Freitag 20. Oktober 2017

Flüchtlingskrise: Polarisierung und Instrumentalisierung bekämpfen

Das diesjährige Treffen der EU mit hochrangigen Religionsvertretern stand unter der Überschrift „Migration, Integration und europäische Werte: Von Worten zu Taten“. Weihbischof Jean Kockerols stellt die Überzeugungen der katholischen Kirche in dieser Frage vor.

Als Vertreter der COMECE, in der die katholischen Bischöfe der EU-Mitgliedstaaten vereint sind, möchte ich einige Sorgen, Fakten und Überzeugungen der katholischen Kirche mit Blick auf die Flüchtlingskrise ansprechen.

 

Sorgen: Die Flüchtlingskrise hat das Meinungsbild in Europa gespalten und das zugegebenermaßen auch innerhalb der Kirchen in Europa. Ungeachtet der unermüdlichen Appelle von Papst Franziskus machen sich die Abschottungstendenzen und der mangelnde Mut einiger Regierungen in den Reaktionen einiger Ortskirchen bemerkbar. Die christlichen Gemeinschaften werden durch die Migrationskrise vor die Herausforderung gestellt, sich als Bürgerinnen und Bürger, aber auch als Gläubige, insbesondere gegenüber den muslimischen Gruppierungen zu positionieren. Die Kirche kämpft gegen die Unkenntnis und die daraus resultierenden diffusen Ängste vor anderen Menschen. Das Grundprinzip der Katholizität fordert zum Kampf gegen Polarisierung und Instrumentalisierung in diesen Fragen auf. Die Kirche lehnt es ab, auf eine Radikalisierung der Sichtweisen zu setzen. Doch blickt sie mit Sorge auf bestimmte politische Maßnahmen, die über die mitunter legitimen Befürchtungen hinaus eine ernste Bedrohung für den Rechtsstaat darstellen.

 

Fakten: Als Reaktion auf den Appell des Papstes haben die Ortskirchen im Rahmen der Flüchtlingskrise enorme Anstrengungen unternommen und tun dies auch weiterhin. Dabei geht es nicht nur darum, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern auch darum, ihre Integration auf lange Sicht zu fördern. Dank dem Hilfswerk Caritas, das in jedem Land, somit auch in Belgien, vertreten ist, bleibt es nicht bei einer vorübergehenden Hilfsbereitschaft, sondern es wird auch langfristige Unterstützung geleistet. Und dies nicht nur hier, sondern auch in den Herkunftsländern. Gerade dort müssen nachhaltige Lösungen zur Überwindung von Ungerechtigkeit und Gewalt gefunden werden.

 

Überzeugungen: Migration und die damit einhergehende Gastfreundschaft sind einer der Grundpfeiler des Christentums. Abraham, der Vater der Gläubigen, war Migrant. Die Heilige Familie floh nach Ägypten. Das Wort Gottes „kam in sein Eigentum“ (aber die Seinen nahmen ihn nicht auf). Ebenso wenig wie die EU-Institutionen kann die katholische Kirche die Flüchtlingsfrage als ein „Problem“ bzw. als eine rein konjunkturbedingte Frage angehen. Die Kirche stellt diese Herausforderung in den Kontext der weiteren ihr zugrundeliegender Werte: die Würde eines jeden Menschen, die Verpflichtung zum Dienst am Menschen in Not, in dem der Christ das Antlitz Christi erkennt. Es ist somit Aufgabe der Kirche, unermüdlich daran zu erinnern, dass jeder Flüchtling das Recht auf eine faire und humane Behandlung hat. „Die Frage nach einer gemeinsamen Lösung für die Flüchtlingskrise ist gleichzeitig eine Frage, die unmittelbar die Werte und die Zukunft Europas betrifft.“ Im Dialog mit den EU-Institutionen setzt sich die Kirche unermüdlich hierfür ein. Denn es gilt die Kritik des niederländischen Europaexperten Luuk Van Middelaar an der Vorgehensweise der EU: „Die Migranten sind kein Kabeljau“.

 

+ Jean Kockerols

 

Erster Vizepräsident der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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