Dienstag 23. Mai 2017

Für ein sozialeres Europa

Die EU-Kommission eröffnete im März 2016 einen Konsultationsprozess zur Stärkung der sozialen Dimension in der Europäischen Union. Das Europabüro für katholische Jugendarbeit und Erwachsenenbildung hat sich daran beteiligt.

Die Sozialmodelle Europas stehen vor grundlegenden Herausforderungen. Einerseits sind die Nachwirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf Beschäftigung und den sozialen Zusammenhalt stark spürbar. Andererseits steht Europa vor großen Herausforderungen im Bereich der Digitalisierung und angesichts des demographischen Wandels, der Integration der Flüchtlinge und der Geschlechtergleichstellung auf dem Arbeitsmarkt.

 

Die Träger des Europabüros für katholische Jugendarbeit und Erwachsenbildung begrüßen den längst fälligen Versuch, eine Balance zwischen der Wirtschafts- und Währungsunion und der Sozial- und Beschäftigungspolitik herzustellen und haben sich daher an der EU-Konsultation beteiligt. Um jedoch die Ungleichheiten zwischen den europäischen Mitgliedstaaten zu vermindern, bedarf es anderer Mindeststandards in der europäischen Beschäftigungs- Sozial- und Bildungspolitik. Die katholischen Träger haben sich angesichts der Vielzahl der vorgestellten Themenbereiche auf drei konzentriert: „Fertigkeiten, Bildung und lebenslanges Lernen“; „flexible und sichere Arbeitsverträge“ sowie „Geschlechtergleichstellung und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben“.

 

In lebenslanges Lernen investieren

Gemäß Artikel 14 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union hat jede Person das Recht auf Bildung sowie auf Zugang zur beruflichen Ausbildung und Weiterbildung. Die katholischen Träger fordern daher die Vorschläge der EU-Kommission für die nationalen Reformprogramme für diverse Mitgliedsstaaten umzusetzen und die zu geringen Gesamtausgaben für Bildung anzugehen und in Bildung zu investieren. Dies gilt sowohl in der non-formalen, d.h. der außerschulischen Bildung, in der Menschen außerhalb von Curricula persönliche und soziale Bildung erfahren, als auch in der formalen Bildung, d.h. dem staatlichen Bildungssystem.

 

Die bisherigen Bildungsausgaben der Mitgliedsstaaten reichen nicht aus, um sozial Benachteiligten und auch neu zugewanderten Flüchtlingen einen Zugang zum Bildungssystem zu ermöglichen. Auch die digitale Teilhabe, d.h. Beteiligungsmöglichkeiten jeglicher Art im digitalen Zeitalter, muss für alle EU-BürgerInnen ermöglicht werden. 70 Millionen EuropäerInnen laufen Gefahr, abgehängt zu werden, nicht nur im Bereich der digitalen Fähigkeiten. Daher sind Weiterbildungsangebote aller Art dringend notwendig.

 

Um soziale Inklusion in Europa zu fördern, muss ein ganzheitlicher Bildungsansatz für lebenslanges Lernen in Europa gelten, welcher nicht nur einem arbeitsmarktorientierten Bildungsverständnis dienen darf. Die katholischen Träger fordern daher, die seit 2016 neu eingeführte europäische Kompetenz-Agenda weiter zu entwickeln. Dabei handelt es sich um einen Maßnahmenkatalog von zehn Punkten der EU-Kommission zur Verbesserung der Kompetenzen in Europa.

 

Hierbei soll beispielsweise die Berufsausbildung europaweit zu ersten Wahl gemacht werden, gering qualifizierte Erwachsene sollen ein Mindestniveau von Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen erhalten und es wird angestrebt Instrumente zu entwickeln, die Kompetenzprofile von Drittstaatsangehörigen darstellen. Ebenso fordern die katholischen Träger eine Weiterentwicklung und Fortführung der EU-Jugendstrategie, die als europäischer Rahmen der jugendpolitischen Zusammenarbeit seit 2009 besteht.

 

Zunahme prekärer Arbeitsbedingungen

In Art. 153 des EU-Vertrags ergänzt und unterstützt die Union die ausschließliche nationale Kompetenz der Mitgliedsstaaten auf folgenden Gebieten: Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit der Arbeitnehmer, Schutz der ArbeitnehmerInnen bei Beendigung des Arbeitsvertrages. Aus Sicht der katholischen Träger ist besorgniserregend, wie europaweit die prekären Arbeitsbedingungen zunehmen. ArbeitnehmerInnen werden im Anschluss an eine befristete Beschäftigung zu oft befristet weiter beschäftigt.

 

Eine eigene Familienplanung, ehrenamtliches Engagement und eine sichere Lebensplanung werden dadurch erschwert, langfristiges Planen ist schwierig. Zur Umsetzung des Rechts auf Arbeit fordern die Träger des Europabüros eine aktivere Arbeitsmarktpolitik der Europäischen Union. Wichtig ist, dass prekäre Arbeitsbedingungen europaweit gleich definiert werden, um dann Mindeststandards in den Mitgliedsstaaten einführen zu können.

 

Geschlechtergleichstellung

Obwohl die Gleichbehandlungsrichtlinie (2000/78/EG) für den Bereich Beschäftigung in allen Mitgliedsstaaten umgesetzt wurde und die Strategie für die Gleichstellung von Männern und Frauen (2010-2015) bestand und aufgrund einer Blockierung durch den europäischen Rat von den Mitgliedstaaten nicht fortgeführt wurde, gibt es nach wie vor große Unterschiede im Bereich des Verdienstes zwischen Mann und Frau und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Frauen erhalten niedrigere Stundensätze und arbeiten stärker in Teilzeitarbeit, auch wenn sie höhere Bildungsabschlüsse haben wie Männer.

 

Gründe dafür sind unter anderem fehlende Betreuungsangebote für Kinder und andere Angehörige und familienunfreundliche Arbeitsbedingungen. Daher fordern die Träger des katholischen Europabüros, dass die EU-Mitgliedstaaten zumindest eine Einigung über die Richtlinie (2012/0299/COD) zur Gewährleistung einer ausgewogeneren Vertretung von Frauen und Männern unter den nicht geschäftsführenden Aufsichtsratsmitgliedern börsennotierter Gesellschaften finden, damit diese in Kraft treten kann. Außerdem sollte die EU-Kommission im Rahmen von öffentlichen Kampagnen das Thema der Gleichstellung fördern, damit im öffentlichen Raum das Bewusstsein dafür gestärkt wird.

 

Judith Wind-Schreiber

Europabüro für Katholische Jugendarbeit und Erwachsenenbildung

 

 

Träger des Europabüros: Europäische Föderation für katholische Erwachsenbildung (FEECA), Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland (AKSB e.V.), Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der deutschen Bischofskonferenzen (afj), Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Jugendhaus Düsseldorf e.V., Katholische Erwachsenenbildung Deutschland - Bundesarbeitsgemeinschaft e.V. (KEB Deutschland e.V.)

 

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