Montag 20. November 2017
Oktober Ausgabe #208

Interview mit drei Bischöfen aus England und Wales

Was sind die wichtigsten Anliegen der katholischen Bischöfe des Vereinigten Königreichs im Zusammenhang mit der derzeitigen EU-Debatte? Henry Longbottom SJ traf mit drei Bischöfen zusammen, um dieser Frage nachzugehen.

Am 25. und 26. September 2017 fand bei der COMECE ein zweitägiger Besuch einer Delegation der Abteilung für internationale Angelegenheiten und Zusammenarbeit der Katholischen Bischofskonferenz von England und Wales statt. Die Delegation wurde vom Generalsekretär der COMECE, Olivier Poquillon OP, willkommen geheißen und über die Aktivitäten der COMECE informiert. Anschließend, traf sie mit dem Apostolischen Nuntius bei der EU, Erzbischof Alain Paul Lebeaupin, und anderen prominenten EU-Vertretern und -Beamten zusammen. Der nachfolgende Artikel basiert auf einem Interview mit drei Mitgliedern der bischöflichen Delegation, Bischof Tom Burns, Bischof Nicholas Hudson und Bischof Paul McAleenan.

 

Die Rolle der katholischen Kirche im Rahmen der Gespräche über die zukünftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU

Bischof Hudson, Weihbischof im Erzbistum Westminster und Mitglied der Abteilung für europäische Angelegenheiten der Katholischen Bischofskonferenz von England und Wales, verwies auf den Appell von Papst Franziskus an Europa, seine Berufung zur Förderung der Würde des Menschen wiederzuentdecken und unterstrich, Europa sei nicht nur eine wirtschaftliche Einheit, sondern – viel wichtiger noch – ein menschliches Projekt. Aufgabe der Kirche sei es, so Hudson, genau dies in den Diskussionen und Entscheidungen über die Zukunft Europas hervorzuheben.

 

Bischof Burns, Oberhaupt des walisischen Bistums Menevia, betonte, die Rolle der Kirche bestehe darin, die politischen Entscheidungsträger in der ethischen Dimension ihrer Arbeit zu unterstützen. Die Kirche verfüge in vielen Fragen wie etwa der Flüchtlingskrise über unmittelbare Erfahrungen, die es ihr erlaubten, den Verantwortlichen richtungsweisend zur Seite zu stehen. Die Herausforderung für die Kirche bestehe darin, Politiker und andere Verantwortliche, die innerhalb kurzer Zeit Entscheidungen zu treffen hätten, zeitgerecht und klug zu beraten. Mit Blick auf die Verteidigung seien die ethischen Dimensionen der neuen Formen der Kriegsführung wie intelligente Waffen und Langstreckenraketen in einem gesamteuropäischen Rahmen zu betrachten.

 

Bischof McAleenan, Weihbischof des Erzbistums Westminster und Vorsitzender des Caritas- Beratungsausschusses von Westminster, betonte die Notwendigkeit, den Reichtum und die kulturelle Vielfalt, zu denen die EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs maßgeblich beigetragen habe, zu wahren. Er verwies insbesondere auf die Entwicklung, die die Wirtschaft der Republik Irland in den vergangenen 30 Jahren erlebt habe, und unterstrich die wichtige Rolle, die die EU bei der Förderung von Solidarität mit den ärmeren Ländern spiele.

 

Besondere Anliegen mit Blick auf den geplanten Brexit

Der anstehende EU-Austritt Großbritanniens wirft eine Reihe grundlegender Fragen auf, insbesondere im sozialen Bereich. Welche Themen erachten die Bischöfe als Hirten multikultureller und oftmals multi-ethnischer Gemeinschaften aus katholischer Sicht für besonders wichtig?

 

Bischof Hudson bereitet die Frage der Einhaltung der Menschenrechtsstandards durch sein Land Sorge, ebenso wie das Problem potenziell unterschiedlicher Standards in den verschiedenen europäischen Ländern. Dies gelte insbesondere für die Rechte von Inhaftierten, die für die Kirche von besonderem Interesse seien, da ein hoher Anteil der EU-Bürger, die keine Staatsangehörigen des Vereinigten Königreichs sind und die in Großbritannien ein Haftstrafe verbüßen, römisch-katholisch seien. Maßnahmen zum Schutz der Menschenwürde von Inhaftierten und ihrer Familien würden oft auf EU-Ebene eingeleitet. Im Falle des EU-Austritts sei darauf hinzuwirken, dass bestimmte Regeln auch weiterhin gelten. So sollten beispielsweise Verurteilte weiterhin das Recht haben, eine Präferenz für das Land zu äußern, in dem sie ihre Haftstrafe verbüßen wollen. Derartige Maßnahmen dienten dem Schutz des ganzen Landes, da sie die soziale Integration förderten.

 

Rückblickend auf seine Erfahrungen als Militärbischof sprach Bischof Burns über den kulturellen Reichtum, den der Kontakt mit anderen europäischen Kulturen mit sich bringe. Er hob hervor, welche Bedeutung Europa als großer „Weinberg der Kulturen“ für viele in anderen EU-Ländern stationierte Soldaten habe. Die Chance, von anderen zu lernen, Ideen auszutauschen und Vorurteile abzubauen, sei etwas sehr Wertvolles, das niemals verloren gehen dürfe. Bischof Burns verwies darauf, dass das Schließen von Grenzen niemals im Interesse der Kirche sei, die stets einen universellen Ansatz verfolge.

 

Zweck des Brüssel-Besuchs

Bischof Burns erläuterte, Ziel des Brüssel-Besuches seiner Delegation sei es, mehr über die Arbeit der COMECE in Erfahrung zu bringen und Möglichkeiten zu erörtern, wie die Katholische Bischofskonferenz von England und Wales einen Beitrag zu den derzeitigen und zukünftigen Aktivitäten der COMECE leisten könne. Er gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass es Organisationen wie die COMECE gebe, die an der Schnittstelle zwischen Politik und dem Leben der einfachen Bevölkerung stünden und alles in ihrer Macht stehende täten, um das öffentliche Gemeinwohl zu stärken. Bischof McAleenan schloss sich diesen Überlegungen an und betonte, er erachte den Einsatz der Kirche zur Förderung des öffentlichen Gemeinwohls als Teil ihrer Aufgabe, die darin bestehe, „den Menschen zu begleiten“.

 

Bischof Hudson unterstrich, die katholische Kirche in England und Wales werde unabhängig davon, welchen Status das Vereinigte Königreich mit Blick auf die EU haben werde, stets Teil der europäischen Kirche bleiben. Daher werde sich auch nichts an den bestehenden Beziehungen zwischen der Katholischen Bischofskonferenz von England und Wales und der COMECE ändern, diese seien eher noch weiter zu vertiefen.

 

Die Bischöfe betonten übereinstimmend, angesichts des für Ende Oktober in Rom geplanten Dialogforums der COMECE und des Vatikans „Europa neu denken“ sei der Zeitpunkt ihres Besuchs passend gewählt worden.

 

Henry Longbottom SJ

JESC

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