Samstag 21. Juli 2018
#211 - Januar 2018

Migranten und Flüchtlinge: Vorschläge von Papst Franziskus

„Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren“, so lautet der Grundtenor der Botschaft von Papst Franziskus zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings, der am 14. Januar 2018 begangen wird.

Eine Aufzählung bewährter Verfahrensweisen zur Bewältigung der Migrationsproblematik, in klaren, pragmatischen Worten und auf der Annahme basierend, dass sich Lösungen finden lassen, wenn der Wille dazu besteht: In seiner Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings, der am 14. Januar 2018 in Kirchen weltweit begangen wird, macht Papst Franziskus eine ganze Reihe konkreter Vorschläge und Vorgaben. Wir sprachen darüber mit P. Fabio Baggio C.S, dem Untersekretär der Abteilung Migranten und Flüchtlinge des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen.

 

Der Papst hat die Bedeutung der vier oben genannten Verben bereits erläutert. Welche neuen Elemente sind in seiner Botschaft enthalten?

 

Die Botschaft enthält praktische Leitlinien für die Umsetzung dieser Verben in der gegenwärtigen Situation. Der Papst verweist auf 20 Aktionen und Vorschläge, die sich aus unterschiedlichen bewährten Verfahrensweisen der katholischen Kirche ableiten lassen. Zu diesen Praktiken gehören die Schaffung legaler, sicherer Einreisemöglichkeiten für alle Migranten durch die Ausstellung humanitärer Visa, die Umsiedlung in Drittländer, Förderprogramme, humanitäre Korridore sowie Studentenvisa für junge Flüchtlinge, die in Flüchtlingscamps leben. Als Möglichkeit der sicheren und legalen Einreise und damit auch der besseren Integration schlägt der Papst beispielsweise die Familienzusammenführung vor, ein Prinzip, für das sich die Kirche schon immer eingesetzt hat.

 

Die Botschaft enthält einen eindringlichen Appell an die Kirche, diese bewährten Verfahrensweisen mit unmittelbarer Unterstützung der Bischofskonferenzen und der katholischen Organisationen weltweit zu verbreiten, indem ein Bewusstsein für die beiden Globalen Pakte geschaffen wird, welche in der zweiten Jahreshälfte 2018 von der internationalen Gemeinschaft zum Thema Flüchtlinge sowie zum Thema Migranten unterzeichnet werden sollen. Die auf der Soziallehre der Kirche basierenden 20 Aktionspunkte stellen bewährte Praktiken vor, die Lösungen für die gegenwärtigen Probleme bieten.

 

Was impliziert das Verb „beschützen“ in Bezug auf Migranten?

Der Papst verweist auf die Bedeutung des Schutzes von Migranten bei der Abreise und bei der Ankunft im Zielland, aber auch während ihrer Reise oder im Rahmen ihrer Entscheidung, zurückzukehren. Sie alle sollen die erforderlichen Informationen erhalten, die es ihnen erlauben, zu entscheiden, ob sie ihr Land verlassen oder nicht, und wenn ja, wann und auf welchem Wege. Sobald sie ihr Zielland erreicht haben, sollte ihnen Zugang zu Grundrechten wie Bildung und Gesundheit sowie zu Informationen gewährt werden, die ihnen helfen, rechtmäßig im Land zu bleiben bzw. ihren Aufenthaltsstatus zu legalisieren.

 

Und was bedeutet „fördern“?

Es bedeutet die Anerkennung der Fähigkeiten und Kompetenzen der Migranten beispielsweise durch die Validierung ihrer Studienzertifikate oder ihrer Kenntnisse, so dass sie ihr Bestes geben und ihre schulische oder universitäre Ausbildung vervollständigen können. Ihre beruflichen Qualifikationen müssen anerkannt werden, damit sie einen Beitrag zur Entwicklung des Gastlandes leisten können.

 

Des Weiteren sollten Migranten und Flüchtlingen, die bereits seit langer Zeit im Gastland leben, leicht zugängliche Möglichkeiten der Einbürgerung angeboten werden. Für Migranten ohne gültige Ausweispapiere, die seit 20 oder 30 Jahren im Gastland leben, sollten – wie bereits von einigen Ländern ins Auge gefasst – einfache Lösungen in Form spezieller Legalisierungsprogramme gefunden werden.

 

Das Jus sanguinis (Recht des Blutes oder Abstammungsprinzip) und das Jus soli (Recht des Bodens bzw. Territorialprinzip) können nebeneinander bestehen, wie dies bereits in mehreren Ländern der Fall ist. Meiner Ansicht nach sollte es weniger um das „Recht“ auf eine Staatsangehörigkeit, als vielmehr um die „Wahl“ einer Staatsangehörigkeit gehen, denn zu einer bestimmten Nation zu gehören ist über die rein rechtliche Komponente hinaus in erster Linie eine persönliche und verantwortungsbewusste Entscheidung. Und dies gilt in besonderem Maße für Migranten. Sich für eine bestimmte Staatsangehörigkeit zu entscheiden, bringt eine Reihe von Aufgaben und Pflichten mit sich, die sich in der Teilhabe am Wachstum und an der Entwicklung des Landes niederschlagen, in dem der Migrant zu leben beschlossen hat. Man ist nicht nur Bürger, weil man einen Pass besitzt; als Bürger geht man ernsthafte Verpflichtungen seinem Land gegenüber ein.

 

Es gibt aber Menschen, die befürchten, ihre Identität zu verlieren oder die das Gefühl haben, dass Fremde in ihr Land eindringen...

In der Menschheitsgeschichte haben nationalistische Regimes oft die Angst vor einer ausländischen Invasion für ihre Zwecke missbraucht. Andererseits hat das friedliche Zusammentreffen unterschiedlicher Völker einen erheblichen Beitrag zur Entstehung großer Zivilisationen geleistet. Es ist normal, dass wir Angst haben, wenn wir nicht wissen, wer an unsere Tür klopft. Angst beruht vorwiegend auf Vorurteilen und subjektiver Wahrnehmung. Derartige Gefühle müssen aber ernst genommen werden, da sie die Entscheidung, ob wir unsere Türen öffnen oder nicht, mit beeinflussen. Um die Angst zu überwinden, muss in bewusstseinsbildende Programme investiert werden; es müssen Fakten und Informationen über Migranten und Flüchtlinge bereitgestellt und eine Kultur der Begegnung gefördert werden.

 

Sich auf den anderen, den Fremden, den Ausländer zuzubewegen, ist nicht einfach. Kindern fällt dies relativ leicht, wohingegen Erwachsene oft zögern, weil sie befürchten, bei dieser Begegnung etwas zu verlieren. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Jede Begegnung bietet Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung und zur erneuten Bestätigung der eigenen Identität.

 

P. Fabio Baggio C.S

Untersekretär der Abteilung Migranten und Flüchtlinge des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen

 

auf der Grundlage eines von Patrizia Caiffa, AgenSIR, geführten Interviews

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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