Samstag 24. Juni 2017
December issue #199

Jugendarbeitslosigkeit in Spanien aus Sicht eines Bischofs

Wie wird sich die Tatsache, dass eine ganze Generation junger Menschen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen ist, langfristig auswirken? Im Bewusstsein der mit einer derartigen Ausgrenzung verbundenen Problematik sollte sich die Kirche zuversichtlich und großherzig darum bemühen, jungen arbeitslosen Menschen zu helfen, so Erzbischof Juan José Omella i Omella in einem Interview mit EuropeInfos.

Laut Auskunft der Europäischen Union verbessert sich die Situation der jugendlichen Arbeitslosen. Wie sieht die Lage in Spanien aus?

 

Unzählige Arbeitsplätze, vor allem Jugendarbeitsplätze sind der jüngsten Wirtschaftskrise zum Opfer gefallen. Derzeit liegt die Gesamtarbeitslosigkeit in Spanien bei knapp unter 20 %, im Vergleich zu rund 10 % im Jahre 2008. Schaut man sich die Zahlen näher an, so stellt man fest, dass die jungen Arbeitnehmer am stärksten betroffen sind: Bei den Jugendlichen beträgt die Arbeitslosenrate derzeit ca. 42 %, wohingegen sie 2008 noch bei durchschnittlich 21 % lag.

Aufgrund dieser schwierigen Situation haben sich die Träume und persönlichen Ziele vieler junger Menschen in Luft aufgelöst. Da es nicht genug feste Arbeitsplätze gibt, können sie ihr Elternhaus nicht verlassen und keine eigenen Familien gründen. Infolgedessen leben sie in einer Situation permanenter Instabilität, unter der alle leiden.

 

Aus diesem Grund müssen wir in den nächsten Jahren sämtliche Anstrengungen darauf konzentrieren, ihnen dabei zu helfen, Wege aus dieser schwierigen Lage zu finden. Wir müssen unser Augenmerk auf unsere Kinder und Jugendlichen richten, denn sie werden in nur wenigen Jahren die Erwachsenen unserer Gesellschaft sein.

 

Wie wird sich die Ausgrenzung der jungen Generation langfristig auswirken?

 

Eines ist sicher: Die Wirtschaftskrise stellt die Glaubwürdigkeit unserer demokratischen Institutionen auf eine harte Probe. Um die Demokratie ist es weltweit nicht besonders gut bestellt. Viele Menschen verlieren den Glauben an die politischen Institutionen.

 

Wenn wir verhindern wollen, dass sich die jungen Menschen distanzieren und sämtliches Interesse am öffentlichen Leben verlieren, müssen wir für flexiblere Institutionen sorgen, die sich den derzeitigen Bedürfnissen der jungen Generation anpassen können. Gelingt uns dies nicht, werden wir uns zu einer noch individualistischeren Gesellschaft entwickeln. So denken heute bereits viele junge Spanier: „Wenn ich in der Gesellschaft nichts zähle, kann die Gesellschaft auch nicht auf mich zählen“.

 

Spanien hat gerade eine neue Regierung gewählt. Wird sich dies auf die Jugendarbeitslosigkeit auswirken?

 

Spanien kämpft in erster Linie mit strukturellen Problemen, die die inhärenten Schwächen eines Modells aufzeigen, das auf gering qualifizierten Stellen und Gelegenheitsjobs basiert, in dem Reichtum nicht gleichmäßig verteilt ist und in dem es an politischen Maßnahmen zum Schutze der Familie mangelt.

Aus diesem Grunde ist eine neue Regierung wichtig. Wir sollten uns aber auch ganz klar vor Augen führen, dass wir mittelfristige Perspektiven benötigen, einen Ansatz, der über die kurzfristige Vision von Wirtschaftswachstum und der Schaffung von Arbeitsplätzen um jeden Preis hinausgeht.

Der Schutz der am stärksten gefährdeten Menschen und Familien muss Priorität für alle haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einer großen Gemeinschaft leben und uns, um voranzukommen, gegenseitig unterstützen müssen.

 

Ist damit zu rechnen, dass neben den arbeitslosen jungen Menschen in Zukunft viele junge Spanier in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten werden?

 

Auf einem entwickelten Arbeitsmarkt können bestimmte prekäre Arbeitsplätze gewissen Personengruppen, die zusätzliche Kenntnisse und Erfahrungen benötigen, als „Sprungbrett“ dienen.

Hier aber geht es um ein Problem, das entsteht, wenn ein großer Teil des Arbeitsmarktes prekär ist. Ist dies der Fall, so wird deutlich, dass prekäre Beschäftigung zu einer „Jobfalle“ wird, in der diejenigen, die hineinfallen, hängen bleiben. Zahlreiche Studien belegen, dass diejenigen, die in Spanien auf dem prekären Arbeitsmarkt begonnen haben, sieben oder acht Jahre später noch immer unsicheren Jobs nachgehen.

Aufgrund der hohen Anzahl an unsicheren Arbeitsplätzen leben etwas über 14 % der spanischen Arbeitnehmer unterhalb der Armutsgrenze. Hinter diesen nüchternen Zahlen verbergen sich konkrete Schicksale: Menschen, die Hilfe benötigen, um ein menschenwürdiges Leben zu leben. Die persönliche Situation jedes Betroffenen hat Auswirkungen auf die Gesellschaft. Daher müssen wir Lösungen finden, damit diese schlecht bezahlten Arbeitnehmer ein besseres Leben führen können. Wir dürfen sie nicht zurücklassen.

 

Was tut die Kirche auf lokaler Ebene, um die Lage der jungen Menschen zu verbessern?

 

Die Wirtschaftskrise hat unsere Jugend orientierungslos und misstrauisch gemacht, ihnen Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl geraubt. Die jungen Menschen haben wenig Hoffnung, was ihre Zukunft anbelangt.

 

Über Caritas werden Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramme entwickelt, bei denen es um mehr geht als darum, das Erlernen eines Berufs zu erleichtern. Die Caritas bietet eine ganzheitliche Ausbildung, die sämtliche Ebenen der persönlichen Entwicklung im Blick hat. Ziel dieser Programme ist es, eine Alternative zu den herkömmlichen standardisierten Bildungs- und Ausbildungsmethoden zu bieten, indem den Teilnehmern neben den beruflichen auch die für eine bessere Vermittelbarkeit erforderlichen sozialen und psychologischen Fähigkeiten vermittelt werden.

 

Diese Beispiele zeigen, dass sich die Kirche der Probleme der jungen Menschen bewusst ist und sich zuversichtlich und großherzig darum bemüht, ihnen zu helfen, Wege aus ihrer Arbeitslosigkeit zu finden. Junge Menschen sind die Zukunft unserer Gesellschaft wie auch der Kirche. Daher dürfen wir sie nicht einfach sich selbst überlassen.

 

 + Juan José Omella i Omella

Erzbischof von Barcelona

und Präsident der Comisión Episcopal de Pastoral Social

(Bischofskommission für Soziale Pastoralarbeit)

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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