Mittwoch 20. Juni 2018
#214 - April 2018

Bildung: Kompetenzerweiterung oder Kompetenzüberschreitung?

Kritische Überlegungen zu zwei Bildungsdokumenten der EU Kommission und dem Heiligen Stuhl: Was unterscheidet sie voneinander, worin stimmen sie überein, wodurch ergänzen sie einander? Eine Einladung zu näherer Auseinandersetzung.

Studious female high school student

Fast zeitgleich sind im Januar 2018 zwei Dokumente zu Bildung erschienen: Am 17. Jänner stellte die Europäische Kommission ihr Bildungspaket vor (die Kommission hat im Bereich Bildung keine Kompetenz, sondern nur eine «unterstützende Funktion»). Am 28. Jänner veröffentlichte der Heilige Stuhl Papst Franziskus’ Apostolische Konstitution «Veritatis Gaudium» über die katholischen Universitäten und Fakultäten.

 

Zu Beginn eine verbindende Feststellung: in beiden Dokumenten geht es darum, Menschen auf eine immer komplexer werdende Welt und Wirklichkeit vorzubereiten und ihnen zu helfen, sich damit zurecht zu finden. Damit endet aber auch schon die Gemeinsamkeit.

 

Bildung – Im Mittelpunkt der Mensch

Bei «Veritatis gaudium» fällt bereits das erste Wort des Textes auf: Freude an der Wahrheit. Diese Freude soll das Gegengewicht bilden zu einem weit verbreiteten Kulturpessimismus – und dazu nimmt das Dokument die katholischen Universitäten in die Pflicht. Unter Weiterführung der beiden Dokumente «Optatam totius» (2. Vatikanisches Konzil über kirchliche Studien) und «Sapientia Christiana» (Papst Johannes Paul II, über die kirchlichen Universitäten und Fakultäten), ist es die Aufgabe von kirchlichen wissenschaftlichen Einrichtungen angesichts einer «anthropologischen und sozio-ökologischen Krise» das Verhältnis von Welt und Gesellschaft neu zu definieren. Eines bleibt dabei unverändert: im Mittelpunkt aller Bildung und Forschung steht immer der einzelne, fehlbare und bildungsfähige Mensch. Alle bildnerischen Anstrengungen müssen zum Ziel haben, Menschen zu befähigen, «leadership» zu entwickeln, um schließlich «das Modell globaler Entwicklung in eine (andere) Richtung zu lenken» und «Fortschritt neu zu definieren». Dazu bedarf es einer «mutigen kulturellen Revolution».

 

Die vorgeschlagenen Methoden klingen zwar wenig aufrührerisch, mögen aber angesichts derzeit gültiger bildungspolitischer Ansätze und Methoden revolutionär sein: Dialog, Inter- und Transdisziplinarität, Netzwerkbildung und Kontemplation. Angesichts einer zunehmenden Aufsplitterung des Wissens in immer kleinere Einheiten und Spezialismen, die zu einer Vereinzelung und einem wissenschaftlichen (und in weiterer Folge auch politischen) Autismus beitragen, plädiert «Veritatis gaudium» für den Vorrang einer ganzheitlichen Sichtweise. Es folgt damit einem von Papst Franziskus bereits in «Evangelii gaudium» vorgestellten Grundsatz, dass «das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile». Dialog, Austausch, Vernetzung und Begegnung ermöglichen es, immer tiefer in das Verständnis dieses Ganzen einzudringen. Keine Disziplin kann für sich alleine beanspruchen, im Vollbesitz der Wahrheit zu sein: Wahrheit (und Wirklichkeit) zeigen sich erst im auf Verstehen-wollen hin ausgerichteten Dialog zwischen Personen und Disziplinen.

 

Bildung – nur Erhaltung der Erwerbsfähigkeit?

Den Menschen zu helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, das ist (unausgesprochen) auch das Ziel des Bildungspakets der Europäischen Kommission. Gleichzeitig fällt nicht nur die so ganz andere Sprache auf, sondern im Kern das unterschiedliche Verständnis vom Menschen. Jeder Hinweis darauf, warum etwas gelernt, eine bestimmte Kompetenz erworben werden soll, wird mit der «Erwerbsfähigkeit der Person», ihrer Gewinnung oder Erhaltung, verbunden. Vereinfachend gesagt ist nicht «Bildung» sondern «Ausbildung» das Ziel. Natürlich ist es notwendig, Kulturtechniken gut zu beherrschen. Dazu gehören heute nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch das Beherrschen der dazu erforderlichen Instrumente, vom Bleistift bis zum Computer. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass das Beherrschen der Kulturtechniken ein Ziel an sich ist und erst beim Computer beginnt. Das gilt besonders für das Dokument «10 Trends. Transforming Education as we know it». Es erstaunt doch sehr, dass «Akademische Bildung», «Lehrer als Wissensvermittler», «Fachwissen», und «Bücher» als überholt gelten und höchstnotwendig von «virtual reality» und «digitaler Bildung» abgelöst werden sollen.

 

Es hat schon gute Gründe, warum Bildung keine (Kern-)Kompetenz der Europäischen Kommission ist, sondern den Mitgliedsstaaten und ihren unterschiedlichen kulturellen Traditionen überlassen bleibt. Damit ist keineswegs der Wunsch verbunden, dass alles beim Alten bleibt, weder bei den Inhalten noch bei den Methoden. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass den Vorschlägen der Kommission – selbst dort, wo sie nur «unterstützend», «ermutigend» oder «in die Pflicht nehmend» auftritt – ein totalisierender Zug eigen ist, der die Pluralität nicht ernst nimmt und fördert, sondern dass sie die Bedürfnisse und Anforderungen der Wirtschaft bzw. der IT-Industrie in den Mittelpunkt ihrer Bildungspolitik stellt - und nicht den Menschen.

 

Michael Kuhn

COMECE

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