Freitag 20. Juli 2018
#215 - Mai 2018

Für ein Europa der Hoffnung

Die Krise Europas ist Thema zahlreicher Medienberichte und tatsächlich mangelt es nicht an Schwierigkeiten. Diese spiegeln sich in einem weit verbreiteten Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber dem europäischen Aufbauwerk wider.

Die Ergebnisse mehrerer politischer Wahlen in den EU-Mitgliedsländern, auch aus den Gründerstaaten, scheinen dies zu bestätigen. Der Brexit und die mit seiner Umsetzung verbundenen Unsicherheiten verstärken dieses Gefühl des Unbehagens.

 

Viele Politikerinnen und Politiker tragen zur Demagogie bei, indem sie „Brüssel“ für ihre inneren Missstände verantwortlich machen, jedoch die Art der Entscheidungsfindung in der EU, die doch viel demokratischer ist, als sie zuzugeben bereit sind, außer Acht lassen.

 

Im Wahlkampf für die nächsten Wahlen zum Europäischen Parlament im Frühjahr 2019, bei denen die Wähler ihre Wahl unter Berücksichtigung anderer Fragen treffen werden, wird es schwer sein, sich diesen nationalen Visionen zu entziehen.

 

Europa hat nach wie vor mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen: Auch wenn sich die Situation eindeutig verbessert hat, bleibt die Arbeitslosigkeit insgesamt zu hoch, sind die Gegensätze zwischen den Mitgliedsländern eklatant und haben die Schulden viel zu oft bedrohliche Ausmaße angenommen. Ungelöst bleibt auch die Frage der Flüchtlinge und Migranten und sie wird auch nur im Rahmen von Solidarität und Verantwortung zu lösen sein. Angesichts dieser Herausforderungen bleibt Europa die einzige Zukunftsperspektive für unsere Demokratien und ein besseres Leben für alle.

 

Es geht hier nicht um eine Beschwörungsformel, sondern um den Willen, das Projekt der Gründerväter umzusetzen, das den Menschen nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs eine Friedensperspektive bot und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Aufnahme der Länder aus Mittel- und Osteuropa ermöglichte.

Im Mai feiern wir den Europatag und gedenken am 9. Mai der Schuman-Erklärung und damit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Es tut gut, uns noch einmal zu vergegenwärtigen, was Schumann 1950 gesagt hat: „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.

Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen. (…) Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“

Es ist offensichtlich, dass es über die unterschiedlichen Herangehensweisen, die wirtschaftlichen oder politischen Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten oder zwischen den Parteien, die die Vertretung der Völker zum Ausdruck bringen, hinaus wichtig ist, eine europäische Seele zu finden, einen Sinn für das, was wir in diesem oft mühseligen europäischen Aufbauwerk zu leben versuchen, und für uns Christen, uns mit Großzügigkeit und Realismus dafür einzusetzen.

 

In seiner Rede an die Teilnehmer des in Rom im Oktober 2017 veranstalteten Dialogforums „(Re)Thinking Europe“ nimmt Papst Franziskus diesen Gedanken auf und verweist auf die besondere Aufgabe der Christen „in einer Zeit, in der das Angesicht Europas immer mehr von einer Pluralität von Kulturen und Religionen gekennzeichnet ist (…). Der erste und vielleicht größte Beitrag, den die Christen dem heutigen Europa bringen können, ist es, daran zu erinnern, dass es nicht eine Ansammlung von Zahlen oder Institutionen ist, sondern aus Menschen besteht. (…) Zu erkennen, dass der andere vor allem eine Person ist, bedeutet, das wertzuschätzen, was mich mit ihm verbindet. Das Personensein bindet uns an die anderen, lässt uns Gemeinschaft werden (…). Die Europäische Union wird ihrer Friedensverpflichtung in dem Maße treu sein, wie sie die Hoffnung nicht verliert und sich erneuern kann, um den Bedürfnissen und Erwartungen seiner Bürger nachzukommen“.

 

Dies ist die Aufgabe, vor der wir stehen. Und dies ist der Zeitrahmen, der uns gegeben ist.

 

Bischof Antoine Hérouard

Weihbischof von Lille

Präsident der Kommission für Soziale Angelegenheiten der COMECE

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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