Sonntag 22. April 2018
#214 - April 2018

„Ich träume von einem solidarischen und sozialen Europa, das voranschreitet“

Der Erzbischof von Luxemburg, Msgr. Jean-Claude Hollerich, ist der neue Präsident der COMECE. Im nachfolgenden Interview spricht er von seiner Vision eines Europas, das den Bürgerinnen und Bürgern Gehör schenkt. Er fordert eine kollektive und dynamische Intelligenz, um den Herausforderungen, vor denen die Europäer stehen, begegnen zu können.

  • Welche Prinzipien liegen Ihnen besonders am Herzen?

Meine Zeit in Japan hat mich ein wichtiges Prinzip gelehrt, das es im Leben zu respektieren gilt: Harmonie. Jeder muss einen Platz haben und es ist nicht gut, wenn jemand auf Kosten anderer allzu viel Raum einnimmt. Das gilt für die Menschen, das gilt auch für die Länder. Ich glaube, dass die EU ohne diese Harmonie Probleme haben wird. Auch das Prinzip der Solidarität und die Sorge für die Armen sind für mich zentrale Werte.

  • Stehen die Katholiken in Ihrem Land dem europäischen Projekt positiv gegenüber?

Ja, wie viele Luxemburger bin ich von ganzer Seele Luxemburger und stolz darauf. Gleichzeitig bin ich Europäer, und auch darauf bin ich stolz.

  • Sie sind sich dessen bewusst, dass dies nicht überall in Europa der Fall ist, dass einige Bürger den Eindruck haben, dass diese beiden Identitäten nur schwer miteinander zu vereinbaren sind?

Die Frage der Identität ist für Europa von wesentlicher Bedeutung. Wir müssen zeigen, dass die europäische Identität keine Bedrohung für die nationale Identität darstellt. Identitäten spielen heutzutage eine wichtige Rolle. Angesichts großer Veränderungen wollen die Menschen eine klare Identität haben. Nationale Identität ist nicht schlecht an sich, aber sie muss immer offen für andere sein. Eine Identität muss „im Dialog“ bleiben und darf sich anderen gegenüber nicht verschließen. Wir müssen den Identitäten in Europa ihren Platz einräumen, aber immer um Dialog und Offenheit bemüht sein.

  • Dieses Argument könnte die anderen Europäer überzeugen. Sollten wir nicht stärker an die Herzen der Europäer appellieren? 

Ich denke, dass wir als Vertreter Europas eine gewisse Bescheidenheit an den Tag legen müssen. Mitunter hat man den Eindruck, dass die Bürger und Verantwortlichen der westlichen EU-Länder die anderen belehren wollen. Natürlich haben die Bürger eines mittel- oder osteuropäischen Landes die gleiche europäische Staatsbürgerschaft wie ein Luxemburger, ein Deutscher oder ein Franzose. Demut ist wirklich von grundlegender Bedeutung.

 

Vor kurzem war ich in Albanien, ein Land, das Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft hat. Ich habe bei den Albanern eine zwiespältige Haltung verspürt: Sie freuen sich darauf, eines Tages der EU beitreten zu können, befürchten aber, dass ihre Werte und ihre Identität anschließend nicht mehr ausreichend berücksichtigt werden. Ich denke nicht, dass das der Fall sein wird. Aber diese Sorge muss im Mittelpunkt des Handelns der Männer und Frauen bleiben, die heute in Europa Politik machen.

  • Sind Sie der Meinung, dass die europäischen Institutionen den Reichtum der Beitrittsländer stärker berücksichtigen sollten, um mit ihnen in einen Dialog treten und aus ihrer Geschichte lernen zu können?

Ja, dieser Meinung bin ich. Wir haben das Glück, äußerst kompetente europäische Beamte zu haben, und ich bewundere sie. Sie haben Regeln zu befolgen. Aber wenn man sich in einem Diskurs befindet, läuft man Gefahr, die anderen, parallel bestehenden Diskurse zu übersehen, was zu Spannungen führen kann. Wir müssen immer offen sein für andere Diskurse. Natürlich sind die europäischen Institutionen an die Verträge gebunden. Die europäischen Bürger müssen auch die Fürsorge und das Herz dieser Institutionen spüren können.

  • Vielleicht ist dies eine weitere Facette des Aufrufs von Jacques Delors, „Europa eine Seele zu geben“?

Um die Bürger zu überzeugen, müssen wir einen neuen europäischen Diskurs wagen, der über einen juristischen oder politischen Diskurs hinausgeht. In all unseren Ländern wird Europa von einer bestimmten Elite, die in der Lage ist, diesen Diskurs zu verstehen, sehr geschätzt. Aber wir leben in einer Demokratie und das bedeutet, dass jeder Mensch wichtig ist. Wir müssen auf allen Ebenen überzeugen, und dafür dürfen wir nicht nur den Verstand, sondern wir müssen auch das Herz ansprechen. Deshalb sprach Jacques Delors von der Notwendigkeit, „Europa eine Seele zu geben“.

  • Ist es dies, was die Kirchen in ihren Dialog mit der EU einbringen könnten?

Ja, ich denke schon. Die Kirche ist auf allen Ebenen der Gesellschaft und in ganz Europa präsent. Ein Bischof kennt sowohl die Sorgen der einfachen Bevölkerung als auch die der Eliten. Er muss sich für diejenigen einsetzen, die keinen Zugang zu den europäischen Institutionen haben. Wir können den Entscheidungsträgern helfen, das Ziel des europäischen Projekts nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Die Kirche unterstützt das europäische Projekt ausdrücklich. In der Soziallehre der Kirche spielt das Gemeinwohl eine zentrale Rolle. Ein europäisches Gemeinwohl ohne gemeinsame Institutionen ist nur schwer vorstellbar.

