Freitag 18. August 2017

Künstliche Intelligenz: Der Terminator am Werk?

Bis zu welchem Grad wird die Künstliche Intelligenz den Menschen ersetzen? Wird sie dem Menschen dienen oder ihn sich untertan machen? Welche Gesellschaftsmodelle werden durch sie entstehen?

Viele unserer Zeitgenossen fühlen sich beim Thema Künstliche Intelligenz (abgekürzt: KI) an den Terminator erinnert, ein düsteres Bild, das eine dumpfe Angst davor offenbart, beherrscht, ersetzt, ja vernichtet zu werden. Es ist die Urangst vor dem bösen Wolf, aber auch die Angst vor dem verschiedenartigen und mächtigen Anderen. Diese Angst wurzelt auch in dem Bewusstsein, dass die Maschinen unaufhörlich und unentgeltlich für den Menschen arbeiten und sich der Roboter eines Tages aus seiner Knechtschaft befreien könnte.

 

Derartige Albträume können dazu führen, dass wir unsere Augen vor konkreten Problemen verschließen, die doch gerade durch unsere Ängste verdeutlicht werden: Es steht zu erwarten, dass der flächendeckende Einsatz der KI ein sozio-ökonomisches Modell „beenden“ und zur Entstehung eines neuen Modells beitragen wird. Bleibt zu wissen, wer als Opfer dieses anderen Terminatortyps eliminiert bzw. ersetzt wird.

 

Künstliche Intelligenz - Ende der Vollbeschäftigung?

In besonderem Maße von diesem Umbruch betroffen ist der Bereich der Beschäftigung. Zwar betonen E. Brynjolfsson und A. McAfee zu Recht, dass der Mensch nicht das gleiche Schicksal erleiden wird wie seinerzeit das Pferd. Für Berufe mit repetitiven Tätigkeiten ist der Automatisierungsprozess jedoch bereits in vollem Gange. In vielen Fachbereichen – von der Datenauswertung bis zur Organisation – arbeiten Maschinen heute viel effektiver als der Mensch. Doch nicht nur Kraftfahrer und Lagerarbeiter werden von der KI überflüssig gemacht werden, auch Radiologen, Analysten und zahlreiche Manager. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der dieses Phänomen um sich greift, ist es schwer vorstellbar, wie es gelingen soll, diese Lücken schnell genug mit neuen Berufen zu schließen. Wir sollten uns also vom Traum der Vollbeschäftigung verabschieden und uns in den am stärksten entwickelten Ländern mit dem Gedanken anfreunden, dass Arbeit zu einem knappen Gut wird.

 

Die Bereiche, in denen der Mensch am wenigsten Gefahr laufen wird, von der Künstlichen Intelligenz ersetzt zu werden, sind diejenigen, die Kreativität und zwischenmenschliche Fähigkeiten erfordern. Angesichts solcher Beschäftigungsfähigkeitskriterien wächst aber auch die Gefahr der sozialen Ungleichheit. Wie lässt sich in diesem Fall der soziale Zusammenhalt wahren? Sicher wird es auch in Zukunft einfache Aufgaben geben, für die es wirtschaftlicher bleibt, Menschen zu beschäftigen. Derzeit gilt dies noch für den Einsatz von Beschäftigten in den großen Lagerhallen des Versandhandels. Deren Aufgaben aber werden von Computern gesteuert. Einige Maschinen arbeiten für den Menschen, einige Menschen arbeiten aber bereits für Maschinen.

 

Und auch wenn die Aussicht darauf, dass beschwerliche Aufgaben verschwinden werden, erfreulich ist, so spielt die Arbeit doch auf verschiedenen Ebenen der Maslowschen Bedürfnispyramide eine wichtige Rolle. Die Arbeit stellt einen Ort der Sozialisierung dar und ist nicht nur eine Einkommensquelle, sondern auch eine Quelle der Würde. Wenn der umfassende Einsatz der KI den erwarteten Wirtschaftsaufschwung bringt, muss dieses Manna dann einfach verteilt werden, damit jeder Bürger ein zahlungsfähiger Kunde bleibt? Man könnte auch darüber nachdenken, wie gesellschaftlich relevante Tätigkeiten entlohnt werden könnten, für die es kein Wirtschaftsmodell gibt. Werden wir eines Tages dafür bezahlt, dass wir uns um unsere Kinder kümmern, uns künstlerisch betätigen oder unsere betagten Nachbarn besuchen? In diesem Falle müssten wir uns vom Begriff Arbeit im ökonomischen Sinne lösen und stattdessen von Aktivität sprechen. Die Maschine würde dann ergänzend zum Menschen, zum Wohle der Gesellschaft eingesetzt.

 

Den Menschen ersetzen oder ergänzen?

Es wäre allerdings nicht gut, wenn dies auf Kosten eines Qualifikationsverlusts im beruflichen oder persönlichen Umfeld, etwa im Hinblick auf das Führen von Kraftfahrzeugen, die zwischenmenschlichen Beziehungen oder die Lebensweise geschehen würde. In naher Zukunft werden wir immer stärker von Maschinen unterstützt werden. Wird die Künstliche Intelligenz dazu führen, dass der Mensch intelligenter wird oder wird er an Intelligenz verlieren? Einige, wie Joi Ito setzen auf die Interaktion zwischen Mensch und Maschine: Mit seinem neuen Konzept der society in the loop versucht der Direktor des MIT Média Lab, einen „Circulus virtuosus“ des voneinander Lernens und der Zusammenarbeit zwischen zwei Formen von Intelligenz zu schaffen. Allerdings muss sich ein solcher Ansatz in einer oftmals vom utilitaristischen Denken dominierten Welt, in der allein zahlenmäßige Ergebnisse gelten, erst einmal durchsetzen.

 

Diese Entscheidungen werden letztendlich von den Besitzern der Künstlichen Intelligenz getroffen werden. Die für die Entwicklung der KI erforderlichen Ressourcen befinden sich allerdings in den Händen einiger weniger privater, in erster Linie nordamerikanischer Akteure. Einige asiatische Länder haben beschlossen, dieser Tatsache durch massive öffentliche Investitionen entgegenzusteuern. Wie wird Europa reagieren?

 

 

 Eric Salobir o.p.

 Präsident von OPTIC

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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