Mittwoch 20. Juni 2018
#216 - Juni 2018

Für eine atomwaffenfreie Welt

Im Kontext der jüngsten Entwicklungen im EU-Militär- und Rüstungsbereich gibt es auch Überlegungen, eine eigene „EU-Atombombe“ zu entwickeln. Norbert Mette, emeritierter Professor für Praktische Theologie und Mitglied von Pax Christi, plädiert mit Papst Franziskus für ein generelles Verbot von Atomwaffen.

Papst Franziskus hat im Januar dieses Jahres vor Journalisten geäußert, er habe Angst vor einem unüberlegten Angriff mit Atomwaffen. Damals eskalierte der Konflikt zwischen den Präsidenten der USA und Nordkorea, Donald Trump und Kim Jong Un. Inzwischen hat sich das Verhältnis zwischen den beiden Staaten beruhigt. Aber das bedeutet nicht, dass damit die Gefahr eines Einsatzes von Nuklearwaffen irgendwo in der Welt endgültig gebannt wäre. So stellt etwa der Nahe Osten ein weiteres Pulverfass dar. Es steht zu befürchten, dass außer Israel im dortigen Raum andere Staaten sich nicht nur weiter mit konventionellen Waffen hochrüsten, sondern auch nukleare Massenvernichtungsmittel entwickeln. Zwischen den USA und Russland ist seit längerem ein erneuter Wettlauf in der sogenannten Modernisierung der Atomwaffen im Gang. Auf beiden Seiten wurden und werden neue Waffen mit größerer Einsatzfähigkeit entwickelt. Im Rahmen der NATO sind auch die Mitgliedstaaten, die nicht eigene Atomwaffen besitzen, in das nukleare Abschreckungssystem eingebunden. In dessen Strategie ist bei Gefahr die Option für einen nuklearen „Erstschlag“ vorgesehen.

 

Kirchliche Verurteilung des Rüstungswettlaufs

 

Die Position der katholischen Kirche zu den atomaren Massenvernichtungsmitteln hat jüngst eine bemerkenswerte Entwicklung genommen hat. Spätestens seit den grausamen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs bildet die Forderung nach militärischer Abrüstung einen durchgängigen Tenor in der päpstlichen Friedenslehre. Dies wurde verstärkt durch das unermessliche Leid, das der Abwurf der Atombomben in Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs mit sich brachte. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde diese Position mit großer Mehrheit der anwesenden Bischöfe bekräftigt (vgl. Gaudium et Spes 80-82). Ein Argument lautete: Der Rüstungswettlauf wirkt nicht erst dann zerstörerisch, wenn es zum „Ernstfall“ kommt, sondern geht bereits jetzt auf die Kosten der Armen.

 

Billigung einer Frist für die Abschreckungsdoktrin

 

Zu einer intensiven ethischen Debatte innerhalb der Kirche kam es in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss. Eindringlich mahnte Papst Johannes Paul II., dass angesichts der „verfeinerten“ Waffensysteme ein moderner Krieg als Mittel zur Lösung zwischenstaatlicher Konflikte absolut kein gangbarer Weg mehr sei. Angesichts des Arsenals von Nuklearwaffen, über das damals die beiden Großmächte USA und UdSSR verfügten, wurde seitens mehrerer Bischofskonferenzen eine „Notstandsethik“ eingeräumt: Die Strategie der gegenseitigen Abschreckung könne für eine Überganszeit noch als moralisch verantwortbar gebilligt werden unter dem Vorbehalt, dass konkrete Abrüstungsmaßnahmen zwischen den Staaten in Gang gesetzt und beschlossen werden.

 

Neuerlich ist ein entscheidender Schritt in diese Richtung erfolgt. Am 7. Juli 2017 wurde am Sitz der UNO mit überwältigender Mehrheit der 124 Teilnehmerstaaten der sogenannte „Atomwaffenverbotsvertrag“ angenommen – eine Vereinbarung, die erheblich weitergeht als der Atomwaffensperrvertrag von 1970. Es werden nämlich die Entwicklung, der Test, der Erwerb, die Lagerung, der Transport, die Stationierung und der Einsatz von Atomwaffen verboten. Die Atommächte und die übrigen NATO-Staaten mit Ausnahme der Niederlande haben an den Verhandlungen nicht teilgenommen und boykottieren den Vertrag.

 

Die Frist ist abgelaufen

 

In Papst Franziskus findet der Vertrag allerdings einen entschiedenen Befürworter und Betreiber. Er hat nach Kräften sein Zustandekommen unterstützt und veranlasst, dass der Heilige Stuhl zu seinen ersten Unterzeichnern zählt. Wie sehr dem Papst dieses Thema am Herzen liegt, zeigt folgender Vorgang: Auf Veranlassung des vatikanischen „Dikasteriums für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ fand im November 2017 in Rom ein hochkarätig zusammengesetztes Symposium zu „Perspektiven für eine atomwaffenfreie Welt und für eine vollständige Abrüstung“ statt. In seiner Ansprache vor den Teilnehmern dieses Symposiums ging Papst Franziskus erheblich über die bisherige kirchenamtliche Position hinaus: Nicht nur die Anwendung von Kernwaffen, sondern bereits die Androhung ihres Einsatzes sowie ihr Besitz seien entschieden zu verurteilen. Damit hat der Papst die Frist für die eingeschränkte moralische Billigung der nuklearen Abschreckungsdoktrin, wie sie in den erwähnten Hirtenbriefen zu Beginn der 1980er Jahre noch eingeräumt worden ist, definitiv für abgelaufen erklärt.

 

 

Norbert Mette

Emeritierter Professor für Praktische Theologie und Mitglied von Pax Christi

 

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