Mittwoch 20. Juni 2018
#214 - April 2018

Jung sein in der Spannung zwischen Unsicherheit und Verantwortung

Das Lebensgefühl vieler junger Europäer ist von Unsicherheit geprägt. Sarah Prenger, Präsidentin der Internationalen Christlichen Arbeiterjugend, weist auf persönliche und gesellschaftliche Folgen hin.

Junge Menschen arbeiten wesentlich häufiger in prekären Arbeitsverhältnissen als ältere Erwerbsarbeitnehmer. Durchschnittlich fanden ein Drittel junger Arbeitnehmer in der EU 2015, keinen sicheren Job. Stattdessen erleben sie Leiharbeit, (Schein-)Werkverträge und unterschiedlichste Formen von Befristungen einschließlich Tagesverträgen bis hin zu 0 Stunden-Verträgen. Zugleich wird geltendes Arbeitsrecht nicht immer eingehalten.

 

Beispielhafte Erfahrungen

 

Im Folgenden werden beispielhafte Erfahrungen junger Arbeitnehmer aus der EU wiedergegeben:

„Schon während des Studiums wusste ich, dass es schwierig sein würde, später Arbeit zu finden; jeder in meiner Klasse wusste das. Wir alle ergänzten unsere Ausbildung mit zusätzlichen Abschlüssen. Ich engagiere mich auch ehrenamtlich, aber es ist hart. Ich lebe zu Hause, es geht nicht anders. Viele meiner Freunde emigrierten nach Australien, Kanada, Dubai.“, 26 Jahre, Irland.

 

„Ich habe einen Master in Erneuerbaren Energien. Ich erhielt einen befristeten Vertrag für ein halbes Jahr und geringes Gehalt. Die Unsicherheit, ob mein Vertrag verlängert werden würde oder nicht, war schlimm. Lohnt es sich, umzuziehen? Sich auf neue Freundschaften einzulassen? Ich war froh, als ich die Unterschrift auf den nächsten befristeten Vertrag setzen konnte – natürlich wurde über keine Gehaltserhöhung gesprochen. Als die nächste Kündigungswelle kam, herrschte immense Unsicherheit unter den Mitarbeitern. Schon vorher hatte sich einer um die Aufstellung eines Betriebsrates bemüht, er wurde gekündigt. Danach traute sich niemand mehr.“ 27, Deutschland.

 

Insgesamt drückt trotz europäischer Maßnahmen wie der Jugendgarantie und dem europäischen Solidaritätskorps folgender Satz einer jungen Irin das Lebensgefühl auch anderer junger Europäer heute aus: „Da ist viel Unsicherheit über die Zukunft.“

 

Diese Unsicherheit ist unter anderem auf Deregulierungen von „employment protection legislation (EPL)“zurückzuführen. Jene hatten das Ziel, Erwerbsarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Erfolge dieser Strategie sind allerdings ambivalent.

 

Ein Maßstab der christlichen Soziallehre

 

Joseph Kardinal Cardijn, einer der Väter der katholischen Soziallehre und Gründer der Christlichen Arbeiterjugend, formulierte pointiert: “Jeder junge Arbeiter, jede junge Arbeiterin ist mehr wert als alles Gold der Erde”. An diesem Maßstab muss sich eine Gesellschaft messen lassen. Denn jeder Mensch ist zum Aufbau des Reiches Gottes – Friede, Gerechtigkeit, Solidarität - im eigenen Umfeld berufen. Einerseits hat jeder Mensch die Verantwortung, diesen Auftrag auszuführen. Andererseits müssen die Bedingungen gegeben sein, die es Menschen ermöglichen, ihrer Verantwortung nachzukommen. Auch durch die eigene Arbeit soll jeder Mensch an der Verbesserung der Welt mitarbeiten.

 

Entsprechend formulierten Teilnehmer eines Seminars der Christlichen Arbeiterjugend JOC Europe 2013 unter dem Titel: „Talkin' 'bout my generation“ den Wunsch nach „einer sinnvollen Arbeit“: „Menschliche Gesundheit ist wichtiger als Profit“ und „Interessen der Arbeitnehmer sind genauso wichtig wie Interessen der Arbeitgeber. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollten sich gegenseitig respektieren. Wir haben das Recht, unseren Arbeitsplatz mitzugestalten.“

 

Wer aufgrund der eigenen Erwerbsarbeitssituation nicht planen kann, kann auch keine Verantwortung – weder in der Familie noch in der Gesellschaft – übernehmen. Es besteht ein offenkundiger Widerspruch zwischen diesen auf der göttlichen Würde jedes Menschen beruhenden Werten und den hier zitierten Erfahrungen.

 

Zur Auflösung dieser Widersprüche

 

Angesichts dieses Widerspruches stellen sich folgende Fragen:

 

Warum wird menschliche Arbeit besteuert, nicht aber die von Maschinen? Diese Frage drängt sich in Zeiten voranschreitender Digitalisierung mit zunehmender Dringlichkeit auf.

 

Es gibt in der EU – mit nationalen Unterschieden – mehr Menschen als zur Verfügung stehende Erwerbsarbeit. Warum verteilen wir diese nicht besser, indem wir Arbeitszeiten verkürzen? Dadurch entstünde auch mehr Zeit für Familien und zivilgesellschaftliches Engagement.

 

Der Wettbewerb einzelner Länder um „systemrelevante Unternehmen“ führt zu Konkurrenz von Deregulierungen der Arbeitsmärkte und Reduzierungen von Unternehmenssteuern. Warum kann dieser wechselseitigen Konkurrenz nicht stärker mit europäischen “Re-regulierungen” der Employment protection legislation und Mindeststeuersätzen entgegen gewirkt werden?

 

Missachtungen des Arbeitsrechtes sind illegal. Warum wird dessen Einhaltung nicht stärker kontrolliert?

 

In öffentlichen Stellungnahmen wird nicht selten betont, junge Menschen seien wichtig, weil sie „die Zukunft“ seien. Nur: Wir, die Jugend, sind ja schon da. Wir sind nicht nur die Zukunft, wir sind die Gegenwart. So haben junge Menschen nicht morgen, sondern heute Anrecht auf vollen Sozialschutz, auf Gleichberechtigung, auf Arbeit und Leben in Würde!

 

 

Sarah Prenger

IYCW

 

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