  • Von welchem Europa träumen Sie?

Ich träume von einem solidarischen und sozialen Europa, das voranschreitet. Ich träume von einem Europa, das sich nicht scheut, angesichts der Konflikte in der Welt eindeutig Position zu beziehen und sich mit aller Kraft für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen. Aber ich möchte kein Europa, das anderen vorschreibt, was sie tun sollen. Europa muss sich engagieren, zuhören und stark genug sein, um das Gemeinwohl aller Völker zu schützen.

 

Von Anfang an war die Idee Europas mit dem Frieden verbunden. Das bedeutet aber, dass wir uns nicht mit schönen Worten begnügen dürfen, unser Handeln muss sich in einer Außenpolitik niederschlagen, die sich für den Frieden einsetzt. Ich möchte kein Europa, das Barrieren errichtet, damit Arme und Flüchtlinge nicht mehr einreisen können, sondern ein Europa, das Afrika partnerschaftlich zur Seite steht, damit die Menschen in ihren Heimatländern bleiben können. Anstatt in die „Festung Europa“ zu investieren, sollten wir uns um die Entwicklung Afrikas kümmern.

  • Wie steht es um die Frage der Waffenverkäufe? In vielen aktuellen Konflikten, ob in Syrien oder im Jemen, töten europäische Waffen Zivilisten. Wie stehen Sie hierzu?

Wenn wir von europäischen Werten sprechen und gleichzeitig unsere Waffen auf die eine oder andere Weise in Länder mit bewaffneten Konflikten gelangen, ist dies inakzeptabel.

Hier brauchen wir mehr Kohärenz. Wir können nicht über europäische Werte sprechen und gleichzeitig von Konflikten profitieren, damit einige sich bereichern können. Dies ist unmoralisch und verstößt eindeutig gegen unsere Werte.

  • Welchen Beitrag können Christen zu diesem Europa der Solidarität und des Friedens leisten? 

Zunächst einmal müssen die Katholiken zu den Urnen gehen, das ist eine Bürgerpflicht. Wenn in einer Demokratie niemand wählen geht, ist es die Demokratie, die verliert, unabhängig vom Ausgang der Wahlen.

 

Zweitens sollten sich Christen in der sozialen und politischen Welt engagieren. Als Christen bilden wir keine in sich geschlossene Gesellschaft, sondern wir müssen uns Seite an Seite mit allen Menschen guten Willens engagieren und gemeinsam daran arbeiten, dass es etwas mehr Gerechtigkeit und Frieden gibt. Als Bischof fällt es mir recht leicht, Wertvorstellungen zu formulieren, und das ist eine gute Sache. Aber Politik ist immer eine Frage des Machbaren..

  • Sie haben eine klare Vision für Ihre Aufgabe als Präsident der COMECE.

Ja, aber ich bin nicht allein. Ich habe vier Vizepräsidenten an meiner Seite. Es ist sehr wichtig, dass wir uns absprechen und die Kontakte mit den Bischofskonferenzen zu diesen europäischen Fragen intensivieren. Wir müssen in der Lage sein, die Standpunkte der katholischen Kirchen in der EU nachdrücklich zu vertreten.

 

Darüber hinaus hoffe ich, dass sich meine heutige Vision von Europa stets weiterentwickeln wird. Wenn man meint, alles zu verstehen, versteht man für gewöhnlich gar nichts. Wir brauchen eine Intelligenz, die die neuen Gegebenheiten wirklich erfassen kann, um sich immer stärker an sie anzupassen. Diese Intelligenz kann nicht das Werk einer einzelnen Person sein. Daher bilden wir eine kleine Präsidentschaft, bestehend aus fünf Personen, die aus unterschiedlichen Regionen Europas kommen, sowohl aus kleinen als auch aus großen Ländern. Damit wir die Situation wirklich verstehen, eine Antwort geben und in einen echten Dialog eintreten können.

  • Meinen Sie eine dynamische Intelligenz, da Europa mit ständigen Veränderungen konfrontiert ist?

Wir befinden uns in einem tief greifenden Zivilisationswandel. Die Globalisierung und die digitale Revolution verändern unser Denken. Wir alle, Männer und Frauen der Kirche, Politikerinnen und Politiker, müssen darüber nachdenken, wie wir die Demokratie in dieser neuen Welt wahren können. Wenn Europa gegen populistische Exzesse ankämpfen will, wird es nicht umhinkommen, einen grundlegenden Reflexionsprozess anzuregen. Ein solcher Prozess wird die Demokratien in Europa stärken, in einer Welt, die völlig anders ist als die, die wir bisher gekannt haben.

 

Jeder Mann und jede Frau neigt immer dazu, die Welt entsprechend der eigenen Geschichte zu interpretieren. Was normal ist. Es kommt jedoch eine Zeit, in der diese Vergangenheit, immer wieder neu gedacht und überdacht, so viel Raum einnimmt, dass wir die neuen Herausforderungen vor unserer Haustür nicht mehr sehen. Ich hoffe, dass viele Menschen für uns, die Bischöfe, beten, damit wir diese neuen Herausforderungen nicht aus dem Auge verlieren und nicht nur zurück, sondern nach vorne blicken und uns für das Gemeinwohl einsetzen.

 

Das Interview führte Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ

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Darstellung:
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