Donnerstag 14. Dezember 2017
Februar Ausgabe #201

Medienkompetenz: Kenntnisse, die wir als digitale Bürger benötigen

Im digitalen Zeitalter ist kommt es wesentlich auf die Aneignung der notwendigen Medienkenntnisse an.

Die im Vorfeld der US-Wahlen in Umlauf gebrachte Falschmeldung, Papst Franziskus habe sich für eine Kandidatur Donald Trumps stark gemacht, verbreitete sich in den sozialen Medien mit rasanter Geschwindigkeit. So verzeichnete die Fake News innerhalb kürzester Zeit 97.000 Facebook Follower, während die auf der entsprechenden Faktencheck-Webseite factcheck.org. veröffentlichte Richtigstellung, der zufolge es sich dabei um eine Falschmeldung gehandelt habe, nur magere 3.400 Facebooknutzer erreichte. Dies ist ein trauriges Beispiel dafür, wie die zum Wort des Jahres 2016 gekürte sprachliche Neuschöpfung „postfaktisch“ funktioniert.

 

Findet man auf Google exakte und gesicherte Ergebnisse?

Die digitale Revolution stellt unseren Umgang mit der Welt und den Medien grundlegend auf den Kopf. Mobile Geräte ermöglichen es, überall und jederzeit mit nahezu allem und jedem in Echtzeit in Kontakt zu treten. Über unsere Interaktion in den sozialen Medien sind wir in gleichem Maße zu Informationsquellen geworden, wie wir früher Informationsbezieher waren. Und auch wenn die meisten von uns sich mit den neuen Medien gut auszukennen glauben, sind wir doch längst nicht alle versierte Nutzer.

 

Rund jeder vierte Europäer ist der Ansicht, dass er bei einer Google-Suche exakte und gesicherte Ergebnisse erhält. 25 % der Europäer wissen nicht, dass die Suchergebnisse durch Algorithmen gefiltert werden und daher mit Vorsicht zu genießen sind. Mitunter liefern die Algorithmen auch Ergebnisse, die für ungeübte Nutzer und unsere gemeinsamen Werte gefährlich sind. So hat die britische Tageszeitung The Guardian unlängst darüber berichtet, dass bei der Google-Suche „Hat es den Holocaust wirklich gegeben“ als oberster Eintrag eine Internetseite erscheint, die den Holocaust verleugnet.

 

Doch sollten wir uns von der neuen digitalen Medienwelt nicht nur einschüchtern lassen! Laut David Ryan Polgar, dem Begründer des in den USA organisierten Digital Citizenship Summit, einem Treffen zum Thema digitale Bürger, sind die sozialen Medien „wie ein Messer, das verwendet werden kann, um Schmerz zuzufügen, aber auch, um eine noch stärker vernetzte, sozial gerechtere und von einer stärkeren intellektuellen Wissbegier geprägte Zukunft zu schaffen“.

 

Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung besteht darin, die Menschen zu kritischem Denken zu befähigen, ihnen Instrumente zur Stärkung ihrer Medienkompetenz an die Hand zu geben, die es ihnen ermöglichen, ihre Informationsquellen zu hinterfragen, zu verstehen, auf welchem Weg die Information zu ihnen gelangt, sich ein Bild über die inhaltliche Richtigkeit von Nachrichten zu machen und sachgerechte Entscheidungen zu treffen, bevor sie diese Nachrichten in den sozialen Medien weiterverbreiten. Medienkompetenz war schon immer eine wichtige Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Im digitalen Zeitalter brauchen wir alle zusätzlich eine hohe digitale Medienkompetenz.

 

Bewährte Verfahren in Europa

Aufgabe der Europäischen Kommission ist es, bewährte Verfahren zu dokumentieren, bekannt zu machen und ihren Austausch zwecks Weiterverbreitung unter den einzelnen Mitgliedstaaten zu ermöglichen. Damit trägt sie dazu bei, Brücken zwischen den jeweiligen Akteuren wie Lehrern, Journalisten, Medienunternehmen, den für die digitale Welt Verantwortlichen und der Zivilgesellschaft zu bauen. Hierzu bedient sie sich verschiedener Instrumente wie der EU-Sachverständigengruppe „Medienkompetenz, des elektronischen Newsletters zum Thema Medienkompetenz sowie des Twitter-Accounts @EU_MedLit. Das letzte Treffen der Sachverständigengruppe „Medienkompetenz“ ist im Übrigen in voller Länge im Internet abrufbar.

 

In Kürze wird eine Auflistung aller seit 2010 in der EU der 28 durchgeführten Medienkompetenzverfahren veröffentlicht. Der Bericht umfasst über 500 bedeutende Projekte zur Förderung der Medienkompetenz. Ferner plant die Kommission für 2017 – parallel zu einer Initiative des Europäischen Parlaments – zwei Pilotprojekte zum Thema „Medienkompetenz für alle“.

 

Neben gezielten politischen Maßnahmen zur Förderung der Medienkompetenz gibt es mehrere andere Politikfelder der EU, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Hierzu gehören die Überarbeitung von Schlüsselkompetenzen im Bereich der Schulbildung, die Nutzung von Medienkompetenz bei der Bekämpfung von Radikalisierung, Medienkompetenz als Grundvoraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben und für die Förderung der Grundrechte, das Europäische Rahmenwerk für digitale Kompetenzen sowie die Jugendpolitik. Medienkompetenz ist auch einer der Bestandteile der Europäischen Nachbarschaftspolitik mit den östlichen Staaten.

 

Der Auswärtige Dienst der EU gibt einen wöchentlichen Newsletter zum Thema Desinformation heraus, in dem es in erster Linie um den Umgang mit pro-russischen Falschmeldungen geht. In seinen Schlussfolgerungen zur „Entwicklung der Medienkompetenz und des kritischen Denkens durch allgemeine und berufliche Bildung vom Mai 2016 fordert der Europäische Rat die Mitgliedstaaten und die Europäische Kommission auf, sich im Bereich der Medienkompetenz für eine kohärente Politik auf europäischer Ebene einzusetzen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es sich bei der Medienkompetenz um ein globales Thema handelt, arbeitet die Europäische Kommission auch mit der UNESCO zusammen; Ziel dabei ist es, Maßnahmen und Projekte zur Stärkung der Medienkompetenz zu fördern.

 

Wir alle benötigen Medienkompetenz, um aktive digitale Bürgerinnen und Bürger zu werden und auf diese Weise einen Beitrag zum demokratischen und gesellschaftlichen Leben unserer Gesellschaften zu leisten.

Mari Sol Pérez Guevara

 

@EU_MedLit - Politikbeauftragte in der GD CONNECT der Europäischen Kommission

 

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Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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