Freitag 18. August 2017

Iran und Saudi-Arabien: Die religiösen Wurzeln eines politischen Konflikts

Der Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien hat politische, wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Wurzeln, die bis in die Anfänge des Islam zurückreichen. Dieser Konflikt hat sich im Laufe der Geschichte verschärft und wird immer erbitterter geführt.

Seit nunmehr einem Jahr liefern sich der Iran und Saudi-Arabien erbitterte Kämpfe im Jemen, wobei eine Seite die jemenitischen Sunniten und die andere die dortigen Schiiten unterstützt. Auch beim Bürgerkrieg in Syrien sind in ähnlicher Weise wiederum diese beiden Länder involviert; zwar ist der Islamische Staat ihr gemeinsamer Gegner (er bezeichnet die Schiiten als Ungläubige und die saudische Monarchie aufgrund ihres Bündnisses mit den USA als illegitim), doch während der Iran auf Seiten der syrischen Regierung von Baschar al-Assad kämpft, unterstützt Saudi-Arabien bewaffnete oppositionelle Gruppen.

 

Beide Länder kämpfen um die Vormachtstellung in ihrer Region. Seit der Islamischen Revolution von Khomeini wird der Iran von den USA zur sogenannten „Achse des Bösen” gezählt, und aus Angst vor einer Ausbreitung dieser Revolution baten die Saudis die Vereinigten Staaten um militärische Unterstützung im Gegenzug für die Zusicherung günstiger Öllieferungen. Diese unnatürliche Allianz hat zum einen dazu geführt, dass die Europäische Union die Augen vor den umfassenden und systematischen Menschenrechtsverletzungen durch die Saudis verschließen musste, und zum anderen dazu, dass der Iran und Syrien den Sowjets überlassen wurden. Jetzt, wo die EU auf Unterstützung durch den Iran angewiesen ist, um den IS zu stoppen, und dank Fracking weniger stark vom saudi-arabischen Öl abhängig ist, bemüht sich der Westen um eine neutralere Positionierung in diesem Konflikt.

 

Die Ursprünge des Konflikts

Wenn wir uns die Frage stellen, wie es eigentlich zu dem Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien gekommen ist, so müssen wir in die Vergangenheit reisen. Im frühen 19. Jahrhundert kam es nach dem Aufstieg des ersten saudischen Staates zu einer systematischen Zerstörung schiitischer Mausoleen; diese wurde religiös-ideologisch legitimiert, indem man den Schiiten vorwarf, durch ihre Wallfahrten zu den Propheten, Imamen und Heiligen sterbliche Menschen wie Götter zu behandeln und sich somit des „Schirk“ schuldig zu machen, eines aus muslimischer Sicht unverzeihlichen Verbrechens.

 

Stellen wir die Frage nach den Ursprüngen der rigoristischen Haltung Saudi-Arabiens, dann lässt sich die Antwort darauf in der fundamentalistischen Reform des sunnitischen Islam finden; diese neue religiöse Lehre wurde im 18. Jahrhundert von Abd al-Wahhab gepredigt und im 20. Jahrhundert vom Königreich Saudi-Arabien übernommen. Daher wird der in Saudi-Arabien praktizierte Islam als Wahhabismus bezeichnet; diese Spielart des Islam haben sich übrigens auch die Taliban, Al-Qaida und der Islamische Staat zu eigen gemacht. Das saudi-arabische Königreich des 18. Jahrhunderts wurde als Gegenpol zum Osmanischen Reich und zum safawidischen Persien errichtet, wo im frühen 16. Jahrhundert erstmalig in einem Land die Schia zur Staatsreligion erhoben wurde. Persien befand sich bereits Mitte des 18. Jahrhunderts in einer Krise, hatte aber zuvor schiitische Minderheiten in Afghanistan, Pakistan und Syrien sowie schiitische Mehrheiten in Bahrain und im Irak angesiedelt.

 

Geht man noch weiter in die Geschichte zurück, so stellt man fest, dass die Schiiten im 10. Jahrhundert nicht mehr von den Sunniten verfolgt wurden und sogar die damals wichtigsten Machtzentren des Islam unter ihre Kontrolle brachten. Zu jener Zeit strebten die Schiiten danach, sich selbst als eine orthodoxe Form des Islam darzustellen, was ihnen nach ihrem Verständnis die Legitimation verlieh, über die sunnitische Bevölkerungsmehrheit zu herrschen.

 

Zu diesem Zweck hoben sie das Verbot der Teilnahme von Schiiten am politischen Leben auf (diese galt zuvor als Kollaboration mit den Sunniten) und gaben jenen theologischen Standpunkt auf, der sie bislang am stärksten von den Sunniten trennte – nämlich die Überzeugung, letztere verdrehten den Koran. Von dieser Zeit an akzeptierten die Schiiten den sunnitischen Koran als das Buch, das wirklich Mohammed offenbart worden war, während sie gleichzeitig weiter darauf beharrten, dass Ali von Mohammed zu seinem Nachfolger erkoren worden sei. Vor dem 10. Jahrhundert hatten die größten schiitischen Führer den Sunniten nicht nur vorgeworfen, eine Reihe von Texten aus dem Koran entfernt zu haben, sondern darüber hinaus die Bedeutung der Schriften ungefähr so verzerrt zu haben, wie Juden und Christen die Quellen ihrer eigenen Offenbarung verdreht hätten.

 

Ein Machtkampf zwischen zwei Völkern

Dies war eine sehr gravierende Beschuldigung und führte zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert dazu, dass die Schiiten in den Untergrund gedrängt und von den sunnitischen Kalifen verfolgt wurden. Ein weiterer Grund für ihre Verfolgung war, dass die schiitischen Führer, die Imame, mit den Propheten selbst mehr oder weniger gleichgesetzt wurden. Dieser Aspekt schiitischer Theologie lässt sich vermutlich darauf zurückführen, dass Elemente der früheren persischen Kultur mit ihrem Zoroastrismus und Manichäismus in den Islam einflossen.

 

Sollte diese Hypothese tatsächlich zutreffen, dann musste es zwangsläufig zu einem Machtkampf zwischen zwei Völkern kommen, als die Schiiten die Legitimität der Macht von Mohammeds Schwiegersohn und Cousin Ali verteidigten; eine weitere Folge bestand in der Herausbildung einer neuen Weltanschauung, die vom früheren – schiitischen (in Ostarabien) und sunnitischen (in Westarabien) – Islam derart abwich, dass sie einen solchen Kampf rechtfertigte. Die Sunniten gingen aus diesem Machtkampf als Sieger hervor. Ali und seine Söhne wurden ermordet, und ihr Blut fließt immer noch, wenn sich die Schiiten im Gedenken an diese Toten selbst geißeln und mit langen Messern verwunden.

 

Jaume Flaquer SJ

Jesuit, Verantwortlicher für den Bereich Theologie am Studienzentrum Cristianisme i Justícia in Barcelona und Experte für Islamische Studien

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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