Samstag 24. Juni 2017

Flüchtlinge und christlich-muslimische Beziehungen: Lasst uns Brücken statt Mauern bauen!

Als Reaktion auf die Einwanderungsverordnung von US-Präsident Donald Trump und anlässlich der „Woche der interreligiösen Harmonie” der Vereinten Nationen haben der internationale Direktor des Jesuitenflüchtlingsdienstes (JRS), Pater Thomas H. Smolich, SJ, und der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Italien (COREIS), Imam Yahya Sergio Yahe Pallavicini, eine gemeinsame Erklärung herausgegeben.

Am 27. Januar dieses Jahres unterzeichnete US-Präsident Trump ein Dekret zum „Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen in die Vereinigten Staaten“. Diese Verordnung verbietet Flüchtlingen aus Syrien auf unbegrenzte Zeit die Einreise in die USA, setzt die Aufnahme von Flüchtlingen auch aus anderen Ländern für 120 Tage aus und lässt Muslime generell – d. h. nicht nur Flüchtlinge – aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern in den kommenden 90 Tagen nicht mehr in die USA einreisen; es handelt sich dabei um Menschen aus dem Iran, dem Irak, Libyen, Somalia, dem Sudan, Syrien und dem Jemen. Nur eine Woche nach Trumps Amtsantritt hat dieses Dekret zu einer wachsenden politischen und juristischen Krise geführt.

 

Mit einer gemeinsamen Erklärung vom 6. Februar 2017 reagierten der JRS und COREIS auf das Trump-Dekret; die Verfasser kritisieren darin ganz offen das Flüchtlingsprogramm der neuen US-Regierung als „Verstoß gegen gemeinsame muslimische und christliche Werte“ und als „Ablehnung unserer geteilten Menschlichkeit“. Die Verordnung wirke sich nicht nur negativ auf die christlich-muslimischen Beziehungen aus, sondern verletze auch die in beiden Religionen verankerten grundlegenden Verpflichtungen, „die Fremden zu lieben“ (Dtn 10, 19) und „einander kennenzulernen“ (Koran 49:13) – Verpflichtungen, die unter der Prämisse eines gemeinsamen Ursprungs der Menschheit stehen.

 

Die Flüchtlingskrise als „eine Gelegenheit der Gnade“

Nationale Regierungen stünden zwar grundsätzlich in der Pflicht, ihre Bürger vor Gefahren zu schützen, und könnten deshalb den Eintritt in ihr Territorium regulieren, es gebe aber „ethische Ansprüche, die höherwertiger als nationale Grenzen seien“. Der Schutz von „Menschen in großer Gefahr“ zähle zu diesen übergeordneten Forderungen und stelle eine ethische Herausforderung dar: „In einer Welt, die tagtäglich durch Gewalt und Ungerechtigkeit, durch Terror und Tyrannei verwundet wird, fordern uns unsere muslimischen und christlichen Traditionen dazu auf, Mut und Großzügigkeit zu zeigen, statt unserer Angst zu erliegen und unserem Egoismus nachzugeben.“

 

In diesem Zusammenhang verweist die Erklärung auf einen Beitrag von Papst Franziskus zum Thema Migration. So habe dieser „von Migration als einer Gelegenheit der Gnade für uns alle, für die Migranten wie auch für die sie aufnehmenden Gastvölker, gesprochen“. Die Unterzeichner beziehen sich vor allem auf seine Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings 2016: „In diesem Augenblick der Menschheitsgeschichte, der stark von den Migrationen geprägt ist“ ist derjenige, der auswandert, dazu „gezwungen, einige Eigenheiten zu verändern, die seine Person ausmachen, und zugleich, selbst ohne es zu wollen, zwingt er auch denjenigen, der ihn aufnimmt, zur Veränderung. Wie kann man diesen Wandel leben, dass er nicht zum Hindernis der echten Entwicklung wird, sondern Gelegenheit für ein wahrhaft menschliches, soziales und spirituelles Wachstum […]?“

 

Menschlichkeit – nicht Religion – als Grundlage von Solidarität

Die Verfasser der gemeinsamen Erklärung betonen, dass sich ihre jeweiligen Organisationen für alle Flüchtlinge, ungeachtet ihrer Religion, einsetzen, und bekräftigen, dass jeglicher „Versuch, Flüchtlinge aufgrund ihrer Religion abzulehnen, den christlichen und muslimischen Werten der Menschenwürde, der Fürsorge für die Schwächsten unserer Gesellschaft und der Religionsfreiheit” widerspreche.

 

Mit Blick auf Syrien verleihen die Verfasser ihrer großen Sorge darüber Ausdruck, dass die USA das syrische Flüchtlingsprogramm „zu einer Zeit, in der fast 5 Mio. Syrer zur Flucht vor der Gewalt in ihrem Land gezwungen sind“ für eine unbegrenzte Dauer aussetzen. Überdies sind die Unterzeichner beunruhigt von Präsident Trumps Vorschlag, Angehörige religiöser Minderheiten, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit verfolgt werden, von der Regelung auszunehmen. JRS und COREIS halten eine solche Maßnahme für unverhältnismäßig und für Muslime diskriminierend; auch könne ein De-facto-Einreiseverbot für muslimische Flüchtlinge in die USA religiöse Feindseligkeiten hervorrufen.

 

Ein besseres Konzept für den Flüchtlingsschutz

Darüber hinaus fürchten die Verfasser, dass die Trump-Verordnung eine Kettenreaktion auslösen könne, indem sich andere Staaten an der US-amerikanischen Flüchtlingspolitik orientieren. Es bestehe somit die Gefahr, dass das Einreisedekret „den Flüchtlingsschutz weltweit destabilisiert, indem die Anzahl der Aufnahmeplätze reduziert wird und das Einreichen von Asylanträgen unterbunden wird“. Von daher bitten die Verfasser eindringlich alle Regierungen darum, „sich dem Einreisestopp der USA zu widersetzen und dafür Sorge zu tragen, dass die innerstaatlichen Konzepte des Flüchtlingsschutzes verbessert werden“. Darüber hinaus fordern sie ein Ende der „isolationistischen Politik“ und appellieren an die Regierungen, sich stattdessen „den strukturellen Ursachen der vermehrt auftretenden Fluchtbewegungen zu widmen und die Verantwortung für den Schutz von Flüchtlingen gerecht aufzuteilen“.

 

Zum Abschluss ihrer Erklärung verweisen die Unterzeichner darauf, dass „es im Christentum und Islam religiöse Traditionen gibt, die in der Erfahrung von Exil, aber auch von göttlicher und menschlicher Gastfreundschaft verwurzelt sind. Feindselige Einstellungen gegenüber Vertriebenen und Flüchtlingen haben keinen Platz in unseren religiösen Traditionen und zeugen von schwerem moralischen Versagen. Unsere Glaubensvorstellungen laden alle Menschen guten Willens dazu ein, überall eine großzügige Kultur der Gastfreundschaft für Migranten und Flüchtlinge zu fördern. Lasst uns die Würde jedes einzelnen Menschen anerkennen und das Recht jedes Menschen auf ein sicheres Leben in unserem gemeinsamen Haus achten.“ 

 

Thomas H. Smolich SJ, internationaler Direktor des Jesuitenflüchtlingsdienstes (JRS), und Imam Yahya Sergio Yahe Pallavicini, Präsident der Islamischen Gemeinschaft Italiens (COREIS)

Bearbeiter des Artikels: Henry Longbottom sj

Originalfassung des Artikels Englisch

Gemeinsame Erklärung herunterladen

 

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