Montag 20. November 2017
Oktober Ausgabe #208

Interreligiöser Dialog und Integration

Migranten willkommen zu heißen ist nur der erste Schritt; der nächste Schritt besteht darin, Räume bereitzustellen und Aktivitäten anzubieten, durch die Integration und interreligiöser Dialog gefördert werden. Elena Dini hat in Rom miterlebt, wie so ein Dialog ganz konkret aussehen kann.

Wer einen Blick in die Zeitungen oder Fernsehnachrichten wirft, gewinnt einen Eindruck davon, was die öffentliche Diskussion in Italien und ganz allgemein in Europa dominiert. Terroristische Anschläge nähren weiterhin eine allgemeine Angst vor dem Islam, während neuere Vorfälle sexueller Gewalt durch Migranten und Mitglieder der zweiten Einwanderergeneration zu einer Ablehnung all jener beitragen, die anders sind und denen es anscheinend nicht gelungen ist, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren und unsere Werte anzuerkennen.

 

Interreligiöser Dialog: Eine Pflicht und eine Herausforderung

Jetzt gilt es zu zeigen, dass Dialog dem Wohl der Gesellschaft dienen kann. Papst Franziskus tritt der Auffassung entgegen, interreligiöser Dialog sei nur für eine interessierte Minderheit relevant, und er knüpft dabei an den seine Vorgänger an; in seinem Schreiben Evangelii Gaudium macht er deutlich, dass der „interreligiöse Dialog […] eine notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften” ist (EG, § 250). Doch wenn auch Dialog ein zentrales Element des christlichen Ansatzes ist und von vielen politischen und zivilgesellschaftlichen Institutionen sehr begrüßt wird, bleibt er dennoch das Anliegen einer kleinen Minderheit. Die wenigen Menschen, die im Bereich der interreligiösen Kommunikation geschult sind, werden so häufig um ehrenamtliche Unterstützung gebeten, dass sie immer weniger Zeit und Energie in jede einzelne Tätigkeit investieren können.

 

Zuweilen besteht auch die Gefahr, dass der interreligiöse Dialog oberflächlich bleibt, weil man sich nicht die Zeit nimmt, mehr über seinen Gesprächspartner und seine Religion zu erfahren. In anderen Fällen kommt es vor, dass Teilnehmer an interreligiösen Aktivitäten nicht fest in einer Glaubenstradition verwurzelt sind, so dass es schwierig ist, einen wirklich „interreligiösen“ Ansatz zu verfolgen. Und schließlich vertreten manche eine zunehmend ausgeprägte anti-islamische und fremdenfeindliche Haltung.

 

Im anderen einen Gläubigen mit einer eigenen Schönheit sehen

Nichtsdestotrotz gibt es viele konkrete Beispiele von Initiativen, in denen Christen und Muslime eingeladen sind, einander zu begegnen, sich näher kennenzulernen und sich auszutauschen. Die Herz-Jesu-Basilika (Basilica del Sacro Cuore di Gesù) liegt nahe dem Hauptbahnhof Roms, einem Treffpunkt für viele junge Flüchtlinge, die erst vor kurzem in der Stadt angekommen sind und noch keine Arbeit haben. Vor sieben Jahren beschlossen die dort ansässigen Salesianer Don Boscos, durch die Bereitstellung geeigneter Räume und die Organisation von Aktivitäten den Sozialisierungsprozess junger Flüchtlinge zu fördern, um Heranwachsenden und Bedürftigen zu dienen und ihnen zu helfen, so wie es auch der Gründer der Ordensgemeinschaft und der Niederlassung, der heilige Johannes Bosco, getan hat. Das Angebot der Basilika umfasst unter anderem eine Orientierungshilfe für junge Flüchtlinge, italienischen Sprachunterricht, Computerkurse sowie die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten, damit junge Italiener und Migranten miteinander in Kontakt kommen und zusammen Zeit verbringen können.

 

Der Großteil der ehrenamtlich tätigen Italiener ist katholisch, während die meisten Flüchtlinge muslimischen Glaubens sind. Es kam der Wunsch auf, die geknüpften Kontakte zu vertiefen und mehr über den Glauben des jeweils anderen zu erfahren; wir haben daher eine Reihe interreligiöser Begegnungen ins Leben gerufen, denn wir sind überzeugt davon, dass es wichtig ist, den „Fremden“ nicht nur mit seiner nationalen und ethnischen Herkunft, sondern auch mit seinem religiösen Anderssein willkommen zu heißen. Im Fremden begegnen wir Christus selbst, wie die Teilnehmer der ökumenischen Konferenz zur Gastfreundschaft im Kloster Bose uns erst kürzlich deutlich machten. Dies ist kein einseitiger Prozess: In Italien ankommende Migranten müssen nicht nur ihre eigene kulturelle und religiöse Identität ausdrücken können, sondern auch gleichzeitig erfahren und entdecken können, was es für die einheimische Bevölkerung bedeutet, Italiener, Christ, Jude oder Atheist zu sein. Findet ein solcher Austausch nicht statt, erscheint die Schaffung einer gemeinsamen Gesellschaft wenig wahrscheinlich.

 

Nach vorne schauen

In einer in religiöser Hinsicht zunehmend vielfältigen Gesellschaft ist Dialog sowohl ein Weg als auch ein Ziel. Dialog ist ein Weg hin zu einer tieferen Beziehung zum anderen und zu einer von gegenseitigem Respekt geprägten Gesellschaft, und zugleich ist er ein Ziel an sich. So unterstrich Papst Benedikt XVI. während seiner Apostolischen Reise nach Benin 2011 die Bedeutung des interreligiösen Dialogs: „Wir führen […] den Dialog, weil wir an Gott glauben, den Schöpfer und Vater aller Menschen. Einen Dialog zu führen ist eine weitere Art und Weise, Gott zu lieben und den Nächsten in der Liebe zur Wahrheit.“

 

Eine aus soziologischer und auch politischer Sicht interessante Studie von Olivier Roy, die sich mit der Identität der neuen Generation junger, in Europa aufgewachsener Dschihadisten befasst, unterstreicht ebenfalls die Notwendigkeit, in Dialog, Bildung und Aktivitäten zu investieren, um Sozialisierung und Begegnung zu ermöglichen.

 

Wir wissen, wie sehr das Thema der Migration Papst Franziskus am Herzen liegt. Migranten sollten in einem Land nicht nur akzeptiert werden, sie müssen auch integriert werden, wie er auf dem Rückflug von Kolumbien nach Rom erklärte. Seine Botschaft zum Welttag des Migranten und Flüchtlings 2018 geht in dieselbe Richtung. Alle Botschaften für einen Welttag werden vom Papst bereits Monate zuvor veröffentlicht. Dadurch haben wir Zeit, über seine Worte nachzudenken und sie umzusetzen. Unsere Welt braucht ein Engagement in den vier Handlungsfeldern, die von Papst Franziskus vorgeschlagen werden: aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren.

 

Elena Dini

Koordinatorin der interreligiösen Begegnungen in der Herz-Jesu-Basilika in Rom

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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