Mittwoch 17. Oktober 2018
#216 - Juni 2018

„Ihr werdet meine Zeugen sein“

So lautet das zentrale Thema der Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), die vom 31. Mai bis 6. Juni im serbischen Novi Sad stattfindet. Interview mit dem Generalsekretär der KEK, Pater Heikki Huttunen.

Welche Rolle und Aufgabe hat die KEK?

 

Die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) ist eine ökumenische Organisation, was bedeutet, dass die Grundlage unserer Mitgliedschaft ökumenisch ist. Unsere Mitglieder sind Kirchen, die sich mit dem Glauben an Jesus Christus als Herrn und Heiland gemäß der Schrift identifizieren können und bereit sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, den zentralen Gestalten des christlichen Glaubens, zu handeln. Das ist der gemeinsame Nenner unserer Mitgliedschaft.

 

Sinn und Zweck unserer Organisation ist die sichtbare Einheit der Kirche Christi. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit unserem gemeinsamen Glauben, der in der ökumenischen Vision des Evangeliums verwurzelt ist, bei der Verfolgung unseres gemeinsamen Ziels, der Einheit der Kirche Christi, der gesamten Menschheit wirksam und glaubwürdig Zeugnis geben und ihr dienen können.

 

Wir glauben, dass unser christliches Zeugnis und unser Dienst glaubwürdiger, bedeutsamer, hilfreicher und effektiver werden, wenn sie im Geist der Ökumene erfolgen. Wir glauben, dass christliche Kirchen trotz ihrer Unterschiede zusammengehören. Und wir glauben, dass wir alle voneinander lernen können.

 

Wie schafft es die KEK, das Gleichgewicht zwischen Ost und West, protestantischen, orthodoxen und anglikanischen Mitgliedern zu wahren und ihrer Vielfalt gerecht zu werden?

Wir haben 115 Mitgliedskirchen in 40 Ländern, die unter anderem der anglikanischen, protestantischen und orthodoxen Tradition angehören. Sie vertreten eine große Vielzahl von Kirchen. Unser Netzwerk umfasst auch Nationale Kirchenräte in fast 20 Ländern, zu denen auch die katholische Kirche gehört.

 

In unserem Streben nach Gleichgewicht geht es uns nicht nur um die kirchlichen Traditionen, sondern auch um die Repräsentation von Frauen und Männern, jungen und älteren Menschen. Für unsere Arbeit ist es sehr wichtig, dass wir diese Gleichgewichte halten. Wir versuchen, nicht nur für eine Art kirchlicher und christlicher Erfahrung zu sprechen.

 

Allerdings dominiert in unserer Region trotz allen Bemühens um Gleichgewicht oftmals die westeuropäische Sichtweise. Die Ost- und Südeuropäer, so haben wir festgestellt, fühlen sich oft ignoriert und ausgegrenzt. Selbst im Norden, wo ich herkomme, ist die Situation anders als im Westen. Doch stellt sich die Frage, wo, wenn nicht im Rahmen der ökumenischen Bewegung, es gelingen kann, allen Menschen eine gleichberechtigte Stimme zu verleihen. Für uns ist es außerordentlich wichtig, alle mit einzubeziehen. Dieser Gedanke ist unser ständiger Begleiter.

 

Welches Ergebnis erwarten Sie von der Vollversammlung in Novi Sad?

Wir erwarten, dass die Vollversammlung 2018 in Novi Sad die Zukunft Europas absteckt und zum Ausdruck bringt. Die Vollversammlung vom 31. Mai bis 6. Juni in Serbien wird sich mit dem Thema „Ihr werdet meine Zeugen sein“ beschäftigen, wobei der Schwerpunkt auf den Unterthemen Gerechtigkeit, Zeugnis und Gastfreundschaft liegt.

 

Persönlich hoffe ich, dass es den hochrangigen Rednern bei der Veranstaltung gelingen wird, die Delegierten und Teilnehmer zu einer Diskussion über das Wesen der christlichen Präsenz in Europa zu bewegen und zu inspirieren. Diese Diskussionen haben einen hohen Eigenwert und werden eine fundierte Grundlage für die Entscheidungen bilden, die wir über die Zukunft der KEK treffen müssen. Dieser Prozess wird die Schwerpunkte für die Arbeit setzen, die die KEK in den kommenden fünf Jahren leisten wird. Wir werden auch einen neuen Vorstand und neue Präsidenten wählen, aber noch wichtiger wird die Richtung sein, die die Versammlung in Novi Sad für die Arbeit der KEK vorgeben wird.

 

Was sind die wichtigsten Herausforderungen, vor denen die KEK in der nächsten Zeit steht?

 

Als ökumenische Organisation müssen wir unsere Rolle gegenüber den Kirchen neu definieren und unsere Mitgliedskirchen von unserem Mehrwert überzeugen. Wir sind keine selbstverständliche Einrichtung, also müssen wir relevant sein und unseren Mitgliedern etwas bieten, mit dem sie sich verbunden fühlen. Wir sind eine Dienstleistungsorganisation, die sich in ihrer Struktur von den Kirchen, die als eigenständige Organisationen existieren, unterscheidet. Das ist unsere eigene interne Herausforderung.

 

Die Europawahlen werden unsere Region in den Mittelpunkt rücken, gerade vor dem Hintergrund, dass das Vereinigte Königreich die EU nun verlässt, während gleichzeitig mehrere andere Länder versuchen, ihr beizutreten. Sind die Werte und Ziele des EU-Projekts noch klar? Wir sehen Anzeichen dafür, dass die Menschen davon überzeugt sind, dass wir als Teil der Welt zusammenhalten und eine verantwortungsvolle Zukunft für Europa aufbauen müssen. Der Rückfall in Nationalismus und Extremismus in ihren unterschiedlichen Ausprägungen bereitet uns große Sorge. Ich hoffe, dass unsere Mitgliedskirchen eine wichtige Rolle bei der Lösung dieser Probleme in ihren Ländern spielen können. Wir sollten gegen Nationalismus, Rassismus und die Phänomene des demagogischen Populismus vorgehen. Die Kirchen müssen eine Alternative zu dieser Realität darstellen.

 

Unsere Politik in Europa beeinflusst unsere Nachbarn, weshalb die Unfähigkeit Europas, Frieden oder Stabilität in Ländern wie Libyen, Syrien, Irak und der Ukraine zu schaffen, sehr besorgniserregend ist. Eine wichtige Frage für uns als Kirchen ist, ob die europäische Politik ein größeres Bewusstsein für die globalen Probleme entwickeln wird. Wenn nicht, ist der Weg ins Verderben vorgezeichnet. Auch aus ökologischer Sicht müssen wir unsere Verantwortung gegenüber der ganzen Welt wahrnehmen.

 

Das Interview führte Johanna Touzel

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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