Mittwoch 19. September 2018
#215 - Mai 2018

Kirche und Kino, eine langjährige europäische Verbundenheit

Das Kino ist ein fester Bestandteil des europäischen Kulturerbes. Im Rahmen seiner Artikelreihe zum Europäischen Jahr des Kulturerbes wirft Europe Infos gemeinsam mit der Präsidentin von SIGNIS Europa, Magali Van Reeth, einen Blick auf das europäische Kino und den Beitrag der Christen.

Im Rahmen der nächsten Filmfestspiele in Venedig im September 2018 feiert der katholische Weltverband für Kommunikation SIGNIS 70 Jahre Präsenz auf den internationalen und nationalen Filmfestivals. In Cannes, Berlin, Warschau, Karlovy Vary, Locarno oder Kiew überreichen Vertreter der Kirchen in Experten-Jurys Preise für Filme aus dem offiziellen Wettbewerb. Diese ebenso unaufdringliche wie beständige Präsenz hat eine lange Tradition.

 

Schon immer waren die Christen mit der Welt der Künste und Künstler verbunden, im Rahmen des Baus von Kirchen und Kathedralen, der Gestaltung von Kirchenfenstern, der Illustration der Bibel und des Evangeliums oder der gesanglichen Begleitung der Gottesdienste. Seit Beginn des Kinos haben die Christen diese neue Form der Kunst, die zugleich ein populäres Massenmedium ist, für sich übernommen.

 

Wie so oft in der Kirche gibt es Befürworter und Gegner des Kinos: Die einen verteufeln es, während es die anderen als Mittel sehen, dem Menschen das Evangelium näher zu bringen. Für Letztere ist es eine eigenständige Kunstform, die es dem Menschen ermöglicht, aus der geschlossenen Welt, in der er lebt, heraus Zugang zu einer Form höherer Schönheit zu finden, sich von einem Geheimnis berühren zu lassen, das ihn Gott näher bringt.

 

Eine Präsenz mitten in der Welt

 

In ganz Europa brachten filmbegeisterte Pfarrer das Kino Generationen junger Menschen näher, indem sie Filme zunächst im Rahmen ihrer Jugendarbeit zeigten, später dann in eigens eingerichteten Filmtheatern, von denen einige bis in die heutige Zeit als lokale Vereinskinos überlebt haben. Es ist auch die Geburtsstunde der Filmkritiken, darunter auch Kritiker, die sich der katholischen Kirche zugehörig fühlen und Fachzeitschriften gründen, von denen einige heute noch existieren (insbesondere in Italien, Deutschland oder Belgien).

 

Auf Initiative der Katholischen Aktion wurde 1928 die Internationale Katholische Filmorganisation (Organisation Catholique Internationale du Cinéma – OCIC) gegründet. Die vom Heiligen Stuhl als die Kirche vertretende Organisation in allen Bereichen des Films anerkannte OCIC wurde viele Jahre lang von Pater Jean Bernard (Luxemburg) geleitet.

 

Die historische Figur des Pater Jean Bernard, den die Nationalsozialisten aus dem Lager Dachau entließen, um ihn zu zwingen, die Kirche zur Unterstützung des Naziregimes zu bewegen, inspirierte den deutschen Regisseur Volker Schlöndorff zu seinem Film Der neunte Tag (2004). Nach dem Krieg war Jean Bernard weiter für die OCIC tätig, die zu einem echten europäischen Netzwerk wurde und wichtige Beiträge zur Filmkritik leistete. Jean Bernard gründete auch die ersten katholischen Jurys bei internationalen Filmfestivals, beginnend mit Venedig 1948 und Cannes 1952.

 

Eine Verbundenheit, die bis heute anhält

 

Die Verbundenheit zwischen Kirche und Kino zeigt sich auch im Wirken der Filmemacher, die im zwanzigsten Jahrhundert immer wieder das Geheimnis des Glaubens in Bilder umsetzten. Robert Bresson (Frankreich), Andrei Tarkowski (Russland), Ingmar Bergman (Schweden) oder Pier Paolo Pasolini (Italien) brachten die mystische Dimension des Menschen auf die Leinwand und drückten damit dem Filmschaffen ihren Stempel auf. Es gibt unzählige Verfilmungen der Passion Christi oder des Lebens der Jeanne d'Arc, die zuweilen von Regisseuren ohne jegliche religiöse Zugehörigkeit stammen, etwa der Film Johanna von Orléans von Luc Besson aus dem Jahre 1999.

 

Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts hinterfragen Filmemacher in Europa die Religion, doch geht es ihnen nun mehr darum, die unbegreifliche Gewalt anzuprangern, etwa Xavier Beauvois mit seinem Film Von Menschen und Göttern (Frankreich, 2010) oder Cristian Mungiu mit Jenseits der Hügel (Rumänien, 2012). Thematisiert wird auch eine Welt ohne jede mystische oder spirituelle Dimension, ein Mangel, der das gesamte filmische Schaffen von Andrei Zvyagintsev (Russland) durchdringt.

 

Und oft sind es Künstler, die sich als Atheisten oder Agnostiker bezeichnen, die es wagen, zutiefst katholische Themen aufzugreifen, wie Dietrich Brüggemanns Kreuzweg (Deutschland, 2014), Die Bekenntnisse von Roberto Andò (Italien, 2016), Das Gebet von Cédric Kahn (Frankreich, 2018) oder Xavier Giannolis L’Apparition (Die Erscheinung, Frankreich, 2017). Sie zeugen davon, dass sich das Verhältnis der europäischen Künstler zur Religion in den letzten Jahren verändert hat: Unvoreingenommen und fernab der antiklerikalen Klischees der vorherigen Generation hinterfragen sie die Botschaft und die Praktiken der Kirche.

 

Ein Bestandteil des europäischen Kinos

 

Auch ohne den unmittelbaren Verweis auf die Religion bleibt das europäische Kino stark vom spezifischen Beitrag des Christentums geprägt, insbesondere im Vergleich zu anderem Filmschaffen. Die ersten europäischen Regisseure verleihen dem Christentum seine künstlerische Dimension (Murnau in Deutschland, René Clair in Frankreich, Dryer in Dänemark), während Nordamerika leichte Unterhaltung bevorzugt oder mit Musikkomödien brilliert.

 

Bestimmte Themen wie „Schuld“ und „Erlösung“ werden im europäischen Kino so häufig aufgegriffen, dass viele Filmemacher gar nicht mehr wissen, woher diese kommen. Die Italiener mögen die ersten gewesen sein, die im Rahmen des „Neo-Realismus“ unerträgliche soziale Missstände angeprangert haben, doch ist ihre Grundlage nicht wie auch bei Ken Loach (Vereinigtes Königreich) das zutiefst christliche Mitgefühl?

 

Damals wie heute ist die christliche Kultur in der kollektiven Vorstellungswelt Europas präsent und stellt eine wichtige Bereicherung für sie dar.

 

Magali Van Reeth

Präsidentin von SIGNIS Europa

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Social Centre dar.

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