Freitag 20. Oktober 2017

Kinder auf der Flucht

Anfang September stellte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef den Bericht „Entwurzelt“ vor. Die erschütternde Botschaft: Fast 50 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit sind auf der Flucht. 28 Millionen davon flohen vor Terror und Gewalt.

Im Vergleich mit den weltweiten Flüchtlingszahlen der Vereinten Nationen wird deutlich, dass jeder zweite Flüchtling oder Vertriebene auf der Welt minderjährig ist. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen ist damit überproportional hoch. Das Kinderhilfswerk schreibt: „Je nach Situation gelten diese Mädchen und Jungen als Migranten, Flüchtlinge, Asylsuchende oder Binnenvertriebene – aber sie sind vor allem eins: Kinder.“

 

Die UN-Organisation fordert die Regierungen auf, die betroffenen Kinder, insbesondere solche ohne Begleitung, besser vor Gewalt und Ausbeutung zu schützen und entschieden gegen Menschenhandel vorzugehen. Außerdem müsse die Inhaftierung von Kindern beendet werden.

 

Kinder müssten davor bewahrt werden, bei Grenzkontrollen oder während des Verfahrens zur Bestimmung ihres Aufenthaltsstatus von ihren Eltern getrennt zu werden. Zur Zusammenführung der Kinder mit ihren Familien müssten „alle möglichen Maßnahmen ergriffen“ werden. Außerdem müssten die Ursachen für Konflikte und extreme Armut bekämpft werden. Notwendig seien ferner Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Ausgrenzung.

 

Unter Verweis auf Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) heißt es in dem Bericht, zwischen 2014 und Juli 2016 seien 15 000 Flüchtlinge und Migranten gestorben oder als vermisst registriert worden. Rund zwei Drittel aller registrierten Todesfälle von Migranten ereigneten sich im Mittelmeer. Schätzungen zufolge seien ein Drittel der in der Ägäis umgekommenen Menschen Kinder.

 

Angesichts dieser Zahlen mutet es zynisch an, dass die Flüchtlings-Diskussion innerhalb einer Reihe von EU-Ländern darauf fokussiert ist, möglichst wenige Menschen nach Europa einreisen zu lassen. So hat Papst Franziskus bei seinem Polen-Besuch anläßlich des Weltjugendtages Ende Juli, im Rahmen eines Treffens mit der polnischen Regierung erklärt, es „sei die Bereitschaft zur Aufnahme derer notwendig, die vor Krieg und Hunger fliehen“.

 

In der Gerichtsrede im Matthäusevangelium ist das entscheidende Kriterium für Rettung oder Verdammung nicht die Religionszugehörigkeit, sondern die Frage, wie sich der einzelne gegenüber der existientielle Not seines Nächsten verhalten hat.

 

Ein Hoffnungszeichen: EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat in seiner Rede zur Lage der Union am 14. September 2016 die Einrichtung eines Europäischen Solidaritätscorps vorgeschlagen. Junge Menschen aus der ganzen EU könnten als Freiwillige in Krisensituationen „dort Hilfe leisten können, wo sie am dringendsten gebraucht wird“. Bis Jahresende solle ein solches Europäische Solidaritätscorps stehen und bis 2020 sollen die ersten 100 000 jungen Freiwilligen an dem Programm teilgenommen haben. Es wäre zumindest ein Zeichen von „europäischem Humanismus“, wenn dabei die Priorität auf die Aufnahme und Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen und Migranten gelegt würde.

 

 Martin Maier

JESC

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