Montag 21. August 2017
#187 - November 2015

Laudato si’ – ein starker Beitrag zur COP21

Der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Kardinal Peter Turkson, erläutert, welchen Einfluss die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus seiner Ansicht nach auf die UN-Klimaschutzkonferenz (COP21) in Paris haben könnte.

Laudato si’ ist ein hervorragendes Dokument. Es ist kein „grüner“, ökologischer oder klimapolitischer Text, sondern eine umfassende Sozialenzyklika, die sich in die Tradition der Kirche, beginnend mit der Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1891, einschreibt. Laudato si’ kann in mehrfacher Hinsicht einen wichtigen Beitrag zur COP21 leisten.

 

Zehn Tugenden und Grundsätze

Zum einen zählt Laudato si’ Tugenden und ethische Grundsätze auf, die für die Klimaschutzverhandlungen gelten sollten. Sie stammen vorwiegend aus der kirchlichen Soziallehre und umfassen die wichtigsten Ethikgrundsätze und Tugenden der katholischen Theologie. Hierzu gehören etwa die Klugheit, der zufolge sich der Mensch in seinem Handeln von der Vernunft leiten lassen soll; die Gerechtigkeit, die jedem Menschen als Geschöpf Gottes das Seine gibt; die Mäßigung, die für einen geregelten Umgang mit Genuss und Konsum sorgt; die innere Stärke, die dem Menschen zu einer entschlossenen Haltung gegenüber Anfechtungen verhilft; die Verpflichtung, das Leben und die Würde des Menschen zu schützen; eine vorrangige Option für die Armen und Schutzbedürftigen; die Solidarität im Sinn eines entschiedenen Einsatzes für das Gemeinwohl sowohl unserer Nächsten als auch zukünftiger Generationen; die Achtung vor der universellen Bestimmung der Güter der Schöpfung; die Subsidiarität, die uns lehrt, die Autonomie und Stärke des anderen zu achten und ihm respektvoll zu helfen, sowie die sogenannte ganzheitliche Ökologie, eine sprachliche Neuschöpfung, die Papst Franziskus verwendet, um das jahrhundertealte Bewusstsein dafür zu beschreiben, dass die gesamte Schöpfung – ob menschliche oder nicht-menschliche Individuen, Gruppen oder Systeme – grundsätzlich miteinander verbunden sind.

 

Diese Tugenden und ethischen Grundsätze können die Verhandlungspartner und Entscheidungsträger in Paris dazu bewegen, sich für die lokal, national und global notwendigen Verpflichtungen zu öffnen. Ohne diese Tugenden und ethischen Grundsätze, so steht zu befürchten, wird Paris nichts viel Neues hervorbringen. „Die Gipfeltreffen der vergangenen Jahre haben nicht den Erwartungen entsprochen, denn es fehlte der politische Willen, wirklich bedeutungsvolle und wirksame globale Vereinbarungen zu treffen“.

 

Praktische Urteile

Zum zweiten könnte Laudato si’ den Weg nach Paris ebnen helfen, indem die praktischen Urteile aufgegriffen werden, die Papst Franziskus darlegt. So betont der Papst, dass die Länder des Nordens unverhältnismäßig viele Ressourcen verbraucht und auf diese Weise zur Umweltzerstörung beigetragen haben; aus diesem Grunde müssten sie ihre ökologische Schuld gegenüber den Ländern des Südens begleichen. Er unterstreicht die Notwendigkeit, eine Politik zu gestalten, die frei vom Einfluss von Sonderinteressen ist. Er fordert die Länder auf, „ihre nationalen Interessen nicht über das globale Gemeinwohl zu setzen“. Er prangert eine Ideologie an, die ausschließlich am wirtschaftlichen Profit interessiert ist, die Technologie und materiellen Fortschritt verabsolutiert und ökologische Probleme vernachlässigt. Er plädiert für Investitionen, die die ökologischen Kosten mit einkalkulieren. Er fordert, dass „Technologie, die auf der sehr umweltschädlichen Verbrennung von fossilem Kraftstoff – vor allem von Kohle, aber auch von Erdöl und, in geringerem Maße, Gas – beruht, fortschreitend und unverzüglich ersetzt werden muss.“

 

Aus den genannten zehn traditionellen Grundsätzen leitet Papst Franziskus anschließend konkrete Empfehlungen ab. Die Verhandlungspartner und Entscheidungsträger in Paris fordert er unmissverständlich auf, diesen Empfehlungen zu folgen und sich auf ein rechtsverbindliches Klimaschutzabkommen zu einigen, das zu wirklichen Veränderungen führt.

 

Politische Maßnahmen

Zum dritten kann Laudato si’ als Katalysator wirken, indem es das Handeln anderer inspiriert und leitet. Beim Welttreffen der Volksbewegungen im Juli dieses Jahres betonte Papst Franziskus, Gerechtigkeit erfordere oftmals kluges politisches Handeln seitens der gewählten Volksvertreter, es reiche aber häufig nicht, einfach auf das Handeln der politische Führungskräfte zu setzen. „Die Zukunft der Menschheit liegt nicht ausschließlich in den Händen der politischen Führungskräfte, der Großmächte und der Eliten“. Im Gegenteil, „sie liegt grundsätzlich in den Händen der Menschen und in deren Organisationstalent. Sie sind es, die diesen Prozess des Wandels mit Demut und Überzeugung voranbringen können“.

 

Vor diesem Hintergrund werden die 50 000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen der COP21 – 25 000 offizielle Delegationsmitglieder und 25 000 weitere Vertreter und Vertreterinnen – unter anderem Ethik und Tugend benötigen. Damit die COP21 zu einem Erfolg wird, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen von Bürgern und Bürgerinnen, die gewillt sind, die Botschaft des Papstes in den politischen Hallen der Macht umzusetzen, und die die Führungskräfte dieser Welt auffordern, sich beherzt für die Armen und unseren Planeten einzusetzen. Mit diesem Ziel vor Augen werden am 29. November Millionen Männer, Frauen und Kinder in Paris, London, Berlin, São Paulo und 3000 weiteren Städten auf die Straße gehen. Mögen sie alle ihre ökologische politische Verantwortung übernehmen „im Geist der Solidarität und zugleich im Bewusstsein, in einem gemeinsamen Haus zu wohnen, das Gott uns anvertraut hat“.

 

 

Kardinal Peter K. A. Turkson

Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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