Freitag 15. Dezember 2017
April #203

Humanitäre Korridore für die Flüchtlinge

Am 14. März 2017 fand die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen dem französischen Staat, der Gemeinschaft Sant’Egidio, der katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen statt; auf dieser Grundlage sollen in den kommenden Monaten 500 syrische Flüchtlinge aus dem Libanon nach dem Vorbild bereits bestehender, nach Italien führender humanitärer Korridore nach Frankreich reisen.

Am 27. Februar 2016 richtete die Gemeinschaft Sant'Egidio für syrische Flüchtlingsfamilien, die vor dem Krieg fliehen mussten, humanitäre Korridore nach Italien ein. Diese Korridore sind Ergebnis eines Abkommens zwischen Sant’Edigio, dem italienischen Außen- und Innenministerium, dem Verband der evangelischen Kirchen und der Waldenserkirche in Italien. Sie ermöglichten es rund 700 Personen wohlbehalten nach Italien einzureisen.

 

Frankreich reagiert nun seinerseits auf das Flüchtlingselend, indem es im Beisein des Präsidenten der französischen Republik, des Innenministers und des Außenministers ein vergleichbares Abkommen schließt. Im Rahmen des Projekts sollen innerhalb der nächsten 18 Monate 500 syrische und irakische derzeit im Libanon ausharrende Flüchtlinge nach Frankreich kommen, wobei „die bedürftigsten Personen“ (Familien mit Kindern, alleinstehende Frauen, alte und kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen) bevorzugt ausgewählt werden. „Wie auch die 700 nach Italien eingereisten Flüchtlinge werden sie nach einer Ausreisekontrolle mit dem Flugzeug fliegen und nicht unter Einsatz ihres Lebens auf Booten über das Meer reisen müssen“, betont Sant‘Edgidio. In Frankreich werden sie von den fünf projekttragenden Organisationen empfangen: der Gemeinschaft Sant’Egidio, dem Französischen Evangelischen Kirchenbund, der Französischen Bischofskonferenz, Die Entraide Protestante und dem Wohlfahrtsverband Secours Catholique.

 

„Ich wollte, dass die Unterzeichnung dieses Projekts der solidarischen Aufnahme von Flüchtlingen im Elysée-Palast stattfindet, da es eine Initiative ist, die im Einklang mit den französischen Werten steht“, so die Begrüßungsworte des französischen Präsidenten anlässlich der Unterzeichnung im Elysée-Palast. „Die Verfassung der Republik“, fügte Hollande hinzu, „erkennt das Asylrecht an und verpflichtet den Staat und seine Bürgerinnen und Bürger: dabei geht es um eine rechtliche Verpflichtung, aber auch um eine moralische, nationale und internationale Pflicht.“

 

Gemäß den Worten des französischen Präsidenten „braucht es neue Lösungen, sowohl von Seiten der Institutionen als auch von Seiten der Zivilgesellschaft“, um eine „beispiellose Flüchtlingswelle“ aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika zu bewältigen, die „aufgrund von Konflikten, Elend und Klimaveränderungen“ entstanden ist. „Gleichgültigkeit, aber auch Intoleranz müssen bekämpft werden“, so die abschließenden Worte von Hollande, der zudem vor denen warnte, „die Ängste unter den Menschen schüren“.

 

Der ebenfalls zur Unterzeichnung des Abkommens erschienene Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, Andrea Riccardi, erklärte: „Die Erfahrungen mit humanitären Korridoren zeigen, dass Integration besser schützt als Mauern. Die Unterzeichnung, der wir heute beiwohnen, ist ein Zeichen für Europa.“

 

Die nach Bedürftigkeit ausgewählten Flüchtlinge (alleinstehende Frauen mit Kindern, Alte, Menschen mit Behinderungen, Folteropfer) erhalten ein humanitäres Visum und ein Flugticket, mit dem sie nach Frankreich einreisen können. Dort werden sie von Gemeinden, Pfarreien und Privatleuten aufgenommen und es werden umgehend die Weichen für ihre Integration gestellt, beginnend mit der Möglichkeit, die französische Sprache zu erlernen.

 

„Heute wird ein gemeinsamer Traum wahr, von dem wir hoffen, dass er auf andere europäische Länder übergreift“, erklärte die Präsidentin der Gemeinschaft Sant’Egidio in Frankreich, Valérie Régnier. „Die humanitären Korridore zeigen, dass es eine Alternative zu den Reisen der Verzweiflung gibt und dass wir etwas gegen die Gleichgültigkeit und die Scham über so viele Tote im Mittelmeer tun können.“

 

„Es sind der Frieden und die Zukunft Europas, die auf dem Spiel stehen, und wir kämpfen dafür, dass Europa der Kontinent des Friedens bleiben kann“, führte die Verantwortliche von Sant’Egidio in Frankreich weiter aus. Dabei unterstrich sie „die staatsbürgerliche Verantwortung, diejenigen, die vor dem Krieg fliehen, aufzunehmen und zu integrieren.

 

François Clavairoly, Präsident des Französischen Evangelischen Kirchenbunds, sprach der Gemeinschaft Sant’Egidio seine Anerkennung für ihren Einsatz im Rahmen eines Projekts aus, das angesichts einer geschwächten und geteilten Gesellschaft hohe Wertschätzung verdiene. „Das Flüchtlingsdrama stellt die republikanischen Werte auf den Prüfstand“, so Clavairoly. „Die humanitären Korridore dagegen sind das Symbol einer engagierten Gesellschaft“.

 

Der Generalsekretär des Wohlfahrtsverbands Secours Catholique, Bernard Thibaud, bekräftigte, dass viele Franzosen bereit seien, Flüchtlinge willkommen zu heißen und damit der Versuchung widerstehen, sich abzuschotten und der Wegwerfkultur Raum zu lassen“.

 

Céline Francis

Gemeinschaft Sant’Egidio

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Siehe auch den Online-Artikel in französischer Sprache auf der Internetseite von Cathobel

 

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