Monday 22. July 2019

Was bedeutet „Einheit in Vielfalt“?

Seine Eminenz Metropolit Emmanuel von Frankreich erläutert, inwiefern das Prinzip von Einheit in Vielfalt den Mittelpunkt der christlichen Theologie und einen wichtigen Bestandteil des europäischen Projekts darstellt.

Das Zusammenspiel von Einheit und Vielfalt ist Paradox und Antonym zugleich. So unterschiedlich die beiden Begrifflichkeiten von Natur aus sein mögen, sie bewegen sich doch aufeinander zu. In der christlichen und insbesondere der orthodoxen Theologie treffen das Eine und das Viele vor allem in der Trinität zusammen. Der eine und einzige Gott ist auch ein dreieiniger Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der christliche Glaube bekennt sich entschieden zu dieser Offenbarung, die sich besonders deutlich aus den Evangelien und später aus den Schriften der Kirchenväter des 4. Jahrhunderts, insbesondere der Kappadokier erschließen lässt, die dieses Konzept unermüdlich vertieft und seine Vollkommenheit in der Existenz Gottes gefunden haben: ein Wesen in drei Personen (Hypostasen).

 

Das Prinzip der Gemeinschaft

 

In seiner Schöpfung jedoch manifestiert sich die Realität des Göttlichen nicht in einer solchen Vollkommenheit. Dennoch bleibt das Eine untrennbar mit dem Vielen verbunden. Im kirchlichen Kontext spricht man demnach gerne von Gemeinschaft als einem Seinsprinzip, welches den gesellschaftlichen und politischen Projekten, wie dem Europas, am nächsten kommt. Gemeinschaft und Gesellschaft haben im Übrigen im Griechischen die gleiche Wurzel. Und in der Heiligen Schrift heißt es: „Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft (koinonia) mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft (koinonia) mit dem Vater und mit seinem Sohn, Jesus Christus“ (1 Johannes 1, 3).

 

Die Gemeinschaft unterscheidet sich jedoch vom sozialen Zusammenhalt dadurch, dass sie ein eschatologisches Projekt jenseits von Raum und Zeit bleibt. Das Prinzip der Gemeinschaft (koinonia) liegt im Spannungsfeld zwischen dem Einen und dem Vielen. Es gründet auf der Menschwerdung Christi, dem Göttlichen, das die menschliche Natur mit sich vereint, und verwirklicht sich in der Einheit des Geschöpfes mit seinem Schöpfer. Die ökologische Dimension der ethischen Fragen wird damit zum zentralen Thema. In der Enzyklika des Heiligen und Großen Konzils (2016) heißt es: „Der Ansatz zur Lösung des ökologischen Problems auf der Basis der Prinzipien der christlichen Tradition bedeutet nicht nur Buße für die Sünde der Ausbeutung natürlicher Ressourcen des Planeten in Form einer radikalen Veränderung unserer Mentalität und unseres Verhaltens, sondern ebenfalls Askese als Gegenentwurf zu Konsumerismus, Bedürfnisvergötterung und Habgier” (Enzyklika, Absatz 14).

 

Gegen den Wunsch nach Abschottung und den Populismus

 

Und schließlich ist es im Rahmen des orthodoxen Wirkens im Raum bzw. der öffentlichen Debatte wichtig zu betonen, dass die Umsetzung dieser theologischen Prinzipien als Katalysator dienen kann, insbesondere in einem besonders polarisierten politischen Kontext, in dem Einzelinteressen zur Einschränkung der Einheit eingesetzt werden. Denn der Wunsch nach Abschottung und der Populismus, von denen Europa heute bedroht ist, stellen nicht nur eine Gefahr für die Einheit, sondern auch für die Vielfalt dar, insofern die derzeit zu beobachtende Fragmentierung nur kleinere Zellen erzeugt, die ihre Einheit ausschließlich auf Kosten eines allein aufgrund seiner Andersartigkeit wahrgenommenen Anderen denken und leben. Doch das Eine umarmt, vereint, integriert und respektiert die Besonderheiten. Diese Besonderheiten sind gefährdet, wenn das Handlungsfeld des Einen kleiner wird, wenn es seine universelle Dimension verliert. Wobei der Universalbegriff hier im qualitativen Sinne von „katholisch“ (etymologisch allumfassend) zu verstehen ist.

 

Für einen Dialog der Zivilisationen

 

Viele Denker wie Régis Debary haben über die Art der Verbindung reflektiert, die das Zusammenspiel von Einheit und Vielfalt ermöglicht. Aus orthodoxer Sicht kann es keine Mediologie ohne Dialog geben, ohne diesen Austausch von Worten, der gleichzeitig Grundvoraussetzung und unerlässlich für den Umgang mit dem Andersseins ist. Dabei geht es nicht nur um eine theologische oder gar philosophische Frage, sondern auch um deren politische Auswirkungen. Einige sprechen gerne vom „sozialen Dialog“, andere nennen es eher den „Dialog der Zivilisationen“. Dialog verbindet und schafft Beziehung. Er bekämpft Vorurteile und überwindet den Hass.

 

Den treffendsten Ausdruck für diese Dialektik des Einen und des Vielen aber findet zweifellos der Apostel Paulus: „Denn wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als Einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören“ (Römer 12, 4-5).

 

Seine Eminenz Metropolitan Emmanuel von Frankreich

 

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