Friday 22. October 2021

Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt

Für Martin J. Wilde, Generalsekretär der Internationalen Vereinigung christlicher Unternehmer (UNIAPAC), sind Sprachunterricht und die Bewertung ihrer beruflichen Kompetenzen die wichtigsten Voraussetzungen für die Integration neu angekommener Migranten in unsere Gesellschaften.

19 Sep 2014 --- Construction worker working on roof beams --- Image by © zerocreatives/Westend61/Corbis

Die Krisen in Nahost und Afrika haben eine Flüchtlingswelle nach Europa und speziell Deutschland ausgelöst. Deutschland allein hat 2015 rund eine Million Migranten aufgenommen. Nicht alle werden dauerhaft bleiben, die meisten würden lieber zurückgehen in ihre Heimat. Ob und wann dies möglich wird, ist aber nicht absehbar. Deutschland richtet sich daher darauf ein, dass ein Großteil – wenn nicht der größte – bis auf weiteres bleibt. Auf der Basis früherer Erfahrungen läßt sich übereinstimmend feststellen, dass die Integration in die Gesellschaft nicht ohne Integration in den Arbeitsmarkt gelingen kann, und umgekehrt.

 

Einige Fakten

80% der Migranten sind unter 35 Jahre alt, die große Mehrheit männlich. Kaum jemand spricht deutsch, aber die meisten sind sehr arbeitswillig, denn sie wollen Geld nach Hause schicken. 70 bis 80% verfügen über keinerlei akademische oder formale berufliche Bildung. Gleichwohl verfügen die meisten über Arbeitserfahrungen, die aber schwer zu erfassen sind. Der deutsche Arbeitsmarkt braucht jedenfalls hochqualifizierte Fachkräfte (zum Beispiel Mechatroniker, keine Schlosser).

 

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit der Wiedervereinigung, die Beschäftigung mit 43,5 Millionen auf einem historischen Allzeithoch. Obwohl immer mehr Branchen den Fachkräftemangel spüren, finden auch deutsche Geringqualifizierte nur schwer einen Arbeitsplatz. Schätzungen gehen daher davon aus, dass nur 10 bis15% der Migranten relativ leicht in den Arbeitsmarkt integriert werden können.

 

Die größte Herausforderung ist die Sprache. Ohne das Beherrschen des Deutschen wird Integration nicht gelingen, weder in den Arbeitsmarkt noch in die Gesellschaft. Bis Ende 1015 haben sich ca. 220 000 Migranten für die öffentlich geförderten Integrationssprachkurse beworben. Eine zweite Herausforderung ist das Erfassen und Bewerten der nichtformalen beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen, womit es in Deutschland wenig Erfahrungen gibt. Es besteht aber ein Konsens, dass die Erlangung formaler Berufsqualifikationen der beste Weg für die langfristige Integration in den Arbeitsmarkt ist. Um diesen Prozess zu beginnen, bedarf es einer Menge vorbereitender Qualifizierungen. Darüber hinaus müssen sich die Migranten mit der auf den christlichen Werten beruhenden deutschen Kultur und dem freiheitlichen bis freizügigen Lebensstil zurechtfinden.

 

Notwendige Betreuung

Konkrete Hürden sind der oft unsichere rechtliche Status der Migranten und der neu eingeführte Mindestlohn. Da Qualifikation und Produktivität der meisten Migranten niedrig sind, sind viele Betriebe zurückhaltend, ihnen mehr zu zahlen, als sie für die Firma erwirtschaften können. Es ist daher vorgeschlagen worden, Migranten den Langzeitarbeitslosen gleichzustellen, für die bereits heute befristete Ausnahmen vom Mindestlohn gelten. Eine andere Schwierigkeit ist die Betreuung der Migranten bei den vielen alltäglichen Problemen wie der Wohnungssuche. Hier braucht es „Kümmerer“ von dritter Seite, denn die Betriebe wären damit überfordert, sich auch noch hiermit zu beschäftigen.

 

Eine Lösung liegt in der Bildung lokaler Kooperationsbündnisse. Unternehmen, Kammern und Verbände sowie Bildungs- und Sozialeinrichtungen müssen sich zusammentun und gemeinsam umfassende Unterstützungsangebote anbieten. In Stuttgart beispielsweise haben sich der Bund Katholischer Unternehmer (BKU), die Caritas und das Bildungswerk der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu einer Initiative zusammengeschlossen. Die Caritas betreut dort 2000 Migranten und wird unter diesen potenzielle Auszubildende auswählen. Das IHK-Bildungswerk wird diese dann in modularen Kursen auf eine Ausbildung vorbereiten, die dann in vom BKU gewonnenen Unternehmen einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz bekommen sollen. Die Caritas stellt darüber hinaus Freiwillige als „Kümmerer“, während der BKU unternehmensinterne Mentoren und Sponsoren sucht. Die Gesamtkoordination übernimmt die Caritas.

 

Martin J. Wilde

General Secretary/ UNIAPAC Europe / Bund Katholischer Unternehmer (BKU)

 

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