreter der Kirche hatten sich mehrfach mit Präsident Janukowitsch getroffen und ihn gefragt, ob er bereit sei für einen Dialog mit dem Volk. Die Kirche hat tatsächlich nie mit eigener Stimme gesprochen, sondern immer nur mit der Stimme des Volkes Gottes.

 

Die Maidan-Revolution war der Wendepunkt. Erst dann begann die richtige Arbeit: Es musste überall im Land ein System gerechter Regierungsführung etabliert werden. Selbst der Krieg mit Russland hat nichts an der Priorität dieser Aufgabe geändert. So konzentrieren sich die Bemühungen der Regierung insbesondere darauf, die Gerechtigkeit zu schaffen, die die Menschen ersehnen und für die mehr als hundert von ihnen ihr Leben auf dem Maidan-Platz gaben. Die Stimme der Kirche ist weiterhin ein Echo der Stimme des Volkes, das zentrale christliche Werte als Grundlage des Regierungshandelns einfordert – Werte, die in Europa als selbstverständlich gelten - wie Aufrichtigkeit, Transparenz, Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, Abschaffung von Korruption sowie Rechenschaftspflicht. Russland hat Unrecht und Gewalt über die Ukraine gebracht, aber die Ukrainer vertrauen auf die Weisheit der Propheten: Wäre das Haus der Ukraine in Ordnung gewesen, wäre all dies nicht passiert. Ihrer festen Überzeugung nach ist eine gerechte und transparente Regierung die beste Verteidigung gegen destruktive Einmischung von innen oder außen.

 

Bevor die ukrainischen Bischöfe im Februar 2015 zu ihrem Ad-limina-Besuch bei Papst Franziskus nach Rom fuhren, waren unzählige katholische und interkonfessionelle Gruppen überall aus dem Land zusammengetroffen, um gemeinsam darüber zu diskutieren, auf welchen Werten ein neues System der Regierungsführung basieren solle. Die katholische Kirche nahm dabei eine führende Rolle ein. Ein Jesuit wurde eingeladen, an der Entwicklung politischer Grundsätze des Landes mitzuarbeiten. Als sich die ukrainischen Bischöfe schließlich auf den Weg nach Rom machten, verlangten einige Politiker vom Papst, er solle die russische Annexion öffentlich anprangern, die Anerkennung der staatlichen Souveränität fordern und die Militärintervention scharf kritisieren – mit anderen Worten: Er solle Russlands Vorgehen verurteilen. Der Papst kennt die Ukraine gut. Anstatt öffentlich diesen lautstark vorgebrachten politischen Forderungen nachzukommen, ermutigte er die Kirchen zur Einheit und zu einer engen Zusammenarbeit. So ist zwar internationaler Druck notwendig, um die Ordnung im Land wieder herzustellen und staatliche Aggression einzudämmen, doch eine politische Erklärung des Papstes hätte womöglich die Aufmerksamkeit abgelenkt von dem, worum es in diesem Land wirklich geht, nämlich der Schaffung einer gerechten Nation. Der Papst rief zur Vertiefung der spirituellen Einheit auf.

 

Seit diesem Treffen ist – initiiert von der Bischofskonferenz – die kirchliche Verkündigung zu einer inspirierenden Quelle für die Menschen geworden. Die Priester sind von den Bischöfen der Ukraine gebeten worden, das Herz der Menschen anzusprechen, indem sie ihnen folgende Botschaften mit auf den Weg geben: Die Furcht darf keinen Platz in unseren Herzen finden; unsere Besorgnis soll sich nicht in Hass auf eine andere Nation verkehren; und ein Gegner soll nicht zu einem Feind werden – wir sollen hingegen für Wladimir Putin und andere Menschen, die wir vielleicht als Feinde betrachten, beten. Die russisch-orthodoxe Kirche aus Moskau hat eine öffentliche aggressive Kampagne losgetreten, in der die katholische Kirche in der Ukraine zu Unrecht bezichtigt wird, die Maidan-Ereignisse und den Krieg maßgeblich ausgelöst zu haben. Die katholische Kirche in der Ukraine reagiert nicht auf derartige haltlose Anschuldigungen und Beleidigungen, sondern widmet sich weiterhin der seelsorgerischen Betreuung des Volkes.

 

Was wir hier nun beobachten können, ist die Ruhe inmitten des Sturms. Die Menschen schauen zuversichtlich in die Zukunft, auch wenn der Tod eine ständige Bedrohung darstellt. Diese Zeit erinnert an das Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, als Männer wie Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer danach strebten, explizit christliche Werte in das Gesamtgefüge des europäischen Regierungshandelns einzubringen. Sie hatten ein Gespür dafür, dass nur dies Europa aus seiner von Kriegen geprägten Geschichte herausführen und in eine harmonische Zukunft bringen könne. Der gleiche Geist inspiriert nun auch die Ukraine. Ohne die Frohe Botschaft, ohne die Stimme der Kirche wird dies nicht geschehen.

 

David Nazar SJ

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